Tokio - Die belarussische Sprinterin Kristina Timanowskaja hat nach ihrem Hilferuf am Sonntagabend die Nacht in einem Hotel am Tokioter Flughafen Haneda verbracht. Offenbar darf sie nach Polen reisen und soll dort Asyl erhalten. Dies sagte ihr Ehemann am Montag dem Büro der Nachrichtenagentur AFP in der ukrainischen Hauptstadt Kiew.

„Sie wird wahrscheinlich nach Polen gehen“, erklärte Arseni Zdanewitsch. Er selbst sei von Belarus nach Kiew geflohen. Er sagte weiter, dass er hoffe, seiner Frau „in naher Zukunft“ nach Polen zu folgen. „Ich glaube, es wäre auch für mich nicht sicher, dort (in Belarus; d.Red.) zu sein“, führte der 25 Jahre alte Fitnesstrainer aus.

Zudem bestätigte IOC-Sprecher Mark Adams, Timanowskaja sei „sicher“, am Montagmorgen habe das Internationale Olympische Komitee (IOC) erneut Kontakt zu ihr gehabt und das belarussische NOK aufgefordert, schriftlich zu den Vorwürfen Stellung zu beziehen. Nach Adams’ Angaben seien Offizielle der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR in den Fall involviert. Weitere Details nannte er nicht.

Am Flughafen fand Timanowskaja Schutz bei der Polizei

Timanowskaja hatte am Sonntagabend über die sozialen Medien die Angst geäußert, gegen ihren Willen zurück nach Belarus gebracht zu werden und das IOC um Hilfe gebeten. Am Flughafen fand sie Schutz bei der Polizei, die sich laut Adams mit „anderen Organisationen“ weiter um sie kümmert, um welche japanischen Behörden es sich dabei handelt, sagte Adams nicht. IOC-Direktor James MacLeod, zuständig für die Beziehungen zu den Nationalen Olympischen Komitees, habe am Abend und am Morgen mit Timanowskaja gesprochen.

Auslöser der Affäre war offenbar ein mittlerweile gelöschtes Video, das Timanowskaja bei Instagram gepostet hatte. Darin kritisierte sie den belarussischen Leichtathletik-Verband. Timanowskaja gab an, sie sei gezwungen worden, am 4x400-Rennen teilzunehmen, weil der Verband nicht die Anzahl ausreichender Dopingkontrollen für die Athletinnen gewährleistet habe, die für die Staffel vorgesehen waren.

Am Montagvormittag stand die Sprinterin ursprünglich in der Startliste über 200 m. Das belarussische NOK erklärte öffentlich, dass Timanowskaja „aufgrund ihres emotionalen und psychologischen Zustands“ nicht mehr an den Spielen teilnehmen könne.

Sanktionen gegen das belarussische NOK

Die unabhängige Athletenorganisation Belarusian Sports Solidarity Foundation (BSSF) unterstützt Timanowskaja. „Vertreter des belarussischen Kaders versuchen, die Sportlerin aus Tokio zu verschleppen, ihr wurde ein Flugticket nach Minsk gekauft“, schrieb die im vergangenen Jahr gegründete Stiftung bei Telegram. Man habe das Eingreifen der japanischen Polizei beantragt, um diese Ausreise zu verhindern, so die BSSF weiter.

IOC-Sprecher Adams verwies in der täglichen Pressekonferenz auf die Sanktionen, die im vergangenen Jahr gegen das belarussische NOK verhängt worden waren. Staatschef Alexander Lukaschenko musste sein Amt als NOK-Vorsitzender abgeben, seinem Sohn Wiktor verweigerte das IOC die Anerkennung als dessen Nachfolger. Die finanziellen Zuwendungen wurden ausgesetzt, ebenso die Gespräche über IOC-Veranstaltungen in Belarus.

Das IOC machte Belarus zum Vorwurf, dass die „frühere Führung des NOK die belarussischen Athleten nicht angemessen vor politischer Diskriminierung“ geschützt habe. Medienberichten zufolge sind mehr als 100 Athletinnen und Athleten vom Leistungssport in Belarus ausgeschlossen worden, seit sie einen offenen Brief unterschrieben haben, der ein Ende der Polizeigewalt gegen regierungskritische Demonstranten fordert.