Ha Sharon - Die Ermittler hatten ihr dringend geraten, da nicht reinzugehen. Sie möge sich diesen Ort ersparen, wo ihr Mann, André Spitzer, den letzten Tag seines Lebens durchlitten hatte. Ankie Spitzer ließ sich nicht abhalten. „Ich musste selber sehen, was da passiert ist“, sagt sie mit ihrer dunklen rauen Stimme.

Das Bild, das sich ihr bot, hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Der Blutstrom, der über die Treppe geflossen war. Dieser schreckliche Raum voller Unrat und unangerührtem Essen, in dem ihr André, der Fechttrainer, und die anderen acht israelischen Athleten aneinander gefesselt 18 Stunden hocken mussten. Buchstäblich im Angesicht des Todes. Den Gewichtheber Josef Romano hatten die palästinensischen Angreifer vor den Augen ihrer Geiseln verbluten lassen. Ankie Spitzer sagt, sie hätten ihn sogar kastriert, um die anderen abzuschrecken. Damit ja keiner einen zweiten Versuch wage, sich wie Romano gegen die Geiselnahme zur Wehr zu setzen. Einen anderen Sportlerkollegen hatte das achtköpfige Kommando des „Schwarzen September“ sofort bei dem Überfall auf das Olympiadorf in München in den Morgenstunden des 5. September 1972 erschossen.

Alle vier Jahre wieder

„Ich stand da wie im Schock“, erzählt die gebürtige Holländerin. „Und ich hatte nur einen Gedanken: Wenn André, dieser friedliebende Mensch, das alles durchmachen musste, werde ich nicht schweigen.“ Es gibt Momente, die ein Leben prägen. Noch am Tatort entschied Ankie Spitzer „dass ich es André schuldig bin, darüber zu sprechen, was hier vorgefallen ist.“

Wenn Ankie Spitzer sich zu etwas entschlossen hat, ist sie nicht aufzuhalten. Auch nach vierzig Jahren ist das noch so. 66 Jahre ist sie heute alt und unerschrocken wie eh und je. Sie, eine Nahostkorrespondentin für das belgische und holländische Fernsehen, schont sich nicht. Nicht beruflich – „ich habe ja noch drei studierende Kinder aus zweiter Ehe zu versorgen.“ Und privat erst recht nicht. Voller Energie kämpft sie mit ihrer Schicksalsfreundin Ilana Romano gegen das Vergessen und Verdrängen. Alle vier Jahre wieder. „Wir kommen zurück“, sagt sie und grinst. „Wie ein Jo-Jo.“ Solange, bis das Internationale Olympische Komitee (IOC) sich zu einer offiziellen Schweigeminute zum Gedenken an elf ermordete israelische Athleten durchringt.

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Bislang wiesen die IOC-Offiziellen pünktlich zu diversen Olympischen Spielen das Verlangen zurück. Sie wollten nicht die arabischen Staaten brüskieren. Nicht riskieren, dass finanzstarke Sponsoren aus Protest die Eröffnungszeremonie verlassen. „Die dachten, die beiden Witwen werden irgendwann schon Ruhe geben“, sagt Ankie Spitzer, ein ironisches Lächeln im Mundwinkel. Da haben sie sich aber getäuscht. Ankie Spitzer und Ilana Romano sind zwei, die nicht aufgeben. Hinter sich wissen sie 35 Angehörige der elf Opfer, die auf sie zählen.

In diesem Jahr, dem 40. Jahrestag des Massakers von München, hat ihre Kampagne enorm Fahrt aufgenommen. Die Internet-Petition „Just One Minute“ haben an die 100 000 Menschen aus allen Erdteilen unterzeichnet. Israels Staatspräsident Schimon Peres hat zugesagt, die Unterschriften bei der Eröffnungsfeier in London zu übergeben.

Kein Votum für Schweigeminute

Der IOC-Präsident Jacques Rogge lehnte zwar bereits im Mai das israelische Gesuch höflich ab, trotz aller Sympathie, wie er Ankie Spitzer in Lausanne erklärte. Seine Hände seien gebunden. Ein Votum für eine Schweigeminute werde im Komitee auch gar nicht durchgehen. Er schicke aber gerne eine Abordnung zu einer alternativen Gedenkveranstaltung außerhalb der olympischen Stätten, die von den Angehörigen für den 6. August in London geplant ist. Den Witwen und ihren Mitstreitern ist das nicht genug. „Die elf Athleten lebten im Olympiadorf, als sie überfallen wurden“, sagt Ankie Spitzer. „Und deshalb ist die Zusammenkunft der olympischen Familie der richtige Platz, an sie zu erinnern.“

Jedenfalls steht das IOC unter Druck wie nie, die abschlägige Entscheidung zu revidieren. Guido Westerwelle setzt sich dafür ein, ebenso der Bundestag. Auch die Parlamente in Australien und Kanada stimmten für eine Schweigeminute. Die Gegenargumente klingen fadenscheinig. Man müsse die Politik aus den Spielen heraushalten! Das Protokoll lasse eine Schweigeminute nicht zu! „Es war auch nicht im Protokoll vorgesehen, dass mein Mann im Sarg heimkehrt“, hält Ankie Spitzer dem entgegen. Ihr Sarkasmus hat sich geschärft im Umgang mit immer wieder gehörten Ausflüchten.

Denn es ist ja nicht so, dass vom Protokoll nie abgewichen würde. 1994, zur Eröffnung der Winterspiele im norwegischen Lillehammer, sorgte der damalige IOC-Chef Antonio Samaranch dafür, dass der Opfer der Belagerung von Sarajevo gedacht wurde. Und 2002 in Salt Lake City, wenige Monate nach dem Attentat auf das New Yorker World Trade Center, trugen die US-Sportler eine halbverbrannte amerikanische Fahne beim Einmarsch. Hinter ihnen schritten fünf New Yorker Feuerwehrmänner und Polizisten. „Jeder“, sagt Ankie Spitzer, „ist für sie minutenlang aufgestanden.“ Den gleichen Respekt wünscht sie sich ein einziges Mal für die elf ermordeten Athleten aus der israelischen Delegation. Gerade weil ihr die olympische Idee, der Wettkampf der Nationen im Dienste der Völkerverständigung, viel bedeutet.

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Ohne Hass im Herzen

1996 reisten die Angehörigen mit den Kindern zu den Sommerspielen nach Atlanta: „Unsere Kids sind doch alle im Schatten von Olympia aufgewachsen“, sagt Ankie Spitzer. „Sie sollten erleben, dass es eigentlich etwas Tolles ist.“ Noch wichtiger aber war ihr dort eine kleine Zeremonie im Gedenken an die toten Väter und Ehemänner. Zusammen mit der palästinensische Delegation, die 1996 erstmals an den Spielen teilnahm, der Oslo-Friedensprozess machte es möglich. Das Beste, erinnert sich Ankie Spitzer, sei gewesen, dass die Palästinenser tatsächlich kamen: „Wir haben uns bemüht, unsere Kinder ohne Hass im Herzen aufzuziehen. Und diese palästinensischen Sportler hatten nichts mit dem Anschlag zu tun.“

Heute bestimmt wieder der Nahost-Konflikt das Verhältnis. Kürzlich traf Ankie Spitzer auf Jibril Rajoub, den Präsidenten des palästinensischen olympischen Komitees. Von ihrer Petition wollte der nichts hören. „Warum nur eine Schweigeminute für elf Israelis? Es sind in München auch fünf Palästinenser umgekommen“, habe Rajoub schroff erwidert, erzählt sie. Auf Nachfrage der Berliner Zeitung mag Jibril Rajoub die Gleichsetzung von Geiseln und Geiselnehmern zwar so nicht stehen lassen. Aber die Israelis, sagt er, sollten mal die andere Seite sehen. Und nennt als Beispiel den Fußballspieler Mahmud Sarsuk aus Gaza, der zum Nationalteam in die Westbank reisen wollte und stattdessen für zwei Jahre in israelischer Vorbeugehaft landete. Gerade erst kam er nach wochenlangem Hungerstreik und internationalen Protesten frei.

Ankie Spitzer sieht beide Seiten. Als Journalistin ist sie in Israel wie in den palästinensischen Gebieten unterwegs. Ihr persönliches Schicksal lässt sie dabei außen vor. Sie will den Menschen unvoreingenommen begegnen. So wie André Spitzer, der damals im Münchner Olympiadorf den libanesischen Athleten die Hand schüttelte.

Liebe auf den ersten Blick

Über den Sport hatten sich die beiden kennengelernt. Er, ein aus Rumänien stammender Israeli, war ihr Trainer in einer Fechtschule in Den Haag. Es war Liebe auf den ersten Blick. Bald wurde geheiratet, die 26-Jährige konvertierte im Schnelldurchlauf zum Judentum. „Ich habe mich beim Rabbiner etwas schwangerer gemacht, als ich tatsächlich war“, erzählt sie und lacht. Ihre Stimme klingt munter und unbeschwert, wenn sie von diesen glücklichen Zeiten erzählt. Gemeinsam brachen sie und André im Sommer 1972 mit der neugeborenen Tochter Anouk nach München auf.

Das Baby ließ sie bei den Eltern in Holland. „André brauchte mich mehr“, sagt sie. In der Stadt mietete das junge Paar für sich ein Zimmer. Im Olympiadorf schliefen die Teammitglieder strikt nach Männern und Frauen getrennt. Tagsüber schlich sich Ankie Spitzer zu ihrem Mann auf das nur locker bewachte Gelände. Nur die Eingänge wurden dort kontrolliert, nicht die Ausgänge. „Ich war täglich aufs Neue überrascht, wie einfach ich da durchkam“, wundert sie sich noch heute. Deutschland legte Wert auf „heitere Spiele“. Zu viel Polizeipräsenz passte nicht ins Bild.

Die Nacht des Attentats war die erste, die André Spitzer in der Mannschaftsunterkunft verbrachte. Mit seiner Frau war er am Vortag kurz in Holland gewesen, die kleine Tochter hatte Fieber. Ankie Spitzer beschloss, bei ihr zu bleiben, und fuhr André nur rasch noch zum Bahnhof. Dass er den Zug nach München in letzter Minute erwischte, ist im Rückblick eine überaus tragische Fügung. Lebend sah Ankie Spitzer ihren Mann nur noch einmal: Im Fernsehen, als er im Unterhemd, ohne seine dicken Brillengläser, auf die er so angewiesen war, am Fenster stand, einen Gewehrlauf in seine Seite gepresst.

Wegen seiner guten Deutschkenntnisse nutzten die Terroristen André Spitzer für ihre Verhandlungen mit dem Krisenstab. Das Kommando „Schwarze September“ verlangte die Freilassung von 232 Palästinensern aus israelischer Haft und ein Flugzeug, um mit den Geiseln auszufliegen. Die Premierministerin Golda Meir lehnte ab, entsandte stattdessen die israelische Eliteeinheit Sayeret Matkal, die wiederum von der Einsatzleitung vor Ort ferngehalten wurde.

40.000 Seiten Akten

Was dann geschah, gehört zu dunkelsten Stunden bundesdeutscher Polizeigeschichte. „Alles ging schief, was schief laufen konnte“, so bringt es Ankie Spitzer auf den Punkt. Der Befreiungsversuch auf dem Flugfeld in Fürstenfeldbruck, wohin Geiseln und Geiselnehmer in zwei Hubschraubern gebracht worden waren, endete in einem Fiasko. Keiner der gekidnappten Athleten überlebte. Auch ein Polizist und fünf Terroristen starben in dem chaotischen Kugelhagel.

Die Akten, die das ganze Ausmaß des polizeilichen Versagens belegen, hat Ankie Spitzer erst 20 Jahre später erhalten. Ihre Existenz hatte die Regierung in Bonn lange Zeit verneint – bis ein Archivarbeiter ein paar Seiten entwendete. Als Ankie Spitzer die als Beweis ihrer Existenz endlich in Händen hielt, bewies sie Nervenstärke und verkündete dem damaligen Justizminister Klaus Kinkel, sie werde nicht weggehen, bis sie Einblick in alles bekomme: 9 000 Fotos und 40 000 Seiten. Ein nicht minder langjähriger Prozess folgte, der 30 Jahre nach dem Attentat mit einem Vergleich schloss: drei Millionen Euro Entschädigung, abzüglich der Verfahrenskosten. Viel blieb da nicht für über 30 Angehörige.

Um Geld ging es ihr allerdings auch gar nicht. „Für mich zählt“, erklärt Ankie Spitzer, „dass Deutschland Mitverantwortung übernahm.“ Sie seufzt und streicht sich die Haare aus dem Gesicht, schaut in den Garten ihres Hauses in Ha Scharon, einer Vorstadt von Tel Aviv. „Schauen Sie“, sagt sie trocken, „ich bin nicht besessen. Es ist nicht so, dass bei mir daheim ein Schrein für André steht.“ Sie hat große Hoffnung, dass ihre Kampagne für eine Schweigeminute das Ziel in London erreicht, auch Bundespräsident Joachim Gauck hat bei seinem Besuch in Israel versprochen, sich für sie einzusetzen. Aber ein ganzes Stück ihres Marathons liegt noch vor ihr.