Tokio - Kristin Pudenz wischte sich die Tränen des Glücks aus den Augen, immer wieder schlug sie ungläubig die Hände vors Gesicht. Olympia-Silber mit dem Diskus, konnte das wirklich wahr sein? Konnte es tatsächlich. Mit einem grandiosen Wurf im Regenchaos von Tokio schaffte die Potsdamerin die gehörige Leichtathletik-Überraschung. Nach ihren ganz starken 66,86 Metern legte sich Pudenz die Deutschland-Fahne um die Schultern und ließ sich überglücklich feiern.

Pudenz beruhigt sich während der Regenpause selbst

„Bestleistung werfen ist natürlich immer cool, aber ich hätte nie gedacht, dass es für Silber reicht“, sagte Pudenz, die vorher die Top Acht angepeilt hatte. „Mir hat die Pause in die Karten gespielt“, ergänzte sie. In der Tat zeigte Pudenz, die nicht wirklich zu den Favoritinnen zählte, eine unglaubliche Nervenstärke, nachdem es in Tokio nicht nur zu regnen, sondern zu schütten angefangen hatte. Der Diskusring war glatt und rutschig geworden. 

In ihrem zweiten Versuch hatte die WM-Elfte schon 65,34 Meter hingelegt, schon das war ein Hinweis auf ihre gute Verfassung, ein Fingerzeig Richtung Medaille. Danach setzte sintflutartiger Regen ein, reihenweise ungültige Versuche waren die Folge, ehe der Wettkampf für rund 50 Minuten unterbrochen wurde. „Ich habe versucht, ruhig zu bleiben und mir gesagt: Du hast es drauf, du bist in einer super Form - und das hat auch gut geklappt“, sagte Pudenz.

Und wie es klappte: Als es weiterging, konnte die Konkurrenz nicht mehr zulegen. Dagegen hielt Pudenz, die in diesem Jahr mit Achillessehnenproblemen zu kämpfen hatte, die Anspannung: Im fünften Versuch traf sie den Diskus perfekt, er flog und flog - auf 66,86 Meter. Persönliche Bestleistung, genau im richtigen Moment.

25 Jahre nach Ilke Wyludda gewann Pudenz endlich wieder eine Olympia-Medaille für Deutschland im Diskuswerfen. Nur Olympiasiegerin Valarie Allman (68,98) aus den USA war stärker. Doch Pudenz ließ überraschend den Rest der Weltelite hinter sich, Weltmeisterin Yaime Perez (65,72/Kuba) musste sich mit Bronze begnügen. Für die Kroatin Sandra Perkovic, Olympiasiegerin von London und Rio, reichte es diesmal sogar nur zu Platz vier.

Die erste Medaille für den DLV

„Wir Deutschen waren immer schon eine Werfernation“, hatte Pudenz zuletzt gesagt - und jetzt ist auch die 28-Jährige ein Teil dieser Geschichte. Und ganz nebenbei erlöste die Polizistin das deutsche Leichtathletik-Team von einer Last: Die 1,91 Meter große Athletin holte in Tokio die erste Medaille für den DLV. Marike Steinacker (Leverkusen) wurde mit 62,02 Metern Achte, Claudine Vita (61,80/Neubrandenburg) landete auf Rang neun.