Tokio - Die Tränen der Naomi Osaka rissen eine ganze Nation aus ihrem goldenen olympischen Tennistraum. „Vielleicht“, sagte sie leise und mit dieser seltsam ausdruckslosen Stimme, „vielleicht war doch alles ein bisschen zu viel für mich.“ Diese ganzen verdammten Erwartungen, dieser Druck, vor dem sie vor ein paar Wochen schon mal geflüchtet ist – Naomi Osaka hat dem in Tokio nicht standgehalten.

Nach einem 1:6, 4:6 gegen die Tschechin Marketa Vondrousova im Achtelfinale platzte die Blase erneut, das erhoffte und eigentlich schon so sicher geglaubte Tennisgold verwandelte sich in stumpfes Blech. Doch viel mehr als um die verlorene Medaille dürften sich Familie und Freunde im Heimatland ihrer japanischen Mutter um die psychische Gesundheit von Naomi Osaka sorgen.

Nach dem Matchball suchte sie ihr Heil erstmal wieder in der Flucht, schon nach zehn Minuten hatte sie das Ariake Coliseum verlassen. Sie komme auch nicht mehr zurück, teilte der Tennis-Weltverband ITF den wartenden Medienvertretern mit, aber dann tauchte Osaka doch wieder auf. Frisch geduscht und umgezogen versuchte die Nummer zwei der Welt, ihre Gefühle zu erklären – die sie doch so oft selbst nicht versteht.

„Ich war noch nie bei Olympia“, sagte sie zaghaft, „und ich habe gespürt, dass hier eine Menge Druck auf mir lastete.“ Mit dem sie einfach nicht umgehen kann, nicht umgehen will vielleicht auch. Die Pause nach ihrem geräuschvollen Abgang bei den French Open habe jedenfalls keine große Rolle gespielt: „Ich habe auch vorher immer mal Pausen eingelegt und trotzdem okay gespielt.“

Okay war an diesem Tag allerdings nicht viel im Spiel der Naomi Osaka, auch wenn sie selbst es eigentlich „gar nicht mal so schlecht“ fand. Ihre Einstellung, das gab sie zu, habe „nicht so richtig gestimmt“, weil sie nicht gewusst habe, „wie ich mit all den Erwartungen, natürlich auch meinen eigenen, umgehen soll. Das hat mein Tennisspiel beeinflusst.“

Auf dem Platz zeigte Osaka keinerlei Emotionen. Kein genervtes Mienenspiel bei verlorenen Punkten, kein sichtbarer Ärger bei eigenen Fehlern, keine Faust, kein Lächeln bei gelungenen Aktionen. Als Vondrousova nach nur 68 Minuten den Matchball verwandelte, legte Osaka kurz den Kopf in den Nacken, zog sich das Haarband vom Kopf und verschwand. Sie sei nach jeder Niederlage enttäuscht, sagte sie später, „aber diese hier nervt mehr als alle anderen“.

Was nun, Naomi Osaka? Was ist mit den US Open, die in wenigen Wochen im Hexenkessel New York beginnen und die Osaka schon zweimal gewonnen hat? Diese Frage beantwortete sie in Tokio nicht mehr. Als ihr am Ende dieses für sie dunklen Tages doch noch die Tränen kamen, verließ sie endgültig die Anlage. Der helle Schein des olympischen Feuers, das sie so stolz entzündet hatte, erreichte Naomi Osaka am Ende dann doch nicht.