Berlin - An der Schwimmhallenwand in Berlin-Hohenschönhausen hängt noch immer die japanische Nationalflagge, weiß mit rotem Punkt in der Mitte. „Tokyo“ steht darauf, „Japan“. In die Zahl „2020“ hat Lasse Frank aus der letzten Null eine Eins gepinselt. Eine kleine Korrektur, erledigt in ein paar Minuten. In Wirklichkeit war die Verschiebung der Olympischen Sommerspiele für den Berliner Bundesstützpunkttrainer und seine Athleten aber eine langwierige Kette von Ereignissen, die viele tief herunterzog. Denn Olympia ist die Zeit, auf die alle Leistungsschwimmer hintrainieren, ihr Leben periodisieren, für die sie sich motivieren: vier Jahre lang. Und dann? Drehte Corona alle Pläne, Routinen, Leistungsprogramme durch den Schredder. 

„Der erste Schlag war, als wir vor einem Jahr erfahren haben, die Quali-Wettkämpfe finden nicht statt. Das zweite harte Ding war, als die Spiele verschoben wurden“, sagt der Berliner Rückenschwimmer Ole Braunschweig. Wenn das Ziel fehlt, ist es schwierig, Antrieb zu behalten. Trotzdem kamen er und seine Freundin, Freistilspezialistin Leonie Kullmann, Tag für Tag in die Halle, legten die blaue Matte auf die Fliesen, um ihre Muskeln zu dehnen. Sie gingen an die Kraftgeräte im ersten Stock. Sie schwammen ihre Serien im Becken, prusteten, schwitzten, verausgabten sich. 

Schwimmwettkämpfe von Freitag bis Sonntag

„Die größte Aufgabe dieser Saison war, die Athleten ständig wieder aufzubauen. Es gab ja ständig nur Absagen: Wettkämpfe, Trainingslager –  und über allem schwebt immer das Schwert: Findet Olympia überhaupt statt?“, erläutert Frank. Er fährt gerade vom PCR-Test in der Charité nach Hause. Dort wurden alle Teilnehmer des letzten deutschen Olympia-Qualifikationswettkampfs, der von Freitag bis Sonntag in der Schwimmhalle SSE an der Landsberger Allee stattfindet, auf Covid-19 getestet.

Die wichtigsten Rennen der bisherigen Saison stehen an: Braunschweig will sich über 100m Rücken für Tokio qualifizieren. Kullmann hat das über 200, 400 vielleicht 800m Freistil vor. 2016 war sie als jüngste deutsche Schwimmerin bei den Spielen in Rio de Janeiro in der 4x200 Meter-Staffel dabei.

Am Donnerstag haben sich die Berliner Kandidaten in die Wettkampf-Blase zwischen Hotel Andel's und SSE begeben, was für Kullmann, 21, und Braunschweig, 23, einerseits seltsam ist, weil sie um die Ecke in der Frankfurter Allee wohnen. „Andererseits“, sagt Kullmann, „kommt so noch mehr Wettkampfgefühl auf.“

Normalerweise ist Braunschweig derjenige, der sich von Änderungen am wenigsten aus dem Konzept bringen lässt. Der 1,90-Meter-Mann aus Biesdorf ist keiner, der Gedanken wälzt. Er agiert lieber, attackiert. „Er sagt zwar im ersten Moment ‚Scheiße‘, aber im nächsten Moment hat er sein Ziel wieder vor Augen. Leonie beschäftigt eine Änderung schon mal ein, zwei, drei Wochen“, sagt Frank.

Zwei Wochen Quarantäne für die Berliner Schwimmer

In diesem Januar hatte seine Trainingsgruppe den nächsten Hieb zu verdauen. Positivtests, zehn Tage Quarantäne für alle. Lasse Franks Frau packte einen Transporter voll mit Trainingsgeräten: Fahrrad- und Ruderergometer, Zugbänder, Matten, verteilte sie. Kullmann und Braunschweig schafften in ihrer Zweiraumwohnung Platz, rückten ihren Esstisch vors Sofa. Einkäufe und Mahlzeiten wurden ihnen vor die Tür gelegt. 

Im Chat motivierten sich die Quarantäne-Schwimmer gegenseitig. Sie schickten Nachrichten, Videos, Fotos. „Es hilft, wenn man sowas nicht alleine durchstehen muss. Das war für uns Ansporn und Kontrolle. Wie wir teilweise aussahen nach dem Training. Ich erinnere mich an Fotos von Ramon Klenz oder an eines von Johanna Roas, wie sie mit knallrotem Kopf nur noch dalag“, sagt Kullmann. Symptome hatte das Schwimmerpärchen von der SG Neukölln nicht. Dennoch wurden beide am Ende der Quarantäne positiv getestet. Weitere drei Tage später fielen ihre PCR-Tests negativ aus. Es gab für sie keine Nachwirkungen bei Belastungs- oder Bluttests. Sie waren froh, durften wieder ins Wasser.   

Anfang April blieb Kullmann in Heidelberg über 400m in 4:07,44 Minuten sechs Hundertstel unter der Olympianorm des DSV. „Ich war erleichtert, aber das heißt ja nicht, dass ich nominiert bin. Ich muss in Berlin unter den Top zwei bleiben auf der Strecke“, sagt die Wirtschafsingenieur-Studentin. Braunschweig blieb im Dezember in Würzburg in 53,66 Sekunden unter der 100m-Rücken-Norm von 53,70. Das war allerdings vor der Phase, die der DSV als Qualifikationszeitrum bestimmte. Auch er hat Konkurrenz auf der Strecke. „Ich hab große Lust auf den Wettkampf in Berlin“, sagt Braunschweig. Kullmann meint: „Für uns war die Olympiaverschiebung letztlich eher gut, denn wir sind beide schneller als zum gleichen Zeitpunkt im letzten Jahr. “