Babelsberg - Die Titelmelodie der dänischen Kultserie „Die Olsenbande“ dudelte am Sonnabend gleich viermal durch das Babelsberger Karl-Liebknecht-Stadion. Immer dann, wenn ein Tor fällt, spielen sie beim Regionalligisten den eingängigen Dixieland-Song. In den Siebzigern und Achtzigern wurde die Krimiserie so erfolgreich in den Defa-Studios synchronisiert, dass die Zitate „Ich habe einen Plan“ von Gangsterboss Egon Olsen oder Benny Frandsens „Mächtig gewaltig, Egon!“ noch immer geflügelte Worte sind.

Und aktuell passen nicht nur die Melodie, sondern auch die Sprüche ganz gut zum SV Babelsberg 03. Neun Tore hat die Mannschaft von Trainer Almedin Civa in den vergangenen zwei Spielen beim Berliner AK (5:0) und Bautzen (4:0) erzielt, was ihr nach vier Partien in der Nordost-Staffel zumindest für eine Nacht die Tabellenführung einbrachte.

„Dass wir jetzt schon so weit sind, freut mich“, sagt Civa. „Aber ich schaue in diesem Jahr nicht nach Tabellenpositionen. Unsere jungen Spieler sollen aufblühen, sich entwickeln, und wir müssen unsere Linie beibehalten.“ Mit dieser Linie meint der frühere Profi Civa zum einen den in der Regionalliga ungewöhnlich spielerischen, kombinationsreichen, technisch anspruchsvollen Spielstil. Vor allem aber spricht Civa, 46, vom Babelsberger Wir-Gefühl, dass den ganzen Verein trägt. „Wir sind eine Einheit. Das ist unserer Stärke“.

Finanziell kann Babelsberg mit den Spitzenvereinen der Liga, wie den Absteigern Chemnitzer FC und Rot-Weiß Erfurt, keinesfalls mithalten. „Dieses Jahr ist die Liga besonders ausgeglichen“, sagt Civa. „Viele Teams haben viel Geld investiert, wollen unbedingt aufsteigen.“ Transparent rechnet der gebürtige Bosnier vor, dass er für seine 23 Spieler einen Gehaltsetat von 350.000 Euro zur Verfügung habe. Das sind gut 15.000 Euro pro Spieler – im Jahr.

Doppelte und dreifache Arbeit

Finanziell betrachtet liegt Babelsberg höchstens im Mittelfeld der Liga. Doch gelingt es dem Verein auch ohne das große Geld immer wieder, Spieler in die Filmstadt zu locken und sie (wieder) aufzubauen. Einen wie Tom Nattermann (fünf Saisontore) etwa, der bei RB Leipzig ausgebildet wurde. Oder wie der frühere Rostocker und Cottbuser Pieter Wolf (vier), der in diesem Jahr sein Abitur macht.

Das hat viel mit dem guten Vereinsklima zu tun, das auch davon lebt, dass so viele Mitglieder doppelt und dreifach anpacken. Civa ist ja nicht nur Cheftrainer, sondern auch Sportdirektor. Und die Aufgaben eines Assistenz- und Athletiktrainers erledigt er gleich mit. „Wenn andere zwei, drei Jobs gleichzeitig übernehmen, kann ich das auch. Meine Eltern haben auch zehn Stunden am Tag gearbeitet“, sagt er. „Ich lerne dabei sehr, sehr viel, weil der Verein mir das Vertrauen gibt.“

Civa weiß, wo der Verein herkommt. Er war bereits als Spieler knapp acht Jahre beim Potsdamer Klub und ging dann 2013 als Trainer und Sportdirektor in die Verantwortung. „Nach dem Abstieg aus der Dritten Liga war der Verein fast tot“, erinnert sich Civa. Vier Millionen Euro Schulden drückten die Babelsberger, die nun abgetragen sind. „Ich weiß wie schwer es ist, jeden Cent umzudrehen und dass vieles nicht machbar ist“, sagt der Trainer. „Aber ich würde mir wünschen, dass im Umfeld noch etwas Schub reinkommt.“ Vor allem finanziell, meint Civa, „um eines Tages mal richtig oben angreifen zu können.“

Demokratie stärken

Was das gesellschaftliche Engagement des SVB angeht, ist in der vergangenen Saison bereits mächtig gewaltig Schub reingekommen. Die nach rassistischen Vorfällen und fragwürdigen Sportgerichtsurteilen ins Leben gerufene Kampagne „Nazis raus aus den Stadien“ brachte weltweite Aufmerksamkeit für den Einsatz des Klubs gegen Rassismus und für Vielfalt. Das ist im Sport in dieser Deutlichkeit immer noch ungewöhnlich, aber notwendig – wie erst jüngst die Vorfälle gegen Chemnitz zeigten, als im Gästeblock eine Reichskriegsflagge gehisst und der Hitlergruß gezeigt wurde.

„Über die Kampagne haben wir viele Vereine aus der ersten und zweiten Liga wie Werder Bremen, Köln und Mainz kennengelernt, die ähnliche Arbeit machen“, sagt Marketingchef Thoralf Höntze. „Das hat uns bestärkt und beruhigt. Unser Alleinstellungsmerkmal ist, dass wir in der vierten Liga spielen und dennoch so engagiert sind.“

Über den Verkauf von T-Shirts und anderen Artikeln mit ihrem Slogan haben die Babelsberger Zehntausende Euro eingenommen und diese auch an kleinere Turniere und Vereine weitergeben, die sich für die gleiche Sache engagieren. Demnächst soll eine Soli-CD aufgenommen werden; am 2. September haben die Null-Dreier beim Zweitligaspiel St. Pauli gegen Köln einen eigenen Stand, wo eine St.-Pauli-braune Edition der „Nazis-raus“-Shirts verkauft wird; in diesem Jahr fand bereits das 16. antirassistische Stadionfest im Karli statt.

Nicht nur im Fußball, auch mit anderen Organisationen, die Demokratie stärken, vernetzt sich der Verein. „Es geht weit über plakative Kampagnen hinaus“, sagt Höntze. Civa ergänzt: „Es ist wichtig, dass man eine Position hat. Das hat nichts mit Politik zu tun, es geht um unsere Gesellschaft – Weltoffenheit, Vielfältigkeit, Menschlichkeit sind selbstverständlich.“ Anders als Egon Olsen scheinen sie in Babelsberg einen ausgeklügelten Plan mit viel Weitblick und Herzblut zu haben.