Tokio/Berlin - Auf einmal war sie aus der Halle gelaufen. Sie ging die Schritte aufrecht, in ihrer jahrelang erlernten Turnerinnen-Haltung. Weg von ihrem Team, den Geräten, dem Magnesia-Staub. Raus aus dem Fokus der Fernsehkameras und Fotoapparate. Es waren mutige Schritte, die Simone Biles mit der weißen Schleife im Haar im Ariake Gymnastics Centre ging. In einem denkwürdigen Olympia-Mannschafts-Finale hatte sie die „Last der Welt“ abgeworfen. Am Mittwoch sagte die US-Amerikanerin dann ihr Einzel-Mehrkampf-Finale am Donnerstag ab.

Die 24-Jährige, die so perfekt wie keine andere turnen kann, hatte ihre Leichtigkeit verloren. Sie spürte das. Sie setzte ein Zeichen. Sie schützte sich selbst. Die viermalige Olympiasiegerin der Spiele in Rio de Janeiro 2016 überließ ihren drei Team-Kolleginnen Sunisa Lee, Jordan Chiles und Grace McCallum die Bühne.

Zuspruch aus dem Weißen Haus

Für ihren mutigen Schritt bekam Biles Zuspruch von allen Seiten. Denn mit der Silbermedaille um den Hals sprach die Frau, deren Turnperfektion sie zu einem Weltstar gemacht habe, offen über ihre psychischen Probleme, die Gründe ihrer Aufgabe. „Ich sage, die mentale Gesundheit steht an erster Stelle. Daher ist es manchmal in Ordnung, die großen Wettbewerbe sogar auszusitzen, um sich auf sich selbst zu konzentrieren. Es zeigt, wie stark du als Wettkämpfer und Person wirklich bist, anstatt sich einfach durchzukämpfen“, sagte Biles. Sie sprach vom „Kampf gegen Dämonen“ vor dem Wettkampf.

Wie der US-Turnverband mitteilte, sei die Entscheidung, das Einzel-Mehrkampf-Finale abzusagen, für das sich Biles trotz einiger Patzer als Beste qualifiziert hatte, nach einer medizinischen Bewertung gefallen. Der Fokus liege auf der mentalen Gesundheit. „Simone wird weiterhin täglich bewertet, um herauszufinden, ob sie in den Einzel-Finals in der kommenden Woche teilnehmen kann“, schrieb der Verband. Die Geräte-Entscheidungen finden vom 1. bis 3. August statt. „Ihr Mut zeigt einmal mehr, warum sie ein Vorbild für so viele ist“, schrieb USA Gymnastics.

In der Interviewzone zeigte Simone Biles binnen weniger Minuten die gesamte Gefühlspalette. Mal kicherte sie, mal kamen ihr Tränen. Besonders emotional wurde sie, als sie über das Gefühl sprach, nicht mehr selbst über sich und ihren Sport bestimmen zu können: „Diese Olympischen Spiele wollte ich für mich haben und ich kam hierher und dachte, dass ich es weiter für andere Leute mache. Das schmerzt mein Herz sehr. Das zu tun, was ich liebe, ist mir irgendwie genommen worden, um anderen Menschen zu gefallen.“

Für ihre Offenheit erntete die 19-malige Weltmeisterin Respekt, Anerkennung und eine Welle der Sympathie bis hin zum Weißen Haus. „Dankbarkeit und Unterstützung sind das, was Simone Biles verdient“, twitterte Sprecherin Jen Psaki am Mittwoch. Biles sei immer noch die Größte. Mark Adams, Sprecher des IOC, erklärte: „Abseits von allem anderen, haben wir Riesenrespekt vor ihr und unterstützen sie stark.“

Michael Phelps meldet sich zu Wort

Auch Sportler reagierten mit Hochachtung. Spaniens Basketball-Held Pau Gasol, der sich zur Wahl als Athletensprecher im IOC stellt, sicherte Biles seine Unterstützung zu. „Mentale Gesundheit ist ein wichtiger Bestandteil unserer Gesundheit und muss immer Priorität haben. Wir brauchen eine Sportwelt, die das emotionale und mentale Wohlbefinden in den Fokus rückt“, schrieb der ehemalige NBA-Champion auf Twitter und fügte an Biles gewandt an: „Danke, dass Du Deine Plattform genutzt hast, Du bist ein wahrer Champion!“ US-Rekordschwimmer Michael Phelps, der 2018 seinen eigenen Kampf mit Depressionen und Selbstmordgedanken nach den Sommerspielen 2012 offenbart hatte, sagte, Biles’ Kampf zu sehen, habe ihm „das Herz gebrochen“.

Schon zwischen Qualifikation und Team-Finale hatte Biles durchblicken lassen, dass sie die Erwartungen erdrücken. „Ich fühle mich wahrhaftig, als hätte ich zur Zeit die Last der Welt auf meinen Schultern. Ich weiß, ich bürste es ab und lasse es so aussehen, als würde der Druck keinen Einfluss auf mich haben, aber verdammt, manchmal ist es hart hahaha. Olympia ist kein Witz“, schrieb sie auf Instagram.