Es ist ein schöner Geburtstag geworden für Michael Jung, ein goldener, muss man sogar sagen. Erst gewann er Mannschaftsgold mit den deutschen Vielseitigkeitsreitern, und dann wurde er auch noch Olympiasieger im Einzel. Dass Sandra Auffarth Bronze gewann, ging bei den Feierlichkeiten ein wenig unter. Aber fest steht: Mit einem sensationellen Erfolg für die deutschen Reiter endete die olympische Vielseitigkeit in Greenwich Park. „Das ist wunderschön und fantastisch“, sagte Jung.

Es war ein unerwartet undramatisches Ende. Ingrid Klimke auf Abraxxas galoppierte schon als Olympiasiegerin in die Arena ein. Ihre Mannschaftskollegen hatten es gerichtet: Mit drei makellosen Nullfehlerritten von Dirk Schrade auf King Artus, Sandra Auffarth auf Opgun Luovo und Michael Jung auf Sam war bereits klar, dass die deutschen Vielseitigkeitsreiter die Goldmedaille von Hongkong verteidigen würden – selbst wenn die beiden besten noch folgenden Briten abwurffrei blieben.

Schrade legt Grundstein zum Gold

Dass die Deutschen so früh aufatmen konnten, lag an Dirk Schrade auf King Artus, der mit einem sicheren fehlerfreien Parcours den Grundstein zum Gold gelegt hatte. Am Ende war er Zehnter und durfte damit als viertbester Deutscher dennoch nicht mehr im Springen um die Einzelmedaillen starten, bei dem die 25 Besten noch einmal antreten.

Schon als sie mit zwei Abwürfen auf dem Konto aus dem Parcours ritt, beschloss Ingrid Klimke, auf das Einzelspringen zu verzichten. Eine Medaillenchance sah sie bei Abraxxas’ Springschwäche nicht mehr. „Er hat einen guten Job gemacht, warum soll ich ihm noch einen weiteren Parcours zumuten“, sagte die Tochter des sechsfachen Dressurolympiasiegers Reiner Klimke. Trotz der Fehler lag sie auf Platz acht, Dirk Schrade auf Rang zehn.

Doch Schrade durfte als nunmehr drittbester Deutscher nicht nachrücken. So ist die Regel, und nach ihrem Sinn fragten gestern nicht nur die Deutschen vergebens. Schrades Pferd King Artus gilt im Gegensatz zu Abraxxas als sicherer Springer und die Chance, sich zu verbessern, wäre für Schrade größer gewesen als für Klimke.

Der Erfolg soll das Team motivieren

„Man spürt in jeder Phase, dass dies ein tolles Team ist“, sagte der Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) Michael Vesper von den Vielseitigkeitsreitern. Er war nach Greenwich in der Hoffnung gekommen, die erste Goldmedaille für das deutsche Team mitzuerleben. Die Fahrt in Londons Südosten hat sich gelohnt. Die Reiter jubelten und fielen sich in die Arme, und die Funktionäre atmeten sichtlich erleichtert auf. Vesper versprach sich vom diesen Erfolg eine „Initialzündung“, für die anderen deutschen Olympiasportler.

Während der britische Honorartrainer der deutschen Vielseitigkeitsreiter, Chris Bartle, nach der Nullrunde von Michael Jung, an die Absperrung eilte und Jungs Mutter Brigitte umarmte, stand Bundestrainer Hans Melzer stolz vor Kameras, Mikrophonen und Notizblöcken. Als jemand fragte, wie man sich fühlt, das heiß ersehnte erste deutsche Gold gewonnen zu haben, nahm er geradezu Haltung an. „Wir werden heute Abend ganz stolz durchs olympische Dorf marschieren“, sagte er. „Falls wir da noch hinkommen. Feiern werden wir woanders, im Dorf gibt es nämlich nur Wasser und Limonade.“

Das Duo Melzer und Bartle hat die deutschen Vielseitigkeitsreiter, früher die armen Verwandten neben Spring- und Dressurreitern, in neue Sphären geführt. In keinem anderen Pferdesport ist das Verhältnis zwischen Reitern und Trainern seit Jahren so entspannt. Während Melzer die Logistik in der Hand hält, geht Bartle mit den Reitern den Kurs ab, jeden Meter, jeden Sprung, jede Kurve, wenn gewünscht mehrfach. Er spürt, wann ein Reiter ihn braucht und wann nicht so sehr. Bartle selbst war hocherfolgreich als Vielseitigkeitsreiter und ist bis heute der erfolgreichste britische Olympiadressurreiter, Sechster 1984 in Los Angeles.

Sieben Strafpunkte unter den Augen der Royals

Das allerdings wird sich wohl in der nächsten Woche ändern, das britische Dressurteam ist hoch favorisiert. Der später wegen eines technischen Fehlers von Bettina Hoy wieder aberkannten Goldmedaillen von Athen 2004 folgte das Doppelgold von Hongkong durch das Team und Hinrich Romeike und nun, mitten im Zentrum des internationalen Vielseitigkeitssports, das Wunder von London.

Die Briten haben viel investiert und es als quasi nationale Aufgabe angesehen, endlich die Goldmedaille zurückzuholen, die sie zuletzt 1972 in München gewannen. Wie die deutschen Reiter meisterten alle fünf Briten den Geländekurs mit Bravour, unter ihnen die Enkelin der Queen, Zara Phillips. Ihr Vater Mark Phillips war einer der Sieger von München, aber ausgerechnet Zara vergeigte mit sieben Strafpunkten im Parcours das Gold für die Briten. Und das vor der versammelten Royal Family, den Vettern Prinz William und Harry, deren Stiefmutter Camilla und natürlich ihrer Mutter Princess Anne. Kein Wunder, das Zara Phillips das Strahlen diesmal schwerfiel. Sie fand es erst wieder nach ihrer Nullrunde in der Einzelwertung wieder, aber das war das Gold schon zu Silber geworden.

Vier Teams reiten um die Entscheidung

Am Ende hatten nur vier Teams von 13 Teams mit der Entscheidung etwas zu tun. 14 Stürze gab es, die Kanadierin Hawley Bennett-Award wurde mit Kreuzbeinbruch und Gehirnerschütterung in Krankenhaus gebracht, sei aber stabil, ließ ihr Reiterverband verlauten.