Berlin/Tokio - Acht Männer standen auf der Bahn, um den neuen olympischen Sprintkönig zu ermitteln. Acht Männer zuckten, wiegten, trippelten vor dem 100-Meter-Rennen in Tokio. Sie zupften an ihren Trikots, blinzelten in die Kamera oder zeigten gestenreich, dass sie sich für unbesiegbar hielten. Oder waren es neun Männer? Stand da nicht unsichtbar ein weiterer Sprinter? Usain Bolt, immer wieder Usain Bolt. Ständig fiel der Name des bisherigen Königs. Der Jamaikaner hatte 2008, 2012 und 2016 alle in Grund und Boden gesprintet. 

Jacobs gewinnt in Europarekordzeit

Nach dem Rennen sprach erst mal niemand über Bolt. Da war der Name eines Italieners in aller Munde. Etwas ungläubig schlug Lamont Marcell Jacobs die Hände über dem Kopf zusammen – dann sprang ihm auch noch sein Landsmann Gianmarco Tamberi in die Arme. Am Sonntag war Jacobs überraschend der schnellste über 100 Meter. 

Mit dem Europarekord von 9,80 Sekunden verwies der 26-Jährige den US-Amerikaner Fred Kerley und Andre de Grasse aus Kanada auf die Plätze zwei und drei. Jacobs ist der erste europäische Olympiasieger im Sprint seit Linford Christie 1992 und der erste 100-Meter-Sieger aus Italien. „Es war mein Traum als Kind“, sagte Jacobs und meinte mit Blick auf die Ehrung: „Ich kann es kaum erwarten, die Hymne zu hören.“

Mit einer Flagge in den Nationalfarben um die Schultern drehte er eine Ehrenrunde. Nur Minuten zuvor hatte sein Landsmann Tamberi – zusammen mit Mutaz Essa Barshim aus Katar – Gold im Hochsprung gewonnen. Überglücklich posierte Jacobs anschließend mit angespannten Muskeln für die Fotografen, ehe er sich in den Interview-Marathon stürzte.

Eigentlich hatte Jacobs, ein gebürtiger US-Amerikaner mit italienischer Mutter, wie sein Vater Basketballer werden wollen. Gut, dass er sich anders entschieden hat. Ohne den ganz großen Druck angereist, steigerte sich Jacobs, der erst im Mai mit 9,95 Sekunden unter der 10,0-Marke geblieben war, von Runde zu Runde. Schon im Halbfinale war er mit 9,84 Sekunden Europarekord gerannt. „Ich möchte meiner Familie danken, die mich immer unterstützt hat“, sagte Jacobs: „Meinen Kindern Anthony und Jeremy und meiner Mutter, die seit meiner Kindheit mein größter Fan ist.“

Drei Jamaikanerinnen räumen die Medaillen ab

Bolt war bis zu seinem Karriereende 2017 der Poster-Boy der Olympischen Spiele. Der von ihm als Nachfolger auserkorene Trayvon Bromell hatte das Finale verpasst – um eine Tausendstelsekunde. Weltmeister Christian Coleman fehlte wegen eines Anti-Doping-Verstoßes gesperrt. So legte der Italiener den Auftritt seines Lebens hin.

Während es in Tokio überhaupt kein Jamaikaner ins Männer-Finale schaffte, hatten dort tags zuvor drei Jamaikanerinnen triumphiert. Bolt schwärmte: „Komplett abgeräumt.“ Doch im Stadion herrschte nach dem Medaillenrausch Eiszeit. Ein flüchtiger Klaps der geschlagenen Shelly-Ann Fraser-Pryce auf die Schulter von Olympiasiegerin Elaine Thompson-Herah. Dann wieder Abstand – statt mit der Dritten Shericka Jackson auf eine gemeinsame Ehrenrunde.

Thompson-Herah kommt fast an Zeit von Griffith-Joyner ran

Goldgewinnerin Thompson-Herah fehlten in Tokio bei ihrem zweiten Olympia-Triumph über 100 Meter nach Rio elf Hundertstel zum Jahrhundert-Weltrekord von Florence Griffith-Joyner. Die Amerikanerin war vor 33 Jahren in 10,49 Sekunden eine Fabelzeit gelaufen. Griffith-Joyner, die 1988 in Seoul in 10,62 Sekunden siegte und stets von Dopinggerüchten umgeben war, starb mit nur 38 Jahren. So bedeuteten die 10,61 Sekunden von Thompson-Herah am Sonnabend olympischer Rekord.

dpa/Oliver Weiken
Die drei von der Sprintstrecke: Jamaikas Zweitplatzierte Shelly-Ann Fraser-Pryce, Olympiasiegerin Elaine Thompson Herah und Shericka Jam Jackson (von links).

„Ich habe so laut geschrien, weil ich so glücklich war“, sagte sie aufgelöst. Schon 2016 in Rio hatte Thompson-Herah Gold nicht nur über 100, sondern auch über 200 Meter geholt. Hoffentlich könne sie „eines Tages den Weltrekord brechen“, meinte sie. „Ich bin erst 29. Ich bin nicht 30. Ich bin nicht 40.“

Fraser-Pryce durfte diese Worte durchaus an sich gerichtet sehen. Sie verpasste als Zweite in 10,74 Sekunden ihren dritten Olympiasieg über 100 Meter nach 2008 und 2012. Damit bangt sie um ihren Legenden-Status in der Heimat neben Bolt – auch wenn sie die schnellste Zeit ihres Lebens mit 34 Jahren rannte. Ob so eine Leistung an der Yams-Wurzel liegt?