Tokio/Berlin - Ein schöneres Ende seiner sportlichen Karriere hätte sich Ronald Rauhe selbst nicht ausmalen können: Am Sonnabend triumphierte der 39-Jährige erst mit der Crew des Kajak-Vierers Max Rendschmidt, Tom Liebscher und Max Lemke, womit er nach 2004 seine zweite Olympia-Goldmedaille gewann. Am Sonntag trug er als Würdigung seiner Lebensleistung dann die deutsche Fahne bei der Abschlusszeremonie im Tokioter Stadion. „Ich hätte mir nichts anderes erträumen, erwünschen können. Das macht es mir leicht, meine Karriere zu beenden“, sagte er.

Emotionale Grüße von der Familie

Diese letzten Tage in Japan versöhnen für die Entbehrungen, die das Zusatzjahr Leistungssport durch die Verschiebung der Spiele mit sich gebracht hat. Zum einen galt es, einen von vielen Wettkämpfen und Trainingseinheiten geschundenen Körper noch mal in Bestform zu bringen. Vor allem aber musste einmal mehr das Familienleben zurücktreten. An der Einschulung seines älteren von zwei Söhnen am Sonnabend konnte er nicht teilnehmen.

Die Reaktionen der Liebsten auf sein letztes olympisches Rennen sorgten für einen der zahlreichen emotionalen Ausbrüche, die Rauhe in den vergangenen zwei Tagen durchlebte. Obwohl ausgemacht war, dass die beiden Söhne wegen der anstehenden Einschulung nicht geweckt werden sollten, saß die kanuverrückte Familie – Ehefrau Fanny hat 2008 Olympia-Gold im Vierer gewonnen – in der deutschen Nacht vor dem Fernseher. „Ich hab ein Foto gekriegt, wo sie um drei Uhr nachts wach waren und mein Rennen geguckt haben. Das macht mich einfach stolz. Die Familie hat einen ganz, ganz großen Anteil daran“, sagte der 39 Jahre alte Rauhe mit stockender Stimme.

Da ist es auch nur zu verständlich, dass der gebürtige Berliner, der in Falkensee wohnt und in Potsdam trainierte, den Olympia-Empfang ausfallen lässt, um direkt vom Frankfurter Flughafen in die Heimat zu fahren. Auch, um den neuen Abc-Schützen in der Familie zur Schule zu bringen. „Das ist so abgesprochen. Und ich werde mein Versprechen halten.“

Kanuten erlebten fast ein Desaster

So emotional der große Auftritt Rauhes war, der von Bundestrainer Arndt Hanisch als „Papa im Boot“ bezeichnet wird, so offenbarte sich wenig später aber auch, dass der Goldlauf die Kanu-Bilanz deutlich aufpolierte, aber im Vergleich zu früheren Spielen eine erhebliche Lücke klafft. Die Frauen paddelten zu keiner Medaille, der Kanadier-König früherer Jahre, Sebastian Brendel, verpasste das Finale. „Es war fast ein Desaster“, analysierte Verbands-Präsident Thomas Konietzko. Jetzt, wo auch Frontmann Rauhe nicht mehr bereitsteht, besteht Erneuerungsbedarf.

Der vierfache Olympia-Medaillengewinner und 16-fache Weltmeister hat neben viel mehr Zeit mit der Familie erst mal andere Sorgen. Für ihn wird es darum gehen, das Berufsleben nach der Karriere als Leistungssportler zu starten. Vor dem Abflug hatte er gesagt: „Ich habe gehörigen Respekt davor, ich war so lange in diesem Business drin. Ich muss etwas finden, wo ich die gleiche Leidenschaft aufbringen kann wie für den Kanusport.“ Der ihm in den vergangenen Tagen noch mal so zahlreiche Glücksmomente beschert hat.