Tokio - Julia Krajewski behielt die Nerven und schrie ihre Freude über Olympia-Gold in den Nachthimmel von Tokio. Als letzte Starterin der Vielseitigkeits-Konkurrenz musste die 32-Jährige aus Warendorf am Montag in den Parcours reiten, durfte sich keinen Abwurf mit ihrer Stute Amande leisten – und sie hielt diesem Druck stand, blieb fehlerfrei und riss die Faust vor Freude in die Höhe.

„Das war wirklich bilderbuchmäßig“, lobte ihr Vorgänger Michael Jung, der 2012 in London und 2016 in Rio jeweils Gold gewonnen hatte und in Tokio Achter wurde. „Das hat sie wunderbar gemacht. Das war ein verdienter Sieg auf jeden Fall!“ Und Equipechef Dennis Peiler schwärmte: „Das war fantastisch. Dieser Wettbewerb war eine Achterbahn der Gefühle – und am Ende hat Julia bewiesen, dass sie absolute Weltklasse ist.“

Julia Krajewski hatte „persönlich traurige Momente“

Dieses Gold ist auch für die Reiterin selber ein „Stoff, aus dem Filme gemacht sind.“ Denn Krajewski hatte zuletzt einige Jahre „mit persönlichen, traurigen Momenten, alles, was man an Auf und Ab erleben kann.“ In Tokio ging es jetzt nicht abwärts, sondern auf das oberste Treppchen. Sie gewann nach einem unbedeutendem Zeitfehler mit nur 26 Strafpunkten vor dem Briten Tom McEwen mit Toledo (29,30) und dem Australier Andrew Hoy mit Vassily (29,60).

Krajewski krönte eine Aufholjagd nach Platz vier in der Dressur und einem makellosen Geländeritt mit zwei fehlerfreien Runden im Springen. Sie sicherte Deutschland das vierte Einzel-Gold in Serie nach Hinrich Romeike 2008 sowie Michael Jung 2012 und 2016. Die aus Lingen stammende Reiterin, die seit 2017 auch Bundestrainerin der Junioren ist, hatte eine gute Ausgangsposition in der Abschlussrunde, weil der zuvor führende Brite Oliver Townend mit Ballaghmor Class einen Abwurf hatte.

Bundestrainer Hans Melzer bezeichnete die Reiterin als „cool“ und bescheinigte ihr einen „Tunnelblick“. Und mit der Stute, die mit vollem Namen Amande de B'Neville heißt, habe sie ein Pferd, „das sehr gut springt“. Melzer sagte: „Dass sie es kann, wussten wir.“ Dass sie aber schon nach dem Geländeritt vor Tokio auf Rang zwei gelegen hatte, bezeichnete auch der Coach als „schon überraschend“.

Krajewski hatte in den vergangenen Jahren einige Rückschläge zu verkraften. Doch Melzer hatte ihr immer wieder Mut zugesprochen, wie er verriet: „Das habe ich ihr auch gesagt, irgendwann kommt der Tag, da stehst du auf dem Treppchen nach dem vielen Hin und Her der letzten Jahre.“ Er lobte: „Sie hat toll daraufhin gearbeitet.“

Die Reiterin hatte einige Rückschläge zu verkraften. 2016 rutschte sie auf den letzten Drücker als Ersatzreiterin ins Rio-Team, doch die Debütantin schied nach drei Verweigerungen im Gelände mit Samourai aus – Silber für die Teamwertung erhielt sie trotzdem.

Unglücklich verlief auch die EM 2017, als bei ihrem Pferd Samourai die Substanz Firocoxib gefunden wurde, die zu therapeutischen Zwecken im Training, jedoch nicht im Wettkampf erlaubt ist. „Selbstverständlich haben weder ich noch jemand aus meinem Umfeld diese Substanz verabreicht“, hatte die Reiterin damals gesagt, die trotzdem nachträglich disqualifiziert worden war.

Ihr Pferd Chipmunk ging an Michael Jung

Schwer wog auch der Verlust von Chipmunk. Der Vertrag über das Pferd zwischen der Reiterin und Hilmer Meyer-Kulenkampff wurde nicht verlängert. Das Pferd ging dann 2019 an Jung, der es nun bei den Spielen in Tokio ritt. Da auch ihr Samourai für Tokio ausfiel, setzte Krajewski auf Amande. „Sie reitet nicht nur hervorragend, sondern kann auch als Ausbilderin an die Weltspitze führen“, lobte Peiler.

Zuvor hatte Krajewski am Montagnachmittag mit der Mannschaft eine Medaille verpasst. Im abschließenden Springen verbesserte sich das Team aber immerhin noch vom sechsten auf den vierten Platz. Eine bessere Platzierung hatten Krajewski, Sandra Auffarth aus Ganderkesee mit Viamant und Michael Jung aus Horb mit Chipmunk in der Dressur und vor allem beim Geländeritt vergeben. Jung ging dieses Mal komplett leer aus, wurde am Ende Achter. „Letztendlich bin ich natürlich enttäuscht“, gab er zu. „Aber wir haben einen deutschen Sieg. Darüber können wir glücklich sein.“