Berlin - Franziska Preuß? Mit einer Fußverletzung außer Gefecht. Denise Herrmann? Zuletzt von einer hartnäckigen Erkältung zurückgeworfen. Die größten deutschen Medaillenhoffnungen gehen mit Sorgen ins Olympiajahr. Über der Leistungsfähigkeit der deutschen Biathletinnen beim Heimweltcup in Oberhof stehen deshalb große Fragezeichen, die anfangs kritisch beäugten Männer werden es wohl richten müssen. Denn die sind trotz des Rücktritts von Frontläufer Arnd Peiffer auf dem Weg zurück in die Weltspitze.

„Jeder dachte, dass wir in ein Riesenloch fallen. Uns wurde nichts zugetraut“, sagte Bundestrainer Mark Kirchner: „Wir haben gezeigt, dass wir zu Sieg- und Spitzenleistungen fähig sind. Damit hat sicherlich keiner von außen gerechnet.“ Der Sensationssieg von Johannes Kühn im Sprint von Hochfilzen sei die „Zündung“ gewesen, führte der 51-Jährige aus. In Annecy schafften es vor der Weihnachtspause gleich vier verschiedene Athleten in die Top Ten.

„Es ist Potenzial vorhanden“, so Kirchner: „Wir haben aktuell aber keinen wirklich kompletten Athleten, der in beiden Teilbereichen kontinuierlich Spitzenleistungen abliefert. Deshalb ist es ein Auf und Ab. Wenn die Komplexleistung passt, sind wir international konkurrenzfähig.“ Das sei zu diesem Zeitpunkt des Generationswechsels schonmal „sehr positiv“. Die dreimalige Olympiasiegerin Kati Wilhelm sieht trotzdem vor allem Nachholbedarf in der Entwicklung junger Athleten. „In der öffentlichen Wahrnehmung haben Ausnahmetalente wie Magdalena Neuner und Laura Dahlmeier vielleicht auch überspielt, dass schon länger nicht mehr wie in meiner Zeit eine breite Basis mit vier oder fünf Athleten vorhanden war, die aufs Podium laufen konnten“, sagte die 45-Jährige im Interview mit der Deutschen Sporthilfe. „In Peking wird es von der Tagesform abhängen“, so Wilhelm mit Blick auf schwankende Leistungen, „wobei deutsche Staffeln immer mit um die Medaillen kämpfen können.“

An der fehlenden Konstanz werde sich in diesem Winter „nichts mehr groß ändern“, prophezeite der Bundestrainer: „Viele Athleten sind in einer Phase, in der sie sich die Konstanz antrainieren müssen.“ Über Jahre ein Wackelkandidat war Kühn, das Stehendschießen wirkte wie eine unüberwindbare Baustelle. Nachdem er im zweitklassigen IBU Cup in die Saison startete, wirkt sein Aufstieg innerhalb weniger Wochen fast schon märchenhaft.

„Es ist sicher noch Luft im Stehendschießen. Aber er hat die Ausfälle mit drei, vier Fehlern minimiert. Das lässt einen optimistisch in die Zukunft blicken“, lobte Kirchner. Kühn selbst sieht sich trotz fünf Platzierungen unter den besten 15 noch nicht in der absoluten Weltspitze. Er sei kein „Emilien Jacquelin, Quentin Fillon Maillet oder Johannes Thingnes Bö, die so oft gewinnen“, sagte der 30-Jährige.

Das ist auch Lokalmatador Erik Lesser nicht. Während vier seiner Teamkollegen schon die komplette Olympia-Norm erfüllt haben, steht der Wahloberhofer vier Wochen vor Peking unter Zugzwang. „Ich möchte die zweite Hälfte der Olympianorm erreichen“, gab der 33-Jährige als Marschroute aus.

Die Norm hatten Preuß und Herrmann längst in der Tasche, ehe die Probleme begannen. „Sorgen muss man sich keine machen“, beschwichtigt Kirchner. Preuß habe nach ihrer bei einem Treppensturz zugezogenen Fußverletzung „genügend Zeit, um mit entsprechendem Training bis Peking stark zurückzukommen“. Auch bei Herrmann sei er trotz der Erkältung vor Weihnachten optimistisch, „dass sie sich bei den Olympischen Spielen stark präsentiert“.

Sie nehme sich nach ihre kurzen Zwangspause keine „konkrete Zielplatzierung“ vor, sagte Herrmann vor dem Auftakt am Freitag (11.30 und 14.15 Uhr/ARD und Eurosport) mit den Sprints. Zumindest spüre sie gesundheitlich keine „großen Nachwehen“. Vielleicht kann die 33-Jährige die Männer ja doch bei der Jagd nach Spitzenplätzen unterstützen.