Berlin/Kienbaum - Endlich ist es wärmer geworden. Auch in Kienbaum, wo sich Christoph Harting in den vergangenen Wochen und Monaten, ja eigentlich im vergangenen Corona-Jahr in Wurfring, Kraftraum, Mensa und extra lang gezimmertem Sportlerbett schon beinahe häufiger aufgehalten hat als zu Hause in Berlin. Wobei der 31 Jahre alte Diskus-Olympiasieger von 2016, der aus Prinzip in einer Olympiasaison nicht mit Medienvertretern redet, „um nicht vom Wesentlichen abgelenkt zu werden“, wie er sagt, zuletzt auch zweimal im F­ernsehen aufgetaucht ist.

In den Vorabendsendungen „Klein gegen Groß“ und „Wer weiß denn sowas?“ – zusammen mit seinem Bruder Robert, dem Diskus-Olympiasieger von 2012. Die beiden haben sich ausgesöhnt. „Mit gewachsenem Lebensalter haben sich nun auch die Prioritäten bei uns verschoben. Und da wir nicht mehr im Konkurrenzkampf miteinander sind, steht das halt nicht mehr im Raum“, hatte Christoph Harting erläutert. Robert sagte vor dem ersten gemeinsamen Auftritt nach Jahren des gegenseitigen Ignorierens und des Schweigens: „Natürlich gehören Streits zum Leben, aber jetzt passt es halt wieder.“

Daniel Jasinski führt die deutsche Bestenliste an

Im Olympischen- und Paralympischen Trainingszentrum Kienbaum bei Grünheide bereitet sich Christoph Harting gerade auf die deutschen Leichtathletik-Meisterschaften im Rahmen der Finals vor. Die versprechen am Sonntag im Diskuswerfen so viel Spannung wie lange nicht. Warum? Weil der Olympiasieger von Rio de Janeiro dieses Mal nur als Vierter der deutschen Rangliste anreist und es keinen klaren Favoriten gibt.

Während Christoph Harting 2021 bislang auf eine Bestweite von 65,40 Meter kam, haben David Wrobel vom SC Magdeburg (67,30 m), Hennig Prüfer vom SC Potsdam (67,41 m) und der olympische Bronzemedaillengewinner von 2016, Daniel Jasinski vom TV Wattenscheid (67,47 m), nicht nur ihn, sondern auch die 66-Meter-Norm für die Olympischen Spiele in Tokio schon deutlich überboten.

Hinter Harting lauern zudem Martin Wierig vom SC Magdeburg (65,35 m) und der Potsdamer Clemens Prüfer (65,26 m) auf einen der drei Olympia-Plätze, die den Sportlern des Deutschen Leichtathletik-Verbandes zustehen. Über diese Situation freut sich Hartings Trainer Torsten Lönnfors einerseits. Denn er ist ja gleichzeitig Männer-Bundestrainer: „Die Verschiebung der Olympischen Spiele hat das bewirkt, was ich erhofft habe. Die anderen wie Wrobel oder die Prüfers haben sich einen Schritt weiterentwickelt oder sind zurück wie Jasinski.“

Andererseits sagt Lönnfors: „Mit Christoph hängen wir gegenüber der Planung, die im Mai 68 Meter vorgesehen hat, drei Meter hinterher.“ Warum das so ist? Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer davon ist die Wärme, in der Harting nur einmal war – beim Trainingslager in der Türkei. Bei Jasinski hingegen, der abseits der Verbandsfördermaßnahmen vier Trainingslager in der Sonne absolvierte und das Geld dafür selbst aufbrachte, scheint die Investition gut angeschlagen zu haben.

Kaum Regeneration in Kienbaum möglich

Nun haben sich junge Werfer wie die Prüfer-Brüder oder Kristin Pudenz aus Potsdam zwar auch vor allem in Kienbaum weiterentwickelt. „Gerade für ältere Athleten ist es aber wichtig, dass nicht jede Wurfeinheit bei acht Grad, Regen und Schnee stattfindet. Bis Ende Mai war ja der Frühling nicht mal da“, sagt Lönnfors.

Zudem waren wegen Corona Regenerationsmaßnahmen in Kienbaum untersagt. In einer Interview-Reihe des Trainingszentrums wird Harting gefragt, wie sehr die Athleten diese Hygieneregel getroffen habe. Er antwortet mit einem Vergleich aus dem Motorsport: „Stell dir vor, du bist auf der Formel 1 und fährst ein auf den Millimeter abgestimmtes Rennen. Täglich. Da sagt die Werkstatt: ‚Ja, wir haben zu.‘ Die Verschleißerscheinungen können nicht behoben werden. Du kannst die Achsen nicht mehr belasten. Du bist nicht mehr so schnell, weil die Reifen nur noch drei Runden halten. Das trifft uns sehr hart.“

Christoph Harting ist jetzt Polizeikommissar

Zudem hatte sich Harting nach der Verschiebung der Olympischen Spiele dazu entschieden, 2020 überhaupt keine Wettkämpfe mehr zu bestreiten, dafür die rotatorische Rumpfmuskulatur und überhaupt seinen lädierten Rücken zu stärken und in Kienbaum den Lehrgang für den gehobenen Polizeidienst zu absolvieren. Das bedeutete: Neun Wochen Kienbaum am Stück, mit anderen Sportlern wie dem Berliner Kanu-Olympiasieger Marcus Groß von 7 bis 16 Uhr Theorieunterricht. Danach: Training. „Das war sehr anstrengend“, sagt Lönnfors. Dafür ist Harting seit Februar Polizeikommissar.

Auf dem Weg zur Beförderung musste der 2,07-Meter-Mann zu Beginn des Jahres zwei Praktika über vier Wochen leisten. „Nach einer Zehn-Stunden-Schicht am BER-Flughafen, vielleicht sogar einer Nachtschicht, ist Training aber leider nur noch halb so viel wert“, urteilt Lönnfors. „Wir konnten erst ab März richtig trainieren. Christoph sucht jetzt eigentlich bei jedem Wurf sein Niveau.“

2000 Würfe fehlen dem Diskuswerfer

2000 Würfe fehlen ihm, technisch hat er diese Saison noch keine Stabilität erreicht. Was das für die deutschen Meisterschaften, die Olympiaqualifikation bedeutet? „Christoph muss mit der Drucksituation umgehen“, sagt Lönnfors: „Er weiß, dass es schwer wird. Er fährt zu den Deutschen, um da Gold zu machen. Ob das klappt, werden wir sehen.“