Tokio - Die Goldmedaille hat Judoka Saeid Mollaei in Tokio knapp verpasst. Dennoch durfte sich der Iraner, der bei diesen Olympischen Spielen für die Mongolei antritt, wie ein Sieger fühlen. Dass der japanische Sieger Takanori Nagase seinen unterlegenen Kontrahenten nach dem Kampf als „Inspiration für unseren Sport“ bezeichnete, liegt an dem beeindruckenden Weg, den der 26-Jährige in den vergangenen beiden Jahren zurückgelegt hat.

Im Austausch mit dem Verfassungsschutz

Vor dem WM-Halbfinale 2019 an gleicher Stelle wurde der Titelverteidiger von iranischen Funktionären aufgefordert, gar gedrängt, nicht zu seinem nächsten Kampf anzutreten. Um einem Kampf mit dem späteren Champion, dem Israeli Sagi Muki, aus dem Weg zu gehen. Auch bei den Spielen in Tokio sorgte für Aufregung, dass zwei Athleten nicht zu ihren Kämpfen gegen den israelischen Judoka Tohar Butbul angetreten waren.

Mollaei allerdings hatte einen anderen Weg gewählt und sich den Weisungen widersetzt, obwohl es klare Hinweise gab, dass seine Eltern im Iran unerwünschten Besuch von Sicherheitskräften bekommen hatten. Aus Angst vor dem iranischen Regime setzte sich Mollaei nach dem Turnier nach Deutschland ab, wo er heute lebt und trainiert. In engem Austausch mit dem Verfassungsschutz, weil es nach wie vor Hinweise gibt, dass er selbst und seine Familie nicht sicher vor Vergeltungsmaßnahmen sind.

Mit neuem Pass in Israel

Seit Dezember nahm er das Angebot an, unter mongolischer Flagge zu kämpfen. Im Februar 2020 reiste er mit neuem Pass nach Israel, um beim Grand-Slam-Turnier in Tel Aviv anzutreten. Weil die iranische Staatsbürgerschaft laut iranischem Recht nicht abgegeben werden kann, war Mollaei damit der erste Sportler aus dem Iran, der seit der Islamischen Revolution 1979 an einem Turnier in Israel teilgenommen hat.

All diese Widrigkeiten waren Mollaei in den vergangenen Tagen in der berühmtesten Judohalle unweit des kaiserlichen Palastes der Welt nicht anzumerken. Auch wenn eine Kleinigkeit zum großen Coup fehlte, so verlässt er den Ort, von dem er vor zwei Jahren überstürzt und schwer gezeichnet abreisen musste, diesmal mit Genugtuung.