In Tokio setzt man in diesen Tagen im Kollektiv auf Mundschutz.
Foto: Jae C. Hong/AP

LausanneZum Beispiel Nenad Lalović, einer der wichtigsten Funktionäre der olympischen Welt: Der Serbe ist Präsident des Ringer-Weltverbandes (UWW) und Vorstandsmitglied IOC. Sein Arbeitspensum ist derzeit vom Coronavirus dominiert.

Montagmorgen in einem Schlösschen in Corsier-sur-Vevey, dem UWW-Hauptquartier im Kanton Vaud: Lalović sucht einen Ersatz-Ersatz-Ausrichter für die asiatische Olympiaqualifikation, nachdem erst China und nun Kirgisistan absagen mussten. Doha? Dort wird es ebenfalls kompliziert.

Olympische Spiele sind ein Geschäftsrisiko

Montagnachmittag in einer Villa in Lausanne: Vorstandssitzung des Dachverbandes der 33 olympischen Sommersportarten (ASOIF). Top-Thema: Coronavirus, Olympiaqualifikationen und die Gefahr einer Absage oder Verschiebung der Sommerspiele 2020.

Dienstagmorgen bis Mittwochnachmittag im IOC-Hauptquartier in Lausanne: Sitzung des IOC-Exekutivkomitees. Natürlich hat das Thema Coronavirus höchste Priorität, auch wenn IOC-Präsident Thomas Bach gerade vor japanischen Journalisten erklärte, die Spiele würden stattfinden. Was sollte er anderes sagen? „Ich bin nicht so pessimistisch“, sagt Lalović. „Zu 99,9 Prozent bin ich überzeugt davon, dass die Spiele wie geplant stattfinden.“ Daheim in Serbien hat er seit drei Wochen das chinesische Ringerteam untergebracht. Sportler, Trainer, Ärzte, Betreuer – 53 Personen. Das Team trainiert, wartet auf die Austragung der Olympiaqualifikation.

Das Coronavirus gefährdet die Olympischen Spiele und die Paralympics in Tokio. Derlei Gefahren sind nicht neu. Die Angst vor erzwungenen Absagen gehört zur Geschichte Olympias. Es ist ein Geschäftsrisiko des IOC, das die Spiele als Franchise-Unternehmen vermarktet und damit im aktuellen Olympiazyklus (2017 bis 2020) mehr als sechs Milliarden Dollar umsetzt.

Gegen einen Ausfall versichert

Nur einen kleinen Teil der Summe, wohl maximal eine Milliarde, deckt das IOC über Ausfallversicherungen ab, unter anderem mit der Münchner Rück. Die Allianz, von 2021 bis 2028 Sponsor des IOC, zählt noch nicht dazu. Über Details herrscht Stillschweigen. Für Tokio dürfte das IOC rund 20 Millionen Dollar für die Ausfallpolicen zahlen. Werden die Spiele verschoben und würde Geld von TV-Stationen und Sponsoren ausbleiben, geht es darum, den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten. Zudem müssen Tantiemen für die 28 permanenten olympischen Sommersportverbände und Anteile für die 206 Nationalen Olympischen Komitees beglichen werden, sowie Zuschüsse an das Organisationskomitee TOCOG. Die fünf Gast-Sportverbände für Tokio (Klettern, Surfen, Karate, Skateboard und Baseball/Softball) erhalten kein Geld.

Das IOC ist für den schlimmsten Fall gewappnet. Das Risiko für Tokio, wo weit mehr als 20 Milliarden Dollar investiert wurden, ist ungleich größer. Was oft als „Notfall-Fond“ des IOC bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit viel mehr, es ist das Herzstück des Olympiakonzerns: Die Olympic Foundation, eine 1992 gegründete Stiftung nach Schweizer Recht, in der alle Geschäftsaktivitäten und Firmen der IOC-Gruppe gebündelt sind. Stiftungsrat ist IOC-Präsident Bach. Zu den Stiftungszielen zählt es ausdrücklich, einen Olympia-Ausfall zu überstehen.

Viele der Verbände können ohne die Olympia-Tantiemen kaum überleben.“

Richard Pound

Die Sehnsucht nach finanzieller Unabhängigkeit gehört zur DNA des IOC, über die Wege dahin wurde Jahrzehnte gekämpft – und 1981 mit dem Fall des sogenannten Amateurparagraphen die Kommerzialisierung eingeleitet. Der Kanadier Richard Pound, seit 1978 im IOC, hat diese Zeit geprägt: „Es ging uns bei der Stiftungsgründung auch darum, den Sportverbänden zu helfen“, sagt Pound. „Viele der 35 Verbände können ohne die Olympia-Tantiemen kaum überleben.“ Auch unter dem IOC-Präsidenten Bach strebt das IOC nach langfristigen Verträgen, einige TV-Anstalten und Sponsoren haben bereits bis 2032 unterzeichnet – damit ist für mehr als ein weiteres Jahrzehnt Sicherheit gegeben.

Seit 1896 mussten die Spiele fünfmal abgesagt werden. Im Ersten Weltkrieg (Berlin), im Zweiten Weltkrieg in Cortina d'Ampezzo und Sapporo Winter), Tokio und London (Sommer). Zuletzt stand das IOC vom November 1972 bis Februar 1973 ohne Ausrichter da, weil Denver nach einem Volksentscheid die Winterspiele 1976 zurückgegeben hatte. Als Ersatz sprang Innsbruck ein. Die Spiele überlebten das Boykottzeitalter, Weltkriege, den Kalten Krieg. Wegen Naturkatastrophen oder Epidemien wurde Olympia noch nie abgesagt und fand, trotz Zika-Virus, 2016 auch in Rio statt.

Erfahrung mit Absagen

Tokio und Sapporo, Olympiagastgeber 1964 und 1972, waren also bereits von Absagen betroffen. Sie sind die Schauplätze der Spiele vom 24. Juli bis 9. August 2020. Für Sapporo, Austragungsort des Marathons und der Geher-Wettbewerbe sowie einiger Fußballspiele, wurde gerade der Ausnahmezustand verhängt. In Tokio spitzt sich die Lage zu. Im Sumo und Baseball fanden Wettkämpfe unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Dies könnte ein Testlauf für die Sommerspiele sein, denn es hält sich das Gerücht, ein Plan B sei es, die Spiele notfalls ohne Zuschauer auszutragen. „Davon habe ich bislang nichts gehört“, sagt Nenad Lalović.

„Ein bisschen Angst um die Spiele habe ich schon“, sagt Thomas Weikert, Präsident des Tischtennis-Weltverbandes (ITTF). „Ich hoffe, dass sich die Lage in den nächsten Wochen beruhigt. Ich bleibe verhalten optimistisch.“ Die ITTF hat ihre Einzel-WM, geplant Ende März in Busan (Südkorea), auf Ende Juni verschoben. Die Verbände von Lalović und Weikert haben Ausfallversicherung abgeschlossen, um einen Teil der Olympia-Tantiemen abzudecken. Die ITTF erwartet nach Tokio 18,6 Millionen Dollar vom IOC. Der UWW stehen 16,3 Millionen zu.

„Wir sind nicht so abhängig von diesen Geldern wie andere Verbände“, sagt Weikert. „Auch meinen Verband würde das nicht zerstören“, sagt Lalović. „Aber eigentlich weigere ich mich, an so einen Worst Case zu denken. Wir sind als IOC im täglichen Austausch mit der Weltgesundheitsorganisation WHO und den japanischen Verantwortlichen. Wir tun alles Menschenmögliche.“

Pound sagt, man habe es nicht in der Hand. „Es ist sinnlos, täglich neu zu spekulieren.“ Am Tag X, im Mai, brauche man sachgerechte Empfehlungen der Gesundheitsbehörden.