Özil-Krach beim DFB: Ein Lehrstück über missratenes Krisenmanagement

Für gewöhnlich gelten Journalisten und Politiker als wortgewandt und rhetorisch geschult. Bei beinahe jedem öffentlichen Anlass hat der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Reinhard Grindel, sich bemüht zu belegen, dass er gleich beides beherrscht, Wortwahl und Rhetorik. Dass er als Fußball-Parvenü das höchste nationale Amt in dem Sport im Quereinstieg erobern konnte, soll auch daran gelegen haben, dass er mit anderen Funktionären dank der unfallfreien Verwendung einiger Fremdwörter leichtes Spiel hatte.

Wie heikel seine Lage nach gerade mal zwei Jahren im Amt geworden ist, belegt daher dieser Montag. Der eitle CDU-Mann Grindel, der stets den Eindruck erweckte, gern vor möglichst vielen Kameras möglichst oft aufzutreten und viel zu erzählen, ganz so, als habe er das ZDF nie verlassen, bestätigte dem Fernsehsender Phoenix nur, dass sein Verband eine Stellungnahme zum Rücktritt von Nationalspieler Mesut Özil veröffentlichen werde. Er nahm nicht sofort Stellung. Und in dem Papier rückte das Präsidium später so weit von ihm ab, dass es keinen einzigen Satz zur Verteidigung des Bosses formulierte.

Spätestens mit dem finalen Teil seiner gedrittelten Erklärung hatte Özil am Sonntagabend etwa zur Tagesschau-Zeit den großen Boss des deutschen Fußballs selbst ins Visier genommen. Besser nehmen lassen, denn keiner, der den eher schüchternen Özil kennt, kam nach Lektüre seines Manifests zu der Überzeugung, Özil könne auch nur ein Wort davon selbst geschrieben haben.

DFB verlor völlig die Kontrolle

Nicht nur, weil der Spieler, der mit seinem älteren Bruder Mutlu und zwei jüngeren Schwestern in der Bornstraße im Gelsenkirchener Stadtteil Bulmke-Hüllen aufwuchs, in seinen Konten der sozialen Netzwerke nur einen Text in englischer Sprache veröffentlichte, nicht in seiner Muttersprache Türkisch, nicht in seiner Schulsprache Deutsch. Auch inhaltlich fiel die Abrechnung gewiefter aus, als es Beobachter Özil selbst zugetraut hätten. Was aber vor allem zählte: Özil brachte auf den Punkt, wie sehr im Stich gelassen er sich vom DFB fühlt.

Für dessen Boss Grindel darf nur der Inhalt eine Rolle spielen. In dem  Text gibt Özil den durch sein missratenes Krisenmanagement und seine opportunistische Politik in den internationalen Gremien angezählten Grindel zum Abschuss frei. Er beschreibt ihn als eitlen, kühlen, fremdenfeindlichen Machtpolitiker ohne große Integrität und Integrationskraft. Folgt man Özils Worten, steht an der Spitze des größten deutschen Sportfachverbandes ein Mann stark rechter Gesinnung, der auf die Spaltung der Gesellschaft abzielt und sich an Deutschen mit Migrationshintergrund abarbeitet.

Damit spätestens erhielt die Debatte um ein womöglich nur törichtes und in seinen Folgen unterschätztes Foto eines bekannten Nationalspielers einen neuen Stellenwert: Plötzlich ging es um den Integrationswillen und die -fähigkeit der deutschen Gesellschaft. Plötzlich hatte nicht nur der dilettierende DFB  völlig die Kontrolle verloren.

Gelungene Ablenkung

Als „Leseempfehlung“ retweetete der brasilianische Autor Paulo Coelho, der Schriftsteller mit der größten Fangemeinde in den sozialen Netzwerken weltweit, Özils dritten Abrechnungsteil zum DFB unter dem Auszug „Wenn wir verlieren, bin ich ein Immigrant“ und mit einer anerkennenden Wertung: „Egal, was sie sagen, du warst, bist und wirst immer ein Sieger sein, Özil“.

Aus Özils Sicht ist vor allem der dritte Teil der Abhandlung gelungen, weil er die Diskussion von den Punkten, an denen der Fußballer  verwundbar ist, ablenkt. Von der fehlenden Sensibilität beim Fototermin mit dem türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan, der alle Werte, die der demokratischen Grundordnung Deutschlands zugrunde liegen, mit Füßen tritt. Und von der  aberwitzigen Naivität im Erklärungsversuch Özils, er habe in dem Foto keine politische Dimension erkannt. Stattdessen stilisiert der dritte  Teil des Textes, noch mehr als die beiden anderen, Özil zum Opfer eines fremdenfeindlichen Verbandes und Volkes.

Der schüchterne Junge aus Gelsenkirchen

Dabei liegt die Wahrheit eher in der Mitte. So wenig Özil, dieser junge Deutsche mit türkischen Wurzeln, der es mit Fußball zum mehrfachen Millionär gebracht und Deutschland vor acht Jahren zur Arbeit im Ausland verlassen hat, zu jenem Symbol gelungener Integration taugte, zu der ihn der DFB gern machte, so wenig Aussagekraft hat sein Schicksal über die Integrationsfähigkeit der deutschen Gesellschaft.

Als Straßenfußballer hat Mesut Özil in einem dieser vergitterten Plätze deutscher Großstädte mit dem Kicken begonnen, in der Gelsenkirchener Olgastraße. „Er war sehr klein und dünn und hat kaum gesprochen“, sagte Ralf Maraun, in der F-Jugend bei Westfalia 04 Gelsenkirchen Özils erster Trainer, „aber auf dem Platz war er ein Riese und hat die Gegner fast alleine vernascht.“ Kindheit und Jugend Özils sind türkisch geprägt. Im Gefolge des Vaters Mustafa tingelte Özil an Wochenenden über die Ascheplätze des Ruhrpotts, von der Gesamtschule Berger Feld in Buer ging er mit der mittleren Reife ab. Weil Politiker wie der CDU-DFB-Mann Grindel sich gegen eine doppelte Staatsbürgerschaft wehrten, musste Özil mit der Volljährigkeit wählen: Er legte die türkische ab und wurde Deutscher. Womöglich auch, weil er sein Ziel so besser verwirklichen konnte: Weltmeister werden. „Fußball ist international“, hat er mal gesagt, „das hat nichts mit den Wurzeln der Familie zu tun.“

Sein Vater ist dadurch aufgefallen, ohne Rücksicht auf die Interessen des Sohnes ein Optimum herauszuholen. Wenn Özil einen Verein wechselte, floss häufig böses Blut. Schon, als er mit 18 von Schalke 04 nach Bremen wechselte. Aber auch, als er Real Madrid verlassen musste, weil sein Vater angeblich dasselbe Gehalt wie für Cristiano Ronaldo aushandeln wollte. Weil er lieber in Madrid bleiben, statt nach London wechseln wollte, hat Özil sich vom Vater als Berater getrennt.

Nun lässt er sich vom promovierten Juristen Erkut Sögüt und dessen Leuten managen und von Harun Arslan, dessen ARP Sportmarketing auf den englischen Markt spezialisiert ist, sich aber auch um Vertragsverhandlungen des deutschen Bundestrainers Joachim Löw gekümmert hat. Sie dürften die Spindoktoren der  Erklärungen Özils sein.

Eilig hat daher die Politik versucht, die Dinge wieder in den Zuständigkeitsbereich umzusiedeln, in den sie gehören. „Die Bundeskanzlerin“, teilte eine Regierungssprecherin  mit, „schätzt Mesut Özil sehr. Mesut Özil ist ein toller Fußballspieler, der viel für die Fußball-Nationalmannschaft geleistet hat.“ Auch die Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) twitterte eilig: „Es ist ein Alarmzeichen, wenn sich ein großer, deutscher Fußballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt.“

Eingeholt von der Politikervergangenheit

Im DFB haben sie wieder mal alle Hände voll zu tun. „Die Sache, die mich wahrscheinlich am meisten in den vergangenen Monaten frustriert hat, war die schlechte Behandlung durch den DFB, und vor allem durch den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel. Nach meinem Bild mit Präsident Erdogan wurde ich von Joachim Löw gebeten, meinen Urlaub zu verkürzen, nach Berlin zu reisen und ein gemeinsames Statement abzugeben, um alle Diskussionen zu beenden und die Sache richtig zu stellen“, hieß es in Özils Abrechnung, „als ich Grindel mein Erbe, meine Vorfahren und die daraus entstandenen Gründe für das Foto zu erklären versuchte, war er viel mehr daran interessiert, über seine eigenen politischen Ansichten zu sprechen und meine Meinung herabzusetzen.“ Und er folgerte: „Ich werde nicht länger als Sündenbock dienen für seine Inkompetenz und seine Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu erledigen. Ich weiß, dass er mich nach dem Foto aus dem Team haben wollte.“

Özils Leute haben in Grindels politischer Vergangenheit gegraben. Der Mann, der zuweilen daherkommt wie Balou, der Bär, mühte sich als CDU-Politiker mit Machtinstinkt  im Wahlkreis Rotenburg/Heide, am rechten Rand zu fischen. „Reinhard Grindel, ich bin sehr enttäuscht, aber nicht überrascht von Ihrem Handeln“, kritisierte Özil, „2004, als Sie Mitglied des Bundestages waren, haben Sie behauptet, dass ‚Multikulturalität ein Mythos und eine lebenslange Lüge‘ sei. Sie haben gegen Gesetze für Doppel-Nationalitäten und Strafen für Bestechung gestimmt, und Sie haben gesagt, dass die islamische Kultur in vielen deutschen Städten zu tief verwurzelt sei. Das ist nicht zu vergessen und nicht zu verzeihen.“
Alles gipfelte in der Rücktrittsforderung: „Leute mit rassistisch diskriminierendem Hintergrund sollten nicht länger im größten Fußballverband der Welt arbeiten dürfen, der viele Spieler aus Familien verschiedener Herkunft hat. Einstellungen wie Ihre reflektieren nicht die Spieler, die sie repräsentieren sollen.“

Am Nachmittag hatten die DFB-Funktionäre ihre erste Reaktion parat: nach einer Telefonkonferenz des Präsidiums einen Text zu den demokratischen Werten, die der DFB vertritt. „Der DFB bedauert den Abschied von Mesut Özil aus der Nationalmannschaft“, heißt es, „das ändert aber nichts an der Entschlossenheit des Verbandes, die erfolgreiche Integrationsarbeit weiter konsequent und aus tiefer Überzeugung fortzusetzen.“ Zum Präsidenten Grindel kein Wort.