London - In einem kleinen Café am Themse-Ufer, direkt unter der Nase der Londoner Olympia-Organisatoren, spielte sich unlängst eine jener Geschäftsverhandlungen ab, die die Veranstalter der Sommerspiele gefürchtet hatten. Eine Eintrittskarte für die Eröffnungsfeier für 6.000 Pfund, umgerechnet 7.400 Euro? Kein Problem angeblich, sofern die Transaktion über das chinesische Festland abläuft.

Der olympische Schwarzmarkt blüht: Weit verbreitete Korruption unter den Vertretern von Nationalen Olympischen Komitees sowie autorisierten ausländischen Ticketagenturen haben Undercover-Reporter der Sunday Times in einer zweimonatigen Ermittlungsaktion aufdeckt. Die Zeitung hat ihr Dossier inzwischen dem Internationalen Olympischen Komitee übergeben.

IOC verschärft Verkaufsregeln

Die Vorwürfe sind alarmierend. 27 Repräsentanten von insgesamt 54 Ländern haben sich nach Erkenntnissen der britischen Zeitung willens gezeigt, Eintrittskarten teilweise bis zum Zehnfachen ihres Preises zu verhökern. Das bedeutet, dass es in einem Viertel aller bei den Sommerspielen vertretenen Ländern Tendenzen gibt, gegen die strikten IOC-Richtlinien zu verstoßen. Präsident Jacques Rogge, der das Internationale Olympische Komitee nach dem Bestechungsskandal der Winterspiele von Salt Lake City 2002 reformiert hatte, nahm die Enthüllungen so ernst, dass er noch am Wochenende eine außerordentliche Exekutiv-Sitzung in Lausanne einberief.

Ticketskandale sind fester Bestandteil der olympischen Geschichte, weil die Nachfrage für bestimmte Disziplinen das Angebot meist bei Weitem übersteigt. Das IOC versuchte deshalb, die Verkaufsregeln zu verschärfen. 1,2 Millionen Tickets werden nicht in Großbritannien, sondern im Ausland verkauft. Den dort zuständigen Nationalen Olympischen Komitees ist allerdings verboten, ihr Kontingent außerhalb der eigenen Landesgrenzen zu vertreiben oder es Mittelsmännern zu überlassen, die solche Pläne hegen.

Dennoch hat ein autorisierter Händler auf dem Balkan den Reportern der Sunday Times 1500 Eintrittskarten angeboten; andere gaben zu, von den Kontingenten ihrer Länder kleine Pakete für den Schwarzmarkt abgezweigt zu haben. In einem Fall wurde angeboten, zur Verschleierung der Herkunft der Eintrittskarten Passangaben zu fälschen.

Manche Mittelsmänner blieben immerhin im erlaubten Preisrahmen, der vorschreibt, dass ein Ticket mit einem Zuschlag von höchstens 20 Prozent veräußert werden darf. Andere verlangten Wucherpreise. Unlängst suspendierte das ukrainische NOK seinen Generalsekretär Wladimir Geraschtschenko: Die BBC hatte ihn bei Ticketverhandlungen gefilmt – ein Vorwurf, den der Funktionär bestreitet. „Schockierend“, nannte die frühere britische Olympia-Ministerin Tessa Jowell die Bilder, sprach von einer „Ausbeutung britischer Steuerzahler“.

Bestrafte Zuschauer

Die jüngsten Vorwürfe haben auf der Insel für neue Empörung gesorgt. Nicht zuletzt weil viele Briten, die für die 9,3 Milliarden teure Sommer-Party letztlich zahlen, selbst bei der Ticketvergabe leer ausgegangen sind. Das Londoner Organisationskomitee (Locog) weist darauf hin, dass die Regeln „strikt und eindeutig“ sind.

Wie viele Karten tatsächlich auf dem Schwarzmarkt gelandet sind, ist noch unklar. Die Sanktionsmöglichkeiten sind allerdings begrenzt. Theoretisch könnten die Olympiaorganisatoren die Tickets von den betroffenen Ländern zurückfordern – aber damit würden Zuschauer bestraft, die rechtmäßig gezahlt haben. Möglicherweise zieht Locog nun unverkaufte Eintrittskarten aus dem Ausland wieder ein. „Wir warten auf die Ergebnisse der Untersuchung in Lausanne“, sagt ein Sprecher.

Das IOC hat den Fall am Wochenende seiner Ethikkommission übergeben. Wenn sich die Vorwürfe bewahrheiten, so sagte Exekutivmitglied Denis Oswald, müssten die Schwarzhändler aus der olympischen Bewegung ausgeschlossen werden: „Es sollte kein Platz mehr für sie im Sport ihres Landes sein.“ Allerdings hat sich die Ethikkommission keinen Termin gesetzt. Bis das Urteil fällt sind die XXX. Sommerspiele vermutlich längst vorbei.