Berlin - Thomas Tuchel war geladen, das war nicht zu übersehen. Schon vor Weihnachten hatte der Teammanager des FC Chelsea den Verantwortlichen der Premier League heftige Vorwürfe gemacht, nun platzte ihm am „Boxing Day“ abermals der Kragen. Den Sieg gegen Aston Villa (3:1) nahm er mit zorniger Miene und sarkastischem Ton zum Anlass, gegen die aus seiner Sicht untragbaren Zustände in Zeiten von Corona zu wettern.

„Wir sind besorgt, ich bin super besorgt“, sagte Tuchel nach dem Spiel bei Sky Sports und attackierte all jene, die nur „in irgendwelchen Büros in Sesseln und am grünen Tisch sitzen“. Ein proppenvoller Spielplan, die vielen Verletzungen, dazu nur drei statt der in Europa weiter üblichen fünf Auswechslungen – und das alles eingedenk heftiger Corona-Ausbrüche: Tuchel versteht die Welt, in der er sich gerade bewegt, nicht mehr.

In die gleiche Kerbe schlug auch Jürgen Klopp. Der Liverpool-Coach sieht es als „großes Problem“ an, dass Spieler nach ihren Covid-Infektionen und Verletzungen sofort wieder eingesetzt werden müssen. „Wir lieben es doch alle, gesunde Spieler an ihrem Leistungslimit spielen zu sehen. Das ist momentan nicht der Fall“, sagte Klopp, der ebenfalls eine Erhöhung der Auswechslungen auf fünf fordert. „Nur drei Wechsel in der intensivsten Liga der Welt? Das ist nicht richtig“, sagte Klopp.

Für Tuchel wird mit der Gesundheit der Spieler gespielt, er nahm sich von der allgemeinen Kritik aber nicht aus: Er habe, klagte er, Callum Hudson-Odoi nach dessen Covid-19-Erkrankung „90 Minuten durchspielen lassen, weil wir andere Spieler vom Platz nehmen mussten“. Aus Mangel an Alternativen habe er zudem Mateo Kovacic „nach einer Verletzung und Covid ohne Vorbereitung oder Training“ einsetzen müssen.

Hudson-Odoi konnte nicht ausgewechselt werden, weil Tuchel Thiago Silva und N'Golo Kante verletzungsbedingt vom Platz hatte holen müssen. Außerdem habe er Romelu Lukaku, der zuletzt ebenfalls mit einer Corona-Infektion zu tun hatte, viel länger spielen lassen „als von der medizinischen Abteilung empfohlen“. Lukaku kam nach der Pause, er traf zum 2:1 und zeigte „eine gute Leistung“, sagte Tuchel, aber nein, „er war nicht bereit“.

Überhaupt findet Tuchel das alles nicht mehr okay. Bis zum 15. Januar soll das von Corona und Verletzungen geplagte Chelsea sechs Pflichtspiele bestreiten, für den Teammanager ein Unding: „Sie lassen uns spielen, selbst wenn wir Covid haben. Und wir spielen, aber das kann nicht der richtige Weg sein.“ Und was dieses Programm mit gerade genesenen Spielern mache, „wissen wir nicht, das weiß niemand“.

Was Tuchel weiß: Er hat nun wieder ein paar Verletzte mehr, und das, behauptet er, „wird nicht aufhören, das kann nicht aufhören“. Zumal er nur dreimal wechseln darf pro Spiel – was er ebenfalls nicht versteht: „Fünf Wechsel wurden wegen Corona eingeführt, ganz Europa hat fünf Wechsel, ganz Europa hat eine Winterpause, aber wir spielen durch. Aber auf wessen Rücken? Auf den Rücken der Spieler!“