Berlin/Tokio - So einen heiteren Olympia-Auftakt hat der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) schon lange nicht mehr erlebt. Für die Dresdner Wasserspringerin Tina Punzel begann der Moment des Glücks in einem schwarzen Plastikbottich mit wohlig warmem Wasser. Im Entspannungsbecken neben dem Sprungbecken erlebte die Synchronpartnerin von Lena Hentschel aus Berlin den Patzer der Italienerinnen: Hentschel stand vor ihr auf den Fliesen des Tokyo Aquatics Centre. Sie schlug überrascht die Hände, in denen sie noch ihr rotes Handtuch hielt, vors Gesicht. Da folgte schon der erste Gratulationskuss von Bundestrainer Lutz Buschow auf ihre nassen Haare. Der Fehler der Italienerinnen hatte das deutsche Duo vom Verfolgerrang vier auf Medaillenrang drei katapultierte. Damit gewannen Hentschel/Punzel im Synchronspringen vom Dreimeterbrett am zweiten Wettkampftag der Spiele von Tokio die erste Medaille des deutschen Olympiateams. 

Erste Synchron-Medaille der Frauen vom Brett seit 2008

Die Europameisterinnen mussten sich am Sonntag nur den herausragenden chinesischen Siegerinnen Shi Tingmao und Wang Han sowie Jennifer Abel/Melissa Citrini Beaulieu aus Kanada geschlagen geben. „Das ist das, wofür wir fünf Jahre trainiert haben“, sagte Punzel und zeigte die Medaille her, die um ihren Hals hing. „Dass es so aufgegangen ist, ist einfach superschön und gar nicht in Worte zu fassen.“ Lena Hentschel sagte: „Im ersten Wettkampf als deutsches Wasserspringer-Team direkt eine Medaille zu gewinnen - besser geht es nicht.“ Das war zuletzt Ditte Kotzian und Heike Fischer 2008 in Peking ebenfalls mit Bronze gelungen.

Nachdem schon Vorspringer Patrick Hausding das Team bei der Eröffnungsfeier angeführt hatte, sagte Bundestrainer Buschkow: „Wir haben schon im Mittelpunkt gestanden mit der Wahl des Fahnenträgers. Jetzt die erste Medaille: Das nimmt natürlich auch ein bisschen Last vom deutschen Team.“

Um besser mit Punzel trainieren zu können, zog die 20 Jahre alte Hentschel vor drei Jahren extra nach Dresden. „Das hat sich heute so ausgezahlt“, sagte die Berlinerin strahlend im Fernsehstudio, „fünf Jahre haben wir trainiert für diese eine Stunde.“ Vor dem Wettkampf saßen die beiden Springerinnen zusammen im Zimmer des Athletendorfes. Sie packten den Glückskeks aus, den ihnen ihre Physiotherapeutin geschenkt hatte, teilten ihn, aßen ihn. Die Nachricht auf dem Zettel lautete: „Ich werde eine gute Nachricht bekommen.“

Das stimmte für beide. Und sicher hätte keiner im deutschen Team etwas dagegen, wenn dieser Glückskeks eine Art Omen für die anderen Wasserspringen werden würde. Denn nicht nur die viermalige Europameisterin Punzel hat bei ihren vier Einzelstarts sowie weiteren zwei Synchronwettbewerben noch Medaillenchancen, sondern auch Vorspringer Hausding vom Berliner TSC, der sich erstmals am Mittwoch mit Synchronpartner Lars Rüdiger vom Dreimeterbrett den Punktrichtern präsentiert. 

Henning Mühlleitner krault mit Bestzeit ins Finale  

„Wenn es uns als Mannschaft gelingt, in Tokio unser Leistungsvermögen auszuschöpfen, ist die eine oder andere Medaille drin“, sagte Buschkow. Der Wassersprung-Bundestrainer ist in Japan kommissarisch als Leistungssportdirektor des DSV im Einsatz, nachdem sich der Schwimmverband, begleitet mit viel Getöse, von Amtsinhaber Thomas Kurschilgen getrennt hatte.

Und: Neben der Medaille für Hentschel/Punzel lieferten die DSV-Athleten auch im Schwimmbecken am ersten Olympia-Wochenende ganz ungewohnte, ganz andere Bilder als bei den vergangenen Spielen in Rio und London. Statt gesenkten Köpfen und ratlosen Gesichtern oder schwammigen Erklärungen kraulte dieses Mal der 24 Jahre alte Henning Mühlleitner aus Emmendingen bei Freiburg eine so veritable wie überraschende Bestzeit ins Wasser.

Im Vorlauf über 400 Meter Freistil schlug der EM-Dritte von 2018 in 3:43,67 Minuten an. So schnell war seit Paul Biedermann kein Deutscher mehr. Mit der schnellsten Vorlaufzeit sprang er im Finale am Sonntag dann auf der Favoritenbahn vom Startblock. „Ich bin in der Weltszene eher unter dem Radar geschwommen, und plötzlich schwimme ich in einem olympischen Finale auf Bahn vier.“

dpa/Michael Kappeler
Überrascht über 400 Meter Freistil mit Platz vier: Henning Mühlleitner.

Es verängstigte den Studenten der Wirtschaftsinformatik nicht. Im Finale kam Mühlleitner in 3:44,07 Minuten nicht mehr ganz an die Werte des Vorabends heran: er verfehlte Bronze um Zentimeter. Sein Schlussspurt reichte nicht ganz zur ersten deutschen Olympia-Medaille der Beckenschwimmer seit 2008. Aber das hatte niemand erwarten können. Schließlich war Mühlleitner erst durch den Verzicht von Doppelweltmeister Florian Wellbrock auf die 400-Meter-Strecke ins Feld gerutscht. 

Mühlleitner will Team mit Platz vier beflügeln

Er bewies mit seiner Steigerung, dass Wunderschwimmer Wellbrock und seine Freundin, die WM-Zweite Sarah Köhler, den DSV nicht allein aus der Medaillenflaute kraulen müssen. „Ich denke, ich habe die Mannschaft gut beflügeln können“, sagte Mühlleitner.