Tokio - Eduard Trippel fand sein Lächeln sofort wieder. Kurz nachdem der deutsche Judoka seinem Kontrahenten fair zur Goldmedaille gratuliert hatte, posierte der Rüsselsheimer schon wieder mit breitem Grinsen für die Kameras. Der 24-Jährige hatte Silber gewonnen – und nicht etwa den Olympiasieg verloren.

„Ich war nach dem Halbfinale schon so froh“, sagte Trippel nach seiner bärenstarken Olympia-Premiere in Tokio. Erst im Finale der Klasse bis 90 kg musste er sich dem georgischen Europameister Lascha Bekauri geschlagen geben und holte damit die erste deutsche Männermedaille im Judo seit Ole Bischof 2012 in London.

Ole Bischof gratuliert zur Silbermedaille

Der Silbermedaillengewinner von vor neun Jahren gratulierte prompt. „Er war heute absolut genial, auch wenn er am Ende durch eine kleine Unachtsamkeit verloren hat. Es war sein Tag, er hat das super gemacht. Man hat es schon vorher gesehen“, sagte Bischof.

Bereits als der Finaleinzug feststand, musste Trippel ein Tränchen verdrücken. „Ich habe meinen Vereinstrainer angerufen, er hat auch geweint am Telefon“, berichtete Trippel – und ärgerte sich auch über seinen vorzeitigen Jubel. Denn die Erleichterung über olympisches Edelmetall sei im Finale sein Verhängnis gewesen.

„Ich habe ein bisschen Spannung verloren. Nach Ole Bischof bin ich jetzt derjenige, der eine Medaille hat. Ich hätte Bekauri besiegen müssen“, sagte Trippel. „Über eine olympische Medaille kann man sich aber nicht beschweren, ich bin trotzdem froh.“

Beinahe wäre der Olympia-Tag für das nur schwer in die Gänge gekommene deutsche Judoteam noch traumhafter geworden – doch eine halbe Stunde vor Trippels Finale unterlag Giovanna Scoccimarro aus Vorsfelde im Bronzeduell der Klasse bis 70 kg knapp nach Verlängerung der Niederländerin Sanne van Dijke.

Trippels Coup mit Ansage

Dank Trippels Erfolg steht aber schon jetzt fest, dass der Budokan ein gutes Pflaster für deutsche Judoka ist. 57 Jahre vor dem Rüsselsheimer hatte schon ein Mittelgewichtler im neu errichteten Kampfsport-Tempel für eine Sensation gesorgt: 1964 holte der im März 2020 verstorbene Kölner Wolfgang Hofmann Olympia-Silber – ebenso unerwartet wie nun Trippel.

Für diesen selbst kam der Coup allerdings nicht unerwartet, sondern fast mit Ansage: „Ich will einfach meine komplette Leistung an dem Tag abrufen. Wenn ich das schaffe, dann kommt die Medaille automatisch“, hatte er vor seiner Olympia-Premiere gesagt. Klang großspurig für jemanden, der nie zuvor bei einer großen Meisterschaft auch nur das Viertelfinale erreicht hatte. Doch der Modellathlet hielt Wort.