Berlin - Wahrscheinlich hätte sich Sebastian Andersson gerne selbst belohnt und seinen Einsatz beim 2:2 im Relegationshinspiel seines 1. FC Union beim VfB Stuttgart veredelt − mit einem Tor. Allein das Schicksal und Stuttgarts Torhüter Ron-Robert Zieler verhinderten diese Krönung seiner Leistung, die nach einer Saison vieler Aufs und einiger Abs für den schwedischen Stürmer als vorläufiger Scheitelpunkt bezeichnet werden konnte.

„Sebastian war viel unterwegs, hat als erster Defensivspieler an der Spitze viel für die Mannschaft gearbeitet und insgesamt ein sehr gutes Spiel absolviert“, analysierte Unions Trainer Urs Fischer nach dem Spiel gewohnt sachlich. Der Schweizer versäumte es allerdings, das auszusprechen, was für jeden im Stuttgarter Stadion und an den Fernsehbildschirmen offensichtlich war.

Andersson war der Schlüsselspieler für die Eisernen an diesem rauschvollen Fußballabend – und erbrachte so ganz nebenbei den Nachweis seiner Bundesligatauglichkeit. Was nach zweimal zwölf Saisontoren im deutschen Unterhaus, 2018 für den 1. FC Kaiserslautern, 2019 für die Eisernen, erst mal nicht überraschend, in Anderssons Fall aber nicht selbstverständlich ist. Das liegt an seiner speziellen Geschichte.

Kurz vorm Karriereende

Die Karriere des 27-Jährigen war ein stetes Durchbeißen. Ob als Jugendkicker oder als Profi − nie war Andersson in seinen Mannschaften der unangefochtene Stürmer Nummer eins. Immer wieder sah er sich auf seiner Position mit starker Konkurrenz konfrontiert – und setzte sich fast immer durch.

Lediglich beim schwedischen Traditionsklub Helsingborgs IF, wo Andersson von der Tribüne aus seinem Idol Henrik „Henke“ Larsson beim Ausklang seiner Karriere zujubelte, flüchtete er vor dem Leistungsdruck im Nachwuchsbereich. „Ich war 15, 16 Jahre alt und hatte einfach die Motivation verloren. Wir trainierten fast täglich zweimal, keiner meiner Freunde spielte auch Fußball. Ich dachte an einem gewissen Punkt: Ich höre auf und spiele nur noch zum Spaß.“

Statt des vorzeitigen Karriereendes ging es jedoch zu Ängelholms FF in die zweite schwedische Liga, von wo er sich über die Stationen Kalmar FF, Djurgardens IF und IFK Norrköping schließlich 2017 für Kaiserslautern empfahl. Schon damals bescheinigte ihm der damalige Sportdirektor Boris Notzon eine „hohe Durchsetzungsfähigkeit“ und lag auf lange Sicht goldrichtig.

Dass Andersson ausgerechnet beim Absteiger, anders als bei seinen früheren Stationen, reihenweise Tore erzielte, konnte sich der Schwede aber selbst nicht erklären. „Ich habe nicht damit gerechnet, zwölfmal zu treffen. Die Tore sind einfach so gekommen“, erinnerte er sich zu Saisonbeginn, nachdem der 1. FC Union ihn ablösefrei vom Traditionsklub aus der Pfalz verpflichtet hatte.

Verklärtes Spiel

Und er traf weiter. Nach drei Saisonspielen hatte Andersson bereits ebenso viele Torerfolge auf dem Konto; was auch daran lag, dass er zu Beginn des historischen Spieljahres der Eisernen aufgrund der schweren Verletzung von Sebastian Polter in der Sturmspitze praktisch konkurrenzlos war. Die ersten sieben Partien bestritt er komplett, ehe sich aber doch merkliche Ermüdungs-Symptome offenbarten. Die Spritzigkeit der ersten Partien war dahin, immer öfter rieb sich Andersson nun an den Gegenspielern auf und drohte nach Polters Genesung seinen Stammplatz zu verlieren.

Als Urs Fischer tatsächlich zunehmend auf den ehrgeizigen Publikumsliebling setzte, murrte Andersson: „Du weißt nie, ob du von Beginn an ran darfst. Es ist schwer, ein Spiel zu spielen, dann wieder für ein oder zwei Partien draußen zu sein, um dann wieder für ein Spiel reinzukommen. Da bekommt man keinen Rhythmus.“

Doch das eigentliche Spiel des Schweden wurde durch dessen Torgefahr zu Saisonbeginn ohnehin ein wenig verklärt. Andersson ist kein klassischer Goalgetter, sondern viel mehr ein Arbeiter, der akribisch erfüllt, was Urs Fischer von ihm verlangt. Kein Zweitligaprofi stellte sich in der vergangenen Saison mehr Zweikämpfen als er (1 080). Er riss damit unablässig Lücken für seine Mitspieler, die vor allem Grischa Prömel (sieben Tore), Akaki Gogia oder Joshua Mees (beide sechs) recht gerne nutzten. Genau deshalb hat ihn Fischer mittlerweile zur Nummer eins im Sturmzentrum erkoren und ihn im so wichtigen ersten Endspiel um den Aufstieg einem mit Sicherheit angefressenen Polter vorgezogen.

Und so war es umso wichtiger, dass der Schwede dieses Vertrauen auch diesmal zurückzahlen und beweisen konnte, dass er nicht nur ein Durchbeißer und Kämpfer und auch kein Gelegenheitstorjäger ist, sondern absolut bundesligatauglich. Zu Saisonbeginn sagte Andersson einmal: „Vielleicht ist das gerade die beste Zeit, die ich in meiner Karriere habe.“ Wenn er am Montag in der Alten Försterei noch einmal eine solche Leistung wie im Hinspiel abruft, dann kann er sicher sein, dass er seine beste Zeit noch vor sich hat.