Will die Deutungshoheit: DESG-Präsident Matthias Große.
Foto: Michael Hundt

BerlinDie Athleten sollen schweigen. Öffentlich sprechen möchte bitte nur noch der Präsident. Und auch für Medienkritik ist deshalb Matthias Große höchstpersönlich verantwortlich, neuerdings über die verbandseigenen Kanäle.

Seit einem Monat steht der Lebensgefährte von Claudia Pechstein kommissarisch der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) vor. Seither weht ein neuer Wind im kriselnden Verband. Große, der am 19. September im Amt bestätigt werden will, kämpft um die Deutungshoheit. Der Unternehmer hat dafür Werbung in eigener Sache betrieben. Er zog einen Hauptsponsor an Land, stattete die Geschäftsstelle mit Computern aus, die Stützpunkte mit Bussen.

Sein Führungs- und Kommunikationsstil ist fragwürdig. Von den Athleten ist Verunsicherung zu vernehmen. Vor allem die Entlassung des Bundestrainers Erik Bouwman, der sich mit Pechstein und Große überworfen hatte, irritiert die Sportler. Denn außer der Eisschnellläuferin und ihrem Lebensgefährten hat niemand etwas davon.

In einem Schreiben vom 2. Juli, adressiert an die Mitglieder und Athleten der DESG, bat das Präsidium „inständig“ darum, sämtliche Presseanfragen an die Pressestelle der DESG zu verweisen – praktisch direkt an Große. Es gehe dem Verband darum, „als Gemeinschaft aufzutreten und eine einheitliche, externe Kommunikationsstrategie auf den Weg zu bringen“.

„Seit der kommissarischen Präsidentschaft kommen Sportler auf mich zu und sagen – ungefragt –, dass sie Bedenken haben, ihre Meinung zu äußern, weil sie nicht wissen, ob sie dann ihren Kaderstatus behalten“, sagte Athletensprecher Moritz Geisreiter der SZ. „Solch eine Angst darf niemand haben. Das ist ein klarer Rückschritt und spiegelt das Gegenteil vom Versuch einer konstruktiven Einigung.“

Leon Kaufmann-Ludwig, Athletensprecher der Shorttracker, erhielt ähnliche Rückmeldungen. „Das klingt aus meiner Sicht wie ein Maulkorb. Jetzt denken viele ganz genau nach, ob und mit wem sie kritische Gedanken teilen.“ Eine Klärung zwischen den Athletenvertretern und Große fand laut Geisreiter „trotz verschiedener vorgeschlagener Zeiträume an zwei Tagen und mehrerer Anfragen an ihn unsererseits“ nicht statt.

Manuel Gras aus Erfurt äußert sich trotz der DESG-Vorgabe. Er gehört aktuell zum Ergänzungskader. Sein Ziel ist Olympia 2022. Mit Bouwman sah er sich dafür gut gewappnet. Er habe sich in einem Gefüge befunden, „in dem ich mich absolut wohlgefühlt habe und von dem ich überzeugt war“, sagte Gras: „Man ist mitten in der Saisonvorbereitung und das Konstrukt, das gut funktioniert, wird einfach ohne Vorwarnung auseinandergerissen. Das ist für mich als Athlet sehr unschön.“