London - Der Schlagbaum hebt sich. Nach einer Sichtkontrolle darf der Bus passieren. Er rollt langsam an rot-weißen Absperrgittern vorbei, an eisernen Balustraden, an Lastwagen und Bauarbeitern in fluoreszierenden Overalls. Das nackte, entkleidete Gestänge des Olympiastadions kommt im Winterdämmerlicht in Sicht. Davor türmen sich Berge aufgebrochenen Asphalts. Aussteigen darf niemand auf dieser Besichtigungsfahrt durch den Park, der noch im Sommer von Millionen ausgelassener Menschen bevölkert worden war. „Danger!“, steht auf Warntafeln. Londons Olympiapark ist eine Großbaustelle – wieder einmal.

Eine Geisterlandschaft

Es liegt Ironie in dem Fakt, dass der Zutritt zum 9,3 Milliarden Pfund (11,4 Milliarden Euro) teuren Olympiagelände für die Briten erneut nur im Rahmen einer Bustour mit Voranmeldung möglich ist. So wie in all den Jahren seit 2007, als zunächst eine Million Tonnen kontaminiertes Erdreich gewaschen werden mussten, ehe in Stratford langsam Wiesen, Wälle, Wege, Hallen, Stadien und Arenen entstanden. Nur einen kurzen Sommer 2012 lang stand der Park in seiner Pracht dann allen offen: von der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele am 27. Juli bis zum Ende der Paralympics am 9. September. „Ich dachte, es würde so aussehen, wie ich es aus dem Fernsehen kannte: mit Rasen, Bächen und Blumenrabatten“, sagt Rose J., 35, aus dem Nachbarbezirk Hackney, die sich an diesem Dezembertag der Besichtigung angeschlossen hat. „Aber das ist eher eine Geisterlandschaft.“
Blumen, Rasen und Bächlein wird es wieder geben – jedoch frühestens im nächsten Jahr. Erst im Juli 2013 wird ein kleines Fleckchen am nördlichen Parkende für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Komplett geöffnet wird der umgetaufte „Queen Elizabeth Olympic Park“ erst 2014 – zwei Jahre nach den Sommerspielen. Das sei keine Schikane, versichern die neuen Hausherren der staatlichen Betreiberfirma London Legacy Development Corporation (LLDC), die die Sportstätten nun vom Organisationskomitee der Spiele (Locog) übernommen haben. Vielmehr habe die Nachnutzung der Anlagen von Beginn an im Mittelpunkt der Londoner Olympiabewerbung und Aufwertung des verarmten Londoner East Ends gestanden.
Tatsächlich hatte London die Fehler anderer Ausrichter vermeiden wollen. Eine Ansammlung von preisverdächtigen Prachtbauten, die nach einem vierwöchigen Lauf-Hüpf-Schwimm-Festival zu Millionengräbern verkommen, sollte es nicht geben. Deshalb werden nun in Stratford noch einmal 292 Millionen Pfund verbaut.

Temporäre Bauten verschwinden wieder

Der neue Ansatz bestand darin, dass Londons Olympiaplaner Arenen entworfen hatten, die sich in kurzer Zeit demontieren lassen. Das Hockeystadion war so ein temporärer Bau: zusammengefügt aus Tausenden wiederverwertbarer Einzelteile. In den drei Monaten seit Ende der Paralympics ist es komplett verschwunden. Wo sich im Sommer die Zuschauer auf den Tribünen drängten, ist heute eine freie Fläche. Auch von der Außenanlage für die BMX-Rennen ist nur die Hügelbahn übrig – sie liegt nun im Park wie ein kleines Hobbit-Gebirge. Die Basketball-Arena mit der weißen knautschlederartigen Außenhülle wird bis April demontiert, die Wasserball-Halle ebenso.
Die spektakulärsten Veränderungen vollziehen sich am Aquatics Center: Über dem Becken, in dem Michael Phelps im August seine achtzehnte Goldmedaille eroberte, werden die Seitenflügel der Arena abmontiert, in denen sich die Tribünen befanden. Industriekletterer – derzeit die einzigen Athleten im Olympiapark – sind dabei, die Außenverkleidung zu entfernen. Nach der Verwandlung des von Zaha Hadid entworfenen Olympiapools zum städtischen Hallenbad 2014 wird nur noch der geschwungene Mittelbau erhalten sein. Das 50-Meter-Becken bleibt bestehen, im unterirdischen Trainingspool wird dagegen der Boden so angehoben, dass dort auch Nichtschwimmer planschen können.

Apartments ohne Küchen

Alles in allem werden aus dem Olympiapark bis zur Wiedereröffnung 250 000 Sitzschalen, 165 000 Quadratmeter Zeltplane, 140 Kilometer Zaun und 240 Kilometer Absperrgitter verschwinden. Von der weltgrößten Imbissbude von McDonald’s, dem Olympiasponsor, ist schon jetzt kein Strohhalm mehr zu sehen.
Das, sagt Sebastian Coe, der Cheforganisator der Londoner Spiele, sei „nur das erste Kapitel des dauerhaften Vermächtnisses“, das er den Briten 2005 bei der Bewerbung versprochen hatte. Für das zweite kommen die Bagger zurück. Bis zu 8 000 neue Wohnungen, so die Vision der LLDC, sollen den Park in Zukunft lebendiger machen, zusätzlich zu den 2 818 Apartments im ehemaligen olympischen Dorf, die im kommenden Jahr bezugsfertig sind. Auch im Dorf wird noch gewerkelt: Die Athletenwohnungen hatten keine Küchen. Die erste von bis zu fünf neuen Parksiedlungen soll exakt dort hochgezogen werden, wo Kobe Bryant und LeBron James auf Korbjagd gingen – auf der Fläche der abgerissenen Basketball-Arena. Sportlichen Mietern stünde es dann frei, nebenan auf der BMX-Strecke zu trainieren. Bis die kühnsten Bebauungspläne umgesetzt sind, kann es allerdings noch 18 Jahre dauern.

Sehr viel drängender ist das größte Problem des Parks: endlich einen Pächter für das Olympiastadion zu finden. Denn trotz aller löblichen Nachhaltigkeitsgedanken, die Sebastian Coes Team sieben Jahren umtrieb, besteht noch immer die Gefahr, dass der Steuerzahler auf den Kosten des Stadionbetriebs sitzen bleibt. Nachdem ein erstes Bieterverfahren platzte, hat Parkverwalter LLDC nun erneut den Fußball-Premier-League Klub West Ham United als Favoriten nominiert. Pläne, eventuell Formel-1-Boliden durch den Park rasen zu lassen, haben sich damit zerschlagen. Von den Fußballern wird erwartet, dass sie ihre Beteiligung an den Stadionumbaukosten erhöhen, die sich auf mindestens 160 Millionen belaufen.
Zweiter Pächter über 99 Jahre, das steht fest, ist der britische Leichtathletikverband: Dass die 400-Meter-Bahn im Stadion erhalten bleibt, war eines der Versprechen, die London gab. UK Athletics hofft auf baldige Klärung der leidigen Stadionfrage. Der Verband, der 2017 im Olympiastadion die Weltmeisterschaften der Leichtathletik und der Behinderten-Leichtathletik ausrichtet, würde gern wissen, wo er seine Diamond-League-Meetings über die Bühne bringen soll.
Im Dezember 2012 im fast menschenleeren, leergeräumten Park, liegen die Antworten noch in weiter Ferne. Drei Monate, nachdem der letzte Zuschauerapplaus verklungen ist, hat das Gelände nur wenige fest angesiedelte Mieter: ein paar Schwäne.