Es geht Schlag auf Schlag mit den Meldungen zu Dopingfällen während dieser Spiele, beinahe täglich wird ein neuer Erfolg verkündet. Von der ukrainischen Turnerin über marokkanische, französische, spanische Mittelstreckler, türkische Gewichtheber, den italienischen Geher Alex Schwazer bis zur Sprinterin aus St. Kitts und Nevis. Ein reichliches Dutzend Fälle gaben das Internationale Olympische Komitee (IOC), die Weltverbände oder nationale Sportfunktionäre seit Beginn der Spiele bekannt.

In London sei es schwierig wie nie zuvor, zu dopen und nicht erwischt zu werden, sagte John Fahey, der Präsident der Welt-Antidoping-Agentur (Wada), vor zwei Wochen. „Aber ich wäre dumm, würde ich behaupten, bei diesen Spielen würde niemand betrügen.“

Selbst Skeptiker können sich dem Sog der Pharmabilanz, die Olympias Propagandamaschine in die Welt hinausbläst, nicht entziehen. „Angenehm überrascht“ sei er über die vorolympische Teststatistik, sagt Perikles Simon, Professor an der Universität Mainz. Vor allem, weil „knallhartes Doping“ auffliege: „Testosteronfälle, Diuretika, Epo – das sind keine Wischiwaschi-Fälle, sondern schon Anhaltspunkte dafür, dass Kontrollen etwas ausrichten können, wenn sie richtig gesetzt werden.“

Simon schaut daheim viel Leichtathletik. Bei den Mittel- und Langstreckenläufen hat der Gendoping-Spezialist „Indizien“ fürs verbesserte Kontrollregime ausgemacht: „Man hat einige Kenianer aus dem Verkehr gezogen. Und nun erleben wir, dass die These von der angeblichen genetischen Überlegenheit der Schwarzafrikaner doch nicht so haltbar ist. Es gibt wieder Weiße, die durchaus mitlaufen können – bei Zeiten, die nicht so extrem sind wie noch vor vier Jahren.“

Der Tipp kam von Interpol

Dafür, dass vor London intelligente Zielkontrollen zum Einsatz kamen, spricht auch der jüngste Fahndungserfolg im Falle Schwazer. Der Olympiasieger wurde Ende Juni positiv auf das Blutdopingmittel Epo getestet – die Kontrolleure schauten vorbei, weil Italiens Nationalheld auffällig häufig in St. Moritz trainierte. Dort praktiziert der berüchtigte Arzt Michele Ferrari, auf dessen Kundenliste Schwazer stand. Der Tipp, so vermeldete die Gazetta dello Sport, kam von Interpol. Die Behörde koordiniert die Ermittlungen gegen „Dottore Epo“. Interpol hat auch einen Kooperationsvertrag mit der Wada unterzeichnet.

Andererseits vernebeln derlei Fälle den Blick für die Realitäten: die Direktbilanz der in London vom IOC verantworteten Kontrollen ist dürftig – mit einem Cannabis-Fall des US-Judokas Nicholas Delpopolo. 3949 Proben wurden bis Dienstag genommen, verkündete IOC-Sprecher Mark Adams. Man wird am Ende weit über den angekündigten 5000 Tests liegen.

„Natürlich machen in einigen Disziplinen die Leistungsdimensionen stutzig“, sagt Simon, „zumal, wenn sie plötzlich in großer Breite erbracht werden.“ Er bezweifelt, „dass sich der Genpool der Menschheit derart verbessert hat, um die Zeiten zum Beispiel der Sprintfinals zu erklären“. Auch hat der Sportmediziner keine entsprechenden Fortschritte in der Trainings- oder Ernährungswissenschaft detektiert.

Präparate nicht auf der Verbotsliste

Wobei: Das Thema Nahrung liegt ja nun wieder im Trend, seit der Jamaikaner Yohan Blake sein 16-Bananen-Tagesmenü verriet. Simon sagt: „Man wird ja auch veräppelt.“ Bananen und Yamswurzeln? Simon glaubt eher an eine Verlagerung des Betrugsgeschehens. „Da wird kaum noch mit Steroiden gearbeitet. Wachstumsfaktoren können eine Rolle spielen und wahrscheinlich Präparate mit Einfluss auf die Muskelkontraktion.“

Die experimentelle Substanz S 107 passt perfekt zum Bild, das die Londoner Sprintermesse vermittelt. S 107 verändert über den Kalziumhaushalt der Zellen die Muskelkontraktion und soll schon in Peking eingesetzt worden sein. „S 107 ermöglicht kräftigere Kontraktionen“, sagt Simon. Damit könne man „ganz andere Amplituden“ laufen. Der Gebrauch der Substanz, in den USA für Patienten mit Herzrhythmusstörungen entwickelt, würde keinen Athleten vor ein Dilemma stellen. Die Wada hat das Präparat nicht auf der Verbotsliste – was international kritisiert wurde.

Ganz so rigoros geht es also doch nicht zu im Kampf gegen die Sünder. Simons Skepsis erstreckt sich auch auf das Weltrekordpurzeln im Schwimmen: „Da können wir nur hoffen, dass in der Sportszene noch nicht diese Skrupellosigkeit herrscht, minderjährige Athleten massiv mit Wachstumsfaktoren zu dopen, mit hochmoderner Medizin, deren Wirkung wir noch gar nicht genau kennen.“ Die Historie lehrt das Gegenteil – und auch deshalb könnte es gut sein, dass die Kontrollerfolge von wirklich üblen Entwicklungen ablenken.

Auch von Gendoping, das den Sport Prognosen zufolge verseuchen wird? Simon: „Die klassische invasive Variante über Gentransfers wäre sehr riskant, da ist die Wissenschaft womöglich noch nicht weit genug.“ Andererseits kann er sich „kaum noch vorstellen“, woher manche Leistungsschübe sonst kommen. „Mit Pharmaka in unterschiedlichster Mischung wird dafür schon zu lange experimentiert.“ Entwarnung klingt anders.