Tokio - Besonders ausgelassen dürfte die Party bei der Willkommensfeier für die deutsche Olympia-Mannschaft wohl kaum ausfallen. Wenn am Montagnachmittag der Rest der Tokio-Delegation auf dem Frankfurter Römer eintrifft, bringt sie die schlechteste Medaillenbilanz seit der Wiedervereinigung, zwei Skandale um Funktionäre und noch einen Corona-Schreck vom Schlusstag mit aus Japan, denn Fünfkampf-Sportdirektorin Susanne Wiedemann wurde am Sonntag positiv auf Corona getestet und darf Japan vorerst nicht verlassen.

Deutsche Pannen am letzten Olympia-Wochenende

Der olympische Endspurt war garniert von Pech und Pannen: Da gab es etwa den Ausrutscher von Speerwerfer Johannes Vetter auf Tokios sonst oft wundersamer, aber in diesem Fall viel zu weicher Mondo-Bahn. Als großer Favorit mit einer Bestweite von 97,76 Metern angereist, kam er mit dem speziellen Untergrund nicht zurecht und mit 82,52 Metern nicht über Platz neun hinaus. Auch die Medaillenhoffnungen der Bahnsprinterinnen und Springreiter erfüllten sich nicht mehr. Das bedeutete für Team Deutschland: Rang neun im Medaillenspiegel, noch hinter den Niederländern. Und doch befand DOSB-Präsident Alfons Hörmann: „Die sportliche Bilanz ist insgesamt in Ordnung.“

37 Mal Edelmetall, davon zehnmal Gold, elfmal Silber und 16 Mal Bronze – das sind fünf Medaillen weniger als bei den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro und vier weniger als bei der bisherigen Negativmarke in Peking 2008. Dem erfolglosen Auftritt aller Ballsport-Teams, der Hörmann „weh tut“, und dem schwachen Abschneiden früherer Medaillen-Garanten wie Ruderern und Renn-Kanuten sowie im Rad-Velodrom standen nur wenige Ausreißer nach oben entgegen. Tennis-Überraschungssieger Alexander Zverev, Weitspringerin Malaika Mihambo und die Ringer um Olympiasiegerin Aline Rotter-Focken konnten die Gesamtbilanz nicht retten.

Noch unerfreulicher für den Deutschen Olympischen Sportbund aber waren die Eklats um die rassistischen Ausfälle von Rad-Sportdirektor Patrick Moster im Straßenrennen und das Fünfkampf-Drama. Moster musste auch auf Druck des Internationalen Olympischen Komitees die Heimreise antreten. Der Weltverband sperrte ihn bis Jahresende. Fünfkampf-Bundestrainerin Kim Raisner wurde von den Spielen ausgeschlossen. Für das deutsche Team hatten die Spiele schon mit dem Corona-Fall des Radsportlers Simon Geschke begonnen, der tagelang für Unruhe sorgte. 

Verbandschef Hörmann, der am Jahresende nach heftiger Kritik aus dem Mitarbeiterkreis nicht mehr zur Wiederwahl antreten wird, stellte dem Tokio-Team trotz allem ein gutes Zeugnis aus. „Großartige sportliche Botschafter“ seien die 432 deutschen Athletinnen und Athleten gewesen, versicherte der 60-Jährige. „In der Vertretung ihres Landes sind sie ihrer besonderen Verantwortung gerecht geworden“, fügte Hörmann hinzu.

Athleten schwärmen vom Aufenthalt in Tokio

Viele der deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmer zeigten sich nach den Ängsten vor der Abreise ebenfalls angetan. „Trotz Corona-Maßnahmen und Corona-Regeln haben mir diese Spiele hier vom Ablauf und vom Miteinander viel, viel besser gefallen als die Spiele damals in Rio“, sagte Schwimm-Olympiasieger Florian Wellbrock. Auch Ringer Frank Stäbler, der zum Ende seiner Karriere doch noch Olympia-Bronze eroberte, schwärmte: „Als ich im Dorf angekommen bin, habe ich sofort gemerkt, Olympia beginnt, hier kommt die Welt zusammen. Für die Umstände bin ich begeistert.“ Und auch Tennis-Olympiasieger Alexander Zverev äußerte sich durchweg hingerissen vom tollen Miteinander und der Atmosphäre im olympischen Dorf.

Das unterstrich auch Delegationsleiter Hörmann. Die Erwartungen an die wegen Corona um ein Jahr verschobenen Notspiele seien „erfüllt und übererfüllt“ worden. Im Athleten-Dorf sei der olympische Geist spürbar gewesen, die Wettkampfstätten beschrieb der DOSB-Chef als „einzigartig“. Zudem lobte er die Gastfreundschaft der Japaner, die selbst aus den Arenen ausgesperrt blieben. Hörmann räumte aber auch ein: „Der völkerverbindende, ganzheitlich emotional berührende Moment wie bei anderen Spielen war in Pandemie-Zeiten schlichtweg nicht möglich.“

Sportlich soll nun laut Hörmann eine „saubere und lückenlose Analyse“ folgen. Chef de Mission Dirk Schimmelpfennig erhofft sich einen Schub durch die Leistungssportreform, die mit Wirkung zum 1. Januar 2022 vollständig umgesetzt werde, und durch stärkere wissenschaftliche Unterstützung. „Hier sehen wir noch großes Potenzial“, sagte der Leistungssport-Vorstand des DOSB. Zudem mahnte er an, das System der Sportförderung zu „vereinfachen und entbürokratisieren“, wie es bei einigen internationalen Konkurrenten der Fall sei.

Viel Zeit zum Nachsteuern bleibt den deutschen Sommersport-Verbänden indes nicht. Bis Paris 2024 sind es nur drei Jahre. „Ein sehr überschaubarer Zeitraum“, warnte DOSB-Präsident Hörmann, der im Dezember nicht mehr kandidieren wird. Potenzielle Nachfolger bringen sich bereits im Hintergrund in Stellung.