Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat Russland für vier Jahre von den Olympischen Spielen ausgeschlossen.
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BerlinNoch ist die Sperre nicht amtlich. Russland will beim Internationalen Sportgerichtshof (Cas) Einspruch einlegen gegen den Bann seiner Athleten. Die Welt-Antidoping-Agentur (Wada) hat verfügt, dass wegen fortgesetzter Regelverstöße keine Sportler bei sogenannten Mayor Events wie Olympia und Weltmeisterschaften unter russischer Flagge antreten dürfen. Es besteht kein Grund, erleichtert aufzuatmen. Das aber liegt nicht an den formaljuristischen Unwägbarkeiten.

Selbst wenn der Cas die Sanktionen für rechtens erachtet, was angesichts der schweren Vorwürfe zu begrüßen wäre, bleibt ein Hauptproblem des professionellen Hochzüchtungssport bestehen. Gerade im Umgang mit dem russischen Staatsdoping wird deutlich, woran ein konsequenter Kampf gegen die sportliche Seuche Nummer eins immer wieder scheitert. Er verharrt im Exemplarischen, gelangt selten zum Grundsätzlichen. Dabei drängen sich doch in Fällen wie dem der Russen Fragen auf, müssten Antworten gefunden werden im Sinne einer von Funktionären und Athleten stets für sich reklamierten Glaubwürdigkeit.

Zum Beispiel: Sind russische Sportler weniger talentiert als ihre Kollegen aus Deutschland, Großbritannien, den USA, dass sie dopen müssen, um mitzuhalten? Oder sind in diesen anderen Ländern die Trainingsbedingungen so viel besser?

Ein Blick auf den Medaillenspiegel der Olympischen Sommerspiele von Rio de Janeiro im Jahr 2016: Damals landete Russland mit 55 Plaketten auf dem vierten Platz direkt vor Deutschland, das immerhin 42 gewann. Gemessen an der Bevölkerungszahl schnitt die Bundesrepublik also klar besser ab. Was das wohl heißt?

Doping-Fälle nicht nur Russland

Der Vorwurf, zu polemisch, zu einfach, zu schnell vom Exemplarischen zum Grundsätzlichen zu kommen, wird an dieser Stelle billigend in Kauf genommen. Schließlich gibt es bis zuletzt Belege, dass auch außerhalb von Russland mit unlauteren Mitteln eifrig an der Leistungsschraube gedreht wird. Das Erfurter Dopingnetzwerk oder wiederkehrende Affären in Österreich legen nahe, dass es in unseren Breiten ebenfalls Strukturen im Verborgenen gibt, einen Dienstleistungssektor für Sportbetrug.

Natürlich wird dieser Sportbetrug in Deutschland nicht staatlich gefördert; die Sportförderung nach Medaillen so zu interpretieren, wäre nun wirklich polemisch und falsch. Doch nur weil ein Problem privatisiert ist, der Athlet am Ende in Eigenverantwortung handelt, wird dieses Problem nicht kleiner, sich schon gar nicht von selbst lösen.

Doping im deutschen Radsport

Das Gegenteil ist der Fall, auch das hat sich an einem Beispiel in Deutschland sehr plastisch gezeigt, am Radsport. Als dieser bei der Tour de France 1998 seine Unschuld verlor, konzentrierte sich die Branche und mit ihr die Öffentlichkeit auf diejenigen, die überführt worden waren, allen voran auf jenen Rennstall, dem die Affäre ihren Namen verdankte: Festina. Es waren folglich die Franzosen und Spanier und Italiener, die mit systematischem Betrug, mit hierarchisch organisiertem Doping in Verbindung gebracht wurden. Bei den beiden Auflagen zuvor hatte das Team Deutsche Telekom den Tour-Sieger gestellt: 1996 Bjarne Riss, 1997 Jan Ullrich. Beide wurden erst später als notorische Doper überführt.

Auch Ende der 90er-Jahre galt also ein gängiges Prinzip: Haltet den Dieb. Auf andere zeigen, um selbst ungeschoren davonzukommen. Telekoms Teamchef Walter Godefroot etwa erläuterte eines Abends bei der Tour 1999, wie mit diesem lästigen Dopingproblem im Peloton zu verfahren sei. Oben auf den Hotelzimmern brachten sich unterdessen seine Fahrer – wie inzwischen aktenkundig – mit verbotenen Substanzen für die kommende Etappe in Form.

Die Strafe gegen Russland ist ein wichtiges Signal, doch nicht nur an Russland selbst. Sie ist eine Warnung an alle Funktionäre, an alle Athleten weltweit. Und vor allem an die Sportkonsumenten, die das System in Gang halten. Sie sollten Leistungen stets kritisch bewerten, egal welcher Sportler aus welchem Land sie auch erbringen mag. Wer   „Haltet den Dieb!“ ruft, der lässt zur gleichen Zeit andere Schurken entkommen.