Sotschi - Die wichtigste Trophäe ihres olympischen Erfolgs haben die Südkoreaner erst abgestaubt, als der sportliche Teil der Olympischen Spiele bereits vorüber war. Am Sonntagabend, nachdem im Stadion Fisht alle Zuschauer stramm gestanden hatten, als ein Kinderchor die russische Nationalhymne sang, und nachdem alle russischen Goldgewinner die Flagge ihres Landes zu Pjotr Iljitsch Tschaikowskis Krönungsmarsch hineingetragen hatten, irgendwann spät also, schlug die Stunde Südkoreas: Seok-Rae Lee, der Bürgermeister von Pyeongchang, dem Ausrichter der nächsten Winterspiele 2018, bekam in einer symbolischen Zeremonie die olympische Fahne mit den fünf bunten Ringen vom Anführer des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach, überreicht.

"Bauarbeiten sollen noch dieses Jahr beginnen"

Mit dem repräsentativen Stoff nimmt er ein gewichtiges Signal mit auf den Weg heim: Ab jetzt tobt ein unerbittlicher Kampf gegen die Uhr, um die Vorbereitungen pünktlich abzuschließen. Neun Milliarden Dollar wollen die Koreaner für ihre Spiele investieren, zwei Milliarden unmittelbar für die Organisation, sieben in die Infrastruktur, davon allein vier in einen Hochgeschwindigkeitszug, der Pyeongchang in einer Stunde mit der Hauptstadt Seoul und dem Flughafen verbinden soll.

Sie haben gegenüber Sotschi den Vorteil, dass sie nicht alles neu aus dem Boden stampfen müssen, aber der bunte Prospekt, den sie in Sotschi verteilt haben, zeigt, dass die Zeit dennoch drängt. Zwar sind sieben von 13 Sportstätten bereits fertig, doch die größten Projekte fehlen noch: Das Olympiastadion für die Zeremonien, die beiden Eishockeyhallen oder die Halle für Eiskunstlauf und das in Korea sehr populäre Shorttrack. „Das Design ist fast vollständig genehmigt“, sagt der Präsident des Organisationskomitees von Pyeongchang (Pocog), Jin-Sun Kim, „die Bauarbeiten sollen noch dieses Jahr beginnen.“

Die Südkoreaner, die unter dem Motto „Neue Horizonte“ antreten, sind ohnehin nicht kleinlich mit Versprechungen. Ausgerechnet nach Putins Gigantismus wollen sie es sein, die „die kompaktesten und besten Winterspiele der Geschichte abliefern“, sagt Kim. Alle Sportstätten sind wie in Sotschi in zwei Gebieten, sogenannten Clustern, gebündelt, eines in Kangnung am Meer, eines in den Bergen. Alle Sportstätten sollen binnen 30 Minuten erreichbar sein. Weil allerdings fast alle Unterkünfte am Meer liegen, wird allein schon der Transport von Fans, Journalisten und Teams in die Berge eine Herausforderung.

Eine sensible Angelegenheit

Was die Ankündigungen zu Bauvorhaben wert sind, lehrt die Erfahrung, erweist sich erst, wenn endlich irgendwann die Bagger anrücken. In demokratischer organisierten Staaten als Russland sind derart gravierende Landschaftseingriffe stets eine sensible Angelegenheit: Auch Pyeongchangs Macher mussten das bereits erfahren, als etwa gegen die Pläne zum Bau eines Stadion für die alpinen Wettbewerbe in Jungbong Umweltgruppen zu Felde gezogen sind.

Die Fachleute fürchten ohnehin, dass sich das IOC allzu fahrlässig gleich nach den umstrittenen Putin-Spielen das nächste Abenteuer aufgehalst hat. In Sotschi hat der IOC-Präsident Thomas Bach am Sonntag noch einmal dezent darauf hingewiesen, dass man „nicht immer mit den Spielen in neue Städte und Regionen gehen muss“, um neue Wintersportgebiete zu entwickeln, sondern dass „auch eine Zeit kommt, in der man wieder zu seinen Wurzeln zurückkehren muss“.

Erste Warnhinweise aus Südkorea liegen längst vor. Als die 45 000-Einwohner-Stadt Pyeongchang, 180 Kilometer östlich von Seoul im im Taebaek-Sanmaek-Gebirge, vor fünf Jahren mit der Austragung der Biathlon-Weltmeisterschaften ihr Können einer Weltöffentlichkeit unter Beweis stellen wollte, ging der Schuss nach hinten los: Im Dauerregen versumpften die miserabel präparierten Strecken vor leeren Zuschauerrängen. „Pyeongchang richtet die dritten Winterspiele in Asien aus“, sagte der Pocog-Boss Kim in Sotschi und verwies auf Sapporo 1972 und Nagano 1998, „in Asien ist Wintersport noch nicht so gut entwickelt wie in Europa, Asien hat ein großes Potenzial, einen starken Wintersport zu entwickeln. Pyeongchang kann ein großes Fenster sein.“

Sorge um einen Flop des Heimteams

Die Olympier in Lausanne haben nach den Spielen in Sotschi allerdings größere Bedenken als zuvor. Mit seinen drei Gold-, drei Silber- und zwei Bronzemedaillen ist Südkorea im Medaillenspiegel auf Platz 13 in Sotschi eingelaufen. Das IOC hatte deswegen, wie bei den Russen nach Platz elf im Medaillenspiegel von Vancouver, schon nachdrücklich darauf hingewiesen, dass die Koreaner größeren sportlichen Aufwand betreiben müssen, sollen die Heimspiele nicht zum Flop geraten: Ein wettbewerbsfähiges Heimteam für alle Sportarten der Winterspiele 2018 sei Grundvoraussetzung für das Gelingen und die Atmosphäre.