Wuchtvolleyballer: Deutschlands Diagonalangreifer Georg Grozer.
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BerlinDen Weihnachtstag hat Georg Grozer in der Sporthalle verbracht; beim Training. Am 25. und 26. Dezember spielte Deutschlands bekanntester Volleyballer mit seiner Vereinsmannschaft Zenit St. Petersburg im Final Four des russischen Pokals. Nach einem 3:0 über Dynamo Moskau verlor Grozers Team im Finale 0:3 gegen Zenit Kasan. Tags darauf flog der Diagonalangreifer, der nicht nur wegen seiner zahlreichen Tattoos, sondern   seines wuchtigen Spiels und seiner Sprungkraft auffällt, nach Düsseldorf. In Moers holte er seine Töchter Leana und Loreen ab und nahm die Teenager mit ins Trainingslager in Kienbaum vor den Toren Berlins. „Die beiden dabeizuhaben, ist meine größte Motivation“, sagt der 35-Jährige. „Ich sehe meine Kinder ja nicht so oft. Sie drücken die Daumen und würden sich freuen, wenn wir uns für Olympia qualifizieren.“

An diesem Sonntag beginnt in der Berliner Max-Schmeling-Halle in Prenzlauer Berg   die hochkarätig besetzte Olympiaqualifikation derjenigen europäischen Mannschaften, die sich noch nicht bei der WM oder anderen Turnieren für die Sommerspiele in Tokio qualifizieren konnten. Acht Teams kämpfen um den letzten Olympiaplatz, neben Deutschland sind das Europameister Serbien,   der EM-Zweite Slowenien, Frankreich, Bulgarien, Belgien, die Niederlande und Tschechien. „Das sind alles Topteams. Es ist bitter, wenn sich nur einer qualifizieren kann“, sagt Grozer.

Qualifikation ist schwieriger als eine Medaille in Tokio

Deutschlands Bundestrainer Andrea Giani meint: „Es ist für uns Europäer schwieriger, sich für Olympia zu qualifizieren, als dort eine Medaille zu gewinnen. Da wird es nicht nur auf technische Elemente und Qualität ankommen, sondern darauf, wie viel Wille der Einzelne aufbringt, sich für die Mannschaft zu opfern, sich einzubringen.“
Wie wichtig ist es also, einen wie Georg Grozer bei diesem Turnier im Team zu haben? „Georg ist für uns unersetzlich. Er bringt Qualität mit, die es auf der Welt nicht oft gibt“, sagt der Bundestrainer. „Georg ist ein Motivationsfaktor. Er geht aufs Feld und will gewinnen, dafür gibt er alles. Da gibt es kein Wenn und Aber. Das mag ich“, meint René Hecht, der Berliner Präsident des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV). „Diese Art bringt ihm den Respekt der Jüngeren. Mit ihm geht man gerne los und sagt: Ich will das auch. Georg war in vielen wichtigen Spielen der beste Scorer. Er ist der beste deutsche Volleyballer der letzten Jahrzehnte.“

Zeitplan der Volleyball-Olympiaqualifikation in der Berliner Max-Schmeling-Halle

VORRUNDE
Gruppe A
1. Spieltag
Sonntag,    05.01.2020    16:30    Slowenien - Belgien  
Sonntag,    05.01.2020    19:30    Tschechien - Deutschland
2. Spieltag
Montag,    06.01.2020    20:10     Belgien - Deutschland
Dienstag,     07.01.2020    17:00     Belgien - Tschechien
3. Spieltag:
Dienstag,     07.01.2020:     20:10    Deutschland - Slowenien
Mittwoch,    08.01.2020:     17.30    Slowenien - Tschechien
Gruppe B
1. Spieltag:
Sonntag,    05.01.2020    13:30    Frankreich - Serbien
Montag,    06.01.2020    14:00    Niederlande - Serbien
2. Spieltag:
Montag,    06.01.2020    17:00     Bulgarien - Frankreich
Dienstag,    07.01.2020    14:00    Bulgarien - Niederlande
3. Spieltag:
Mittwoch,     08.01.2020    20:45    Frankreich - Niederlande  
Mittwoch,     08.01.2020    14:30    Serbien - Bulgarien
FINALRUNDE
Halbfinale:
Donnerstag, 09.01.2020     ab 17:00    Sieger Gr. A - 2. Gr. B und Sieger Gr. B - 2. Gr. A
Finale:
Freitag, 10.01.2020     20:10     Sieger Halbfinale 1 - Sieger Halbfinale 2

Grozer weiß, was alle von ihm erwarten. Es ist ja fast immer so gewesen, seitdem der in Budapest geborene Sohn eines ungarischen Volleyballhelden 2003 nach Moers gezogen war, kurz darauf die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt und 2007 in der deutschen Nationalmannschaft debütierte. Die Titel der Youtube-Videos, die es von dem Diagonalangreifer gibt, lassen erahnen, was er für ein Wuchtvolleyballer ist: „Monster-Attack“ heißen sie, „Monster of the vertical jump“, „Hammerschorsch“ oder einfach: „128 km/h“, die Beschreibung eines Aufschlags, der den Gegner umhaut.  

Titel aus den besten Ligen der Welt

Grozer kennt seinen Status. Manchmal spielt er damit. Früher fuhr er seinem restaurierten 60er-Jahre-Muscle-Car durch Moers, hatte keine Scheu vor Homestories mit seiner Frau Violetta, und jetzt, nach der Scheidung zeigt er in den sozialen Medien kuschelige Fotos von seiner neuen Liebe, der tschechischen Volleyballerin Helena Havelkova. Sie spielt bei Dynamo Moskau und hatte kurz nach dem Beginn der Liaison vor zwei Jahren gepostet: „Als ich dich zum ersten Mal sah, hatte ich keine Ahnung, wie wichtig du für mich werden würdest.“ Wenn Grozer sein Ligaspiel mit St. Petersburg an einem Sonnabend hat, fliegt er sonntags nach Moskau und schaut ihr zu. Helenas freien Montag verbringen sie dann gemeinsam in St. Petersburg.

Grozer   war WM-Dritter, EM-Zweiter, Champions-League-Sieger und Meister in den besten Ligen der Welt – oder dort, wo sich das meiste Geld verdienen ließ. Er spielte in Italien,   Polen, Russland, 2015 wechselte er nach Südkorea zu den Daejeon Samsung Fire Bluefangs, dort hatte er einen eigenen Physiotherapeuten und Mr. Nam, einen Übersetzer, der ihn Tag für Tag begleitete. Nach einem Jahr in Schanghai spielt der Zwei-Meter-Mann seit 2017 wieder in Russland, in Nowosibirsk, dann in Belgorod, jetzt in St. Petersburg.  
Dort, sagt er, habe er die gleiche Rolle inne, wie in der Nationalmannschaft. Seine Teamkollegen aus Russland schickten ihm in den vergangenen Tagen Nachrichten, „dass ich die anderen Nationen weghauen und gesund wiederkommen soll“.

"Es muss jeden Tag klappen"

Grozer geht voran. Er fordert die entscheidenden Bälle. Aber er weiß, dass Volleyball kein Einzelsport ist, dass die Teamleistung entscheidet, dass das Gefüge stimmen muss. „Wichtig ist, in was für einer Form die Mannschaft ist, wie wir zusammenkommen“, meint er. „Fünf Spiele in fünf Tagen sind eine Herausforderung. Es muss jeden Tag klappen.“ Teamkapitän Lukas Kampa sagt: „Georg ist für uns der Spieler, der den Unterschied ausmachen kann, wenn der Rest sein Topniveau bringt. Er kann Energie und Emotionen durch seine Aufschlagserien bringen. Aber Georg allein kann uns nicht durch die Quali prügeln.“

Berlin ist zum dritten Mal der Ort, an dem die deutschen Volleyballer ihre letzte Chance auf Olympia haben. 2012 schafften sie es, bei den Spielen in London wurden sie Fünfter. 2016 endete das Turnier nach einem dramatischen Duell gegen Polen mit Tränen, Olympia in Rio war verpasst,   Grozer sank zu Boden, auf der Tribüne weinte Violetta.
Dieses Mal   gibt die Reihenfolge der Gruppenspiele, die am Sonntag mit der Partie gegen Tschechien (19.30 Uhr, Sport 1) beginnen, „uns die Möglichkeit zu wachsen, uns zu steigern, um für das Halbfinale auf dem Niveau zu sein, das wir brauchen“, meint Bundestrainer Giani.

„Wir wissen, wofür wir hier sind“, fügt Grozer an, dem seine Töchter und sein Bruder Tom auf der Tribüne Sicherheit geben: „Für mich ist Olympia in Tokio mein letztes Ziel. Es wäre sehr schön, wenn ich bei den Sommerspielen Abschied von der Nationalmannschaft nehmen könnte – und nicht in Berlin.“