Schwere Muskelverletzungen? Sind beim 1. FC Union Berlin die absolute Ausnahme, obwohl das Spiel der Eisernen unter der Führung von Coach Urs Fischer von einer unglaublichen Intensität und von der Lust auf Zweikämpfe geprägt ist. Spieler, die gegen Ende der Saison in den letzten Minuten einer offenen Partie von Wadenkrämpfen geplagt werden? Gibt’s woanders, aber nicht in Köpenick, obwohl das Team des 56 Jahre alten Fußballlehrers seit dem Aufstieg vor drei Jahren in der Kategorie Laufleistung Saison für Saison unter den Top drei platziert war.

Die Unioner dürfen also getrost als die Nimmermüden bezeichnet werden. Was zum einen ganz viel mit Fischer zu tun hat, der seine Mannschaft insbesondere in der vergangenen Spielzeit mit großem Erfolg durch drei Wettbewerbe rotiert hat. Zum anderen aber auch mit Athletiktrainer Martin Krüger, der offensichtlich in Sachen Trainingssteuerung, aber auch in Sachen Vorbereitung den richtigen Dreh raus hat.

XXL-Winterpause stellt große Herausforderung dar

Ab Montag, wenn die Eisernen mit den inzwischen schon traditionellen Belastungstests in die sechswöchige Aufbauphase für die kommende Saison starten, ist Krüger jedenfalls erst mal wieder derjenige, der die Profis schindet. Mit Belastungen bis hinein in den anaeroben Bereich und mit einem für Fußballprofis doch gern mal lästigen Zirkeltraining. Gemäß dem Motto: Wer schwitzt, gewinnt. Oder: Wer hart, aber mit dem rechten Maß trainiert, hat mehr vom Spiel und von der Spielzeit.

Krüger, der von Fischers erstem Tag an vom Schweizer bei der Belastungssteuerung nahezu freie Hand bekommen hat, wird also die Basis legen, damit die Unioner am 1. August, wenn sie in der ersten Runde des DFB-Pokals beim Chemnitzer FC zu Gast sind, keine böse Überraschung erleben. Damit sie am 6. oder 7. August zum Auftakt der Bundesligasaison 2022/23 im Derby gegen Hertha BSC gleich mal wieder ein Ausrufezeichen setzen können. Der Aufschwung, den der Klub genommen hat, da mag auch mal wieder der Klassenerhalt das oberste Ziel sein, soll ja eine Fortsetzung erfahren.

Wobei die kommende Saison aufgrund der Weltmeisterschaft in Katar (21. November bis 18. Dezember) und der damit einhergehenden XXL-Winterpause für die Trainerteams eine neue Herausforderung darstellt. Altbewährtes kann, muss aber nicht funktionieren. Die längste Länderspielpause in der jüngeren Geschichte des Klubfußballs zwingt die Verantwortlichen allemal zum Umdenken, womöglich auch zur Improvisation. Schickt man die Profis, die nicht an der WM teilnehmen, zwischen dem 15. Spieltag (12. November) und dem 16. Spieltag (21. Januar 2023) der Bundesliga erst mal in den Urlaub? Und wenn ja: Wie lange?

Abschied von Prömel wiegt schwer

So wichtig wie das Körperliche ist in den kommenden Tagen beim Berliner Bundesligisten allerdings auch das Zwischenmenschliche. Erneut müssen allerlei Neue in die Gemeinschaft integriert werden. Erneut geht es darum, möglichst schnell eine Einheit zu bilden.

Dabei ist es alles andere als förderlich, dass Kapitän Christopher Trimmel aufgrund seiner jüngsten Einsätze in der österreichischen Nationalmannschaft auf jeden Fall nicht mit ins Kurztrainingslager nach Bad Saarow kommen und womöglich erst in zwei Wochen ins Mannschaftstraining einsteigen wird. Auch der Abschied des sozialkompetenten Grischa Prömel wiegt in diesem Zusammenhang schwer.

Sieben Neue sind es bis dato, weitere könnten hinzukommen, wenn die Kaderplaner der Premier-League-Klubs mit dem fast schon traditionellen Verzug ernst machen. Wenn also das Interesse an Taiwo Awoniyi und Sheraldo Becker tatsächlich mit konkreten Angeboten hinterlegt wird und Unions Kaderplaner Oliver Ruhnert folglich mit entsprechenden Neuverpflichtungen auf den Qualitätsverlust reagieren muss.

Ein Kader sei immer „fragil“, hat der Geschäftsführer Profifußball zuletzt wiederholt betont. Und weil die Transferperiode erst am 1. September endet, kann die Saisonvorbereitung schon seit geraumer Zeit nicht mehr als geschlossener Prozess betrachtet werden.