Oliver Bierhoff – draußen nie geliebt und intern nun nicht mehr genug geschätzt

Mit dem DFB-Campus hat der frühere Nationalspieler sein Lebenswerk geschaffen. Die Abrundung seiner DFB-Karriere bei der EM 2024 wird er nicht erhalten.

Nach 18 Jahren endete für Oliver Bierhoff am Montagabend seine Tätigkeit als DFB-Funktionär.
Nach 18 Jahren endete für Oliver Bierhoff am Montagabend seine Tätigkeit als DFB-Funktionär.dpa/Federico Gambarini

Zu seinem dann doch recht überstürzten Abschied zu einer ungewöhnlich späten Zeit am Montagabend hat Oliver Bierhoff eine längere persönliche Erklärung abgegeben. Sie war schon am Abend zuvor angefangen und dann über den Tag seines Rücktritts präzise ausformuliert worden. Sie liest sich zweigeteilt. Erstens übernimmt der 54-Jährige nach anfangs überaus erfolgreichen, am Ende aber auch lähmenden 18 Jahren die politische und operative Mitverantwortung für das zweifache Scheitern in Folge in den Gruppenspielen der Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar. Das war überfällig. Der durchaus zur Hybris neigende Bierhoff sollte es besser aus Überzeugung getan haben und nicht nur, um dem Druck der Öffentlichkeit zu entgehen.

Zweitens verweist der einstige Visionär aber auch selbstbewusst auf das, was er beim Deutschen Fußball-Bund in jahrelanger Überzeugungsarbeit durchgesetzt hat und was dort in Stein gemeißelt mehrere Generationen von Fußballspielern begleiten wird: den DFB-Campus mit der Innovations-Akademie auf der alten Galopprennbahn in Frankfurt. Den 150 Millionen teuren Bau könnte man jetzt, da er nicht mehr da ist und sein gläsernes Büro mit Blick auf den Trainingsplatz schon wieder räumen muss, in Oliver-Bierhoff-Campus umbenennen. Denn eines ist unzweifelhaft: Ohne die Hartnäckigkeit des Ex-Nationalspielers, der draußen wenig geliebt und drinnen doch meist geschätzt wurde, wäre dieses Zukunftsprojekt niemals zustande gekommen. Denn es gab sonst lange Zeit niemanden im Deutschen Fußball-Bund, der dieses Unternehmen von Herzen unterstützt hätte.

Der DFB-Campus ist Oliver Bierhoffs Lebenswerk

Bierhoff hat verdammt dicke Bretter gebohrt. Darauf darf er zu Recht stolz sein. Der Campus ist sein Lebenswerk, genau wie sein Anteil am WM-Titel 2014, für den er mit einer halsbrecherischen Entscheidung den Grundstein legte. Morgenmuffel Bierhoff ließ von einem Münchner Unternehmer unter hohem Zeitdruck an der brasilianischen Atlantikküste eine ganz nach den Wünschen des DFB ausgestattete Unterkunft direkt am Strand bauen, die seit dem Abzug des Weltmeisters als exklusive Urlaubsanlage dient. Das Campo Bahia erlangte Weltruhm. Man erreicht es nur über eine 15-minütige Fährverbindung. Dahinter steckt ein typisches Bierhoff-Konzept. Der über ein Fernstudium parallel zu seiner Profikarriere zum Diplom-Kaufmann gelangte ehemalige Strafraumstürmer, Spross eines RWE-Topmanagers, pflegt grundsätzlich groß zu denken. Die kleinen Karos sind ihm immer fremd geblieben. Die Niederungen des Amateurfußballs ebenso.

Das mag auch daran liegen, dass er aufgrund seines Elternhauses bescheidene Lebensumstände nie erlebt hat. Daheim am Starnberger See besitzt der mit seiner Schwester in Essen aufgewachsene Unternehmersohn mit seiner Familie ein opulentes Anwesen. Geld genug hat er verdient in seiner aktiven Karriere, danach mit einer florierenden Werbeagentur und 18 Jahren als Führungskraft in Diensten des DFB.

Er musste als Profi einige mühselige Umwege gehen und schmerzliche Rückschläge hinnehmen, ehe die Laufbahn erst recht spät in Italien Fahrt aufnahm. Nach seinem Golden Goal als Einwechselspieler bei der EM 1996 wurde er auch zur Werbeikone. Dennoch fühlte er sich als Fußballprofi nie ganz anerkannt. Gerne verwies er darauf, dass der „Anti-Kicker“  immerhin zweimal Torschützenkönig in der Serie A wurde. Er hat sich immer irgendwie durchgesetzt, auch gegen Anfeindungen. Denn er ist auch stoisch und von unerschütterlichem Selbstvertrauen, das bisweilen die Grenze der Arroganz geringfügig überschreitet. Das gilt ja auch für sein Buch „Spielunterbrechung – man muss nicht schnell laufen, man kann auch richtig stehen“, in dem er seine Werte und Ansichten verkaufte. Mit eher mäßigem Erfolg.

Mögliche Bierhoff-Nachfolger: Sammer, Lahm oder Bobic?
Matthias Sammer (55)
Der ehemalige Weltklassespieler wünscht sich wieder einen Sportdirektor beim DFB. Er habe genug Fehler gemacht in seinem Leben, aber auf die Idee, diese Position abzuschaffen, müsse man erst mal kommen, sagte Sammer, der in dieser Funktion zwischen 2006 und 2012 beim DFB gearbeitet hat. Er brachte Lothar Matthäus (61) ins Spiel, gilt aber auch selbst als möglicher Bierhoff-Nachfolger.

Philipp Lahm (39)
Der Weltmeister-Kapitän von 2014 ist ein logischer Kandidat. Doch Lahm hat derzeit andere Aufgaben. Er ist Turnierdirektor der Heim-EM 2024 und Berater beim VfB Stuttgart. Lahm ist über die Situation mit Blick auf das erhoffte Sommermärchen 2.0 aber besorgt. Das Abschneiden der DFB-Auswahl in Katar sei „eine Katastrophe“.

Fredi Bobic (51)
In Frankfurt gefeiert, durchlebt der Europameister von 1996 als Geschäftsführer beim Bundesligisten Hertha BSC schwierige Zeiten. Für die Aufarbeitung des WM-Debakels erhofft sich Bobic „einen harten, klaren und offenen Austausch“.

Michael Zorc (60)
Die BVB-Legende machte nach 17 Jahren als Sportdirektor im Sommer Platz für Sebastian Kehl. Zorc hat in dieser Zeit vertrauensvoll mit DFB-Vize Hans-Joachim Watzke zusammengearbeitet. Sein Vorteil: Er wäre sofort verfügbar.

Benedikt Höwedes (34)
Der Weltmeister von 2014 verstärkt seit Sommer 2021 das Teammanagement der Nationalmannschaft. Von allen gehandelten Kandidaten ist er am nächsten dran. Auch Bierhoff begann nach seiner Karriere in dieser Rolle beim DFB.

Celia Sasic/Nadine Keßler (beide 34)
Oder wird es eine Frau? Die zweimalige Europameisterin Sasic übt gerade mit viel Leidenschaft ihre Rolle als EM-Botschafterin für 2024 an der Seite von Lahm aus. Die dreimalige Champions-League-Siegerin Keßler leitet bei der Uefa die Abteilung Frauen-Fußball. (sid)

Als Kapitän der Nationalmannschaft setzte der unbequeme Mittelstürmer durch, dass jeder Spieler bei Länderspielen das Schuhwerk des individuellen Vertragspartners tragen darf und nicht, wie seit dem WM-Titel 1954 üblich, die von Adidas. Später kam es nicht von ungefähr, dass er dem DFB ein Angebot von Adidas-Konkurrent Nike zutrug, was im Verband und bei dessen fränkischem Ausrüster als Affront interpretiert wurde. Der Manager sorgte freilich mit dieser Volte dafür, dass sich die über das A-Team generierten Marketingeinnahmen vervielfachten.

Und er gab auch im Auftrag von Joachim Löw Ratschläge für einen moderneren, angriffslustigeren Fußball, die bei den Traditionalisten der Bundesliga gar nicht gut ankamen. Karl-Heinz Rummenigge schimpfte ihn einst die „Ich-AG vom Starnberger See“, Uli Hoeneß wütete, Bierhoff solle „diese per­ma­nenten Schlau­meie­reien“ sein lassen, Rudi Völler riet ihm zu mehr Demut und einem Besuch beim Orthopäden („Er sollte sich in den nächsten Tagen bei Dr. Müller-Wohlfahrt untersuchen lassen. Das per­ma­nente Sich-selbst-auf-die-Schulter-Klopfen muss doch schmerz­hafte Schä­di­gungen nach sich ziehen.“) und zog Bier­hoffs Fähig­keiten als Fuß­baller ins Lächer­liche. „Jeder Trainer würde gerne offensiv spielen lassen. Aber wenn du zum Beispiel einen Spielertypen wie Bierhoff im Team hast, kannst du eben auch nicht brasilianisch spielen.“

Der alerte Bierhoff ging seinen Weg unverdrossen. Er modernisierte den rückständigen Verband, seine Methoden strahlten auch auf die tradierten Managementstrukturen in vielen Klubs ab. Nach dem WM-Titel 2014 ließ er eine Studie in englischer Sprache anfertigen, in der seine Klugheit und Weitsicht in höchsten Tönen gelobt wurden. Anerkennung war ihm wichtig. Er sagte schon im Jahr vor dem WM-Titelgewinn, die Nationalmannschaft sei „quasi die vierte Macht“ im Staate Deutschland. Bescheidenheit war seine Sache nie. Aber er hat dann auch meist geliefert.

Aber die Marke „Die Mannschaft“ polierte er irgendwann zu blank, und er verstand nicht, warum die Menschen im Land seinen Ideen nicht mehr folgen wollten. Dass der Claim in diesem Sommer auf Druck des neuen Präsidenten Bernd Neuendorf und des Liga-Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Joachim Watzke abgeschafft wurde, hinterließ Bierhoff als Verlierer. Schon da waren Risse im Verhältnis zu den beiden neuen führenden Köpfen im deutschen Fußball erkennbar. Die Machtverhältnisse verschoben sich. Mit dem vormaligen DFL-Geschäftsführer Christian Seifert hatte Bierhoff ganz anders kommunizieren können. Die beiden waren sich in ihrer Denke grundsätzlich einig. Davon kann im Verhältnis zu Neuendorf und Watzke keine Rede sein.

Oliver Bierhoff und Bernd Neuendorf waren sich fremd

Insofern hat Oliver Bierhoff es vermieden, sich bei einer Krisensitzung am Mittwoch vorgeführt vorkommen zu müssen. Diesem Szenario ist er lieber aus eigenem Antrieb zuvorgekommen. Denn er hatte ja die Skepsis in den Worten Neuendorfs vor dem Abflug am Freitag aus Katar deutlich vernommen. Der überzeugte Liberale Bierhoff hält den ihm auch parteipolitisch fremden SPD-Politiker nicht für einen Mann, der Grundsätze vertritt, sondern für jemanden, der sein Fähnchen in den Wind hängt. Unter diesen Umständen, noch dazu mit Watzke als Kontrolleur, hätte es keinen gemeinsamen Weg geben können.

Gerne hätte Bierhoff die Nationalmannschaft bis zur Europameisterschaft 2024 im eigenen Land begleitet. Der Rückzug dürfte ihm deshalb besonders schwergefallen sein. Es wäre die Abrundung seiner DFB-Karriere gewesen, die 2004 mit den Planungen zum Sommermärchen 2006 als Teammanager an der Seite von Jürgen Klinsmann begann. Zuletzt firmierte der gebürtige Karlsruher als Geschäftsführer der DFB-GmbH mit fast 200 Mitarbeitenden in seinem Ressort Nationalmannschaften und Akademie. Als Vordenker hinterlässt er eine Lücke. Und auch für Hansi Flick dürfte die Arbeit, so der Bundestrainer sie denn unter diesen Umständen überhaupt fortzusetzen gedenkt, nun schwieriger werden. Bierhoff gilt als großer Unterstützer des Coaches, dessen Verpflichtung er entscheidend vorangetrieben hatte.

Sollte Watzke und Neuendorf, anders als im Fall Bierhoff, an einer weiteren Zusammenarbeit mit Flick gelegen sein, scheint es angeraten, sorgsam mit dem 57-Jährigen umzugehen. Vorhaltungen dürfte Flick sich eher nicht gefallen lassen. Sein Vertrag ist bestens dotiert. Der DFB, der sein Geld ja eigentlich für seine ursächlichen gemeinnützigen Aufgaben zusammenhalten sollte, kann es sich nach der sicher auch kostspieligen Vertragsauflösung mit Bierhoff nur unter erheblichen Mühen leisten, auch Flick abzufinden. Denn aufgrund von Steuerrückstellungen schreibt der Verband ohnehin tiefrote Zahlen. Der Verlust für das Geschäftsjahr 2021 beträgt allein mehr als 30 Millionen Euro. Bei der WM wurden aufgrund des frühen Ausscheidens wie schon 2018 keinerlei Überschüsse erwirtschaftet.

Mit Oliver Bierhoff verlässt ein eitler Mensch den DFB

Mit Oliver Bierhoff verlässt ein durchaus eitler Mensch den DFB, bei dem man sich mitunter des Gefühls nicht erwehren konnte, es ginge ihm nicht immer nur um die Sache, sondern bisweilen auch sehr um sich. Gerade nach der gründlich misslungenen WM 2018 stützte er mit Joachim Löw auch seinen Einflussbereich. Desgleichen gilt für die Verpflichtung von Flick 2021.

Aber er war auch ein Pionier, er führte Medien- und Marketingtage für die Spieler ein und potenzierte die Einnahmen, er stand den Trainern Klinsmann, Löw und Flick zur Seite, steigerte für einen stetig wachsenden Betreuerstab und hochpreisige Herbergen aber auch die Ausgaben um ein Vielfaches. Die Spieler dankten die perfekte Betreuung lange mit Erfolgen. Aber nicht lange genug, um für Oliver Bierhoff den Kreis 2024 zu schließen.