Internationale Regeln sehen vor, dass Fußballprofis nach getaner Arbeit erst mal duschen gehen sollen, bevor sie danach ihre Erlebnisse schildern dürfen. National wird da schon mal ein Nasenloch zugedrückt. Zudem kann man wenige Minuten nach einem Bundesligaspiel hier und da Schweißperlen oder auch abgegrätschte Grashalme im Gesicht zählen. Eine halbe bis ganze Duschstunde nach einer Europapokalpartie glaubt man hingegen, Moschus oder schamponiere Zitrusfrüchte zu erschnuppern.

Zuvor, wenn man also wartet und guckt und guckt und wartet, sieht man manchmal die seltsamsten Dinge. Wie diese erst frei schwebende und dann nur bedingt nach oben führende Treppe. Stairway to Decke? Und weil ja immer noch genug Zeit ist, seltsame Dinge mit seltsamen Gedanken zu verknüpfen, kann man sich zum Beispiel solche Fragen stellen: Welche architektonischen Wundertaten würden wohl noch geschehen, wenn das Olympiastadion erneut umgestaltet werden sollte? Und: Kann dieser Treppenwitz der Baugeschichte irgendeine Symbolkraft haben für das torlose Spiel zwischen Hertha BSC und Athletic Bilbao?

Eine gute Viertelstunde

Es war dann ehrlich gesagt auch besser so, dass genau in diesem Fragemoment einer wie Salomon Kalou des nur in der Europa League vorgeschriebenen Weges kam. Er kam als Gewinner der teaminternen Schnellduschmeisterschaft.

Herthas Stürmer war wie so viele Hauptdarsteller dieses Abends hingerissen von einer großen Erleichterung, nicht verloren zu haben, und hergerissen von einer mittleren Enttäuschung, nicht als Siegtorschütze nach Aloe Vera (?) zu duften. Jedenfalls sagte Kalou am Ende seiner treffenden Analyse, die um eine schlechtere erste und eine bessere zweite Halbzeit kreiste: „Wir nähern uns. Step by step.“ Schritt für Schritt. Also doch noch mal der Blick zur Treppe. Und neue Fragen: Auf welcher Leistungsstufe steht diese Mannschaft schon wieder? Und was ist diesmal ihr Limit?

Es war ja so am Donnerstag, dass Europa sich erst noch an Hertha gewöhnen musste nach knapp acht Jahren Enthaltsamkeit und diesem missglückten Playoffvorspiel in der Vorsaison. HRT war etwa das Kürzel, das jemand statt BSC ins internationale Fernsehbild gepfuscht hatte. Es war aber auch so, dass Hertha sich erst noch an Europa gewöhnen musste. Von einer „Kennenlernphase“ sprach auch Trainer Pal Dardai und befand: „War nicht gut.“ Eine gute Viertelstunde hatte sich seine Mannschaft ja schon Zeit genommen, um in diesem Gruppenspiel anzukommen.

Achtung, neue Anstoßzeit

„Uns hat der Schwung gefehlt“, sagte Marvin Plattenhardt. „Wir können uns bei Thomas bedanken, dass wir nicht in Rückstand geraten sind“, sagte Mitchell Weiser. Und Torwarttrainer Zsolt Petry lobte den gelobten Thomas Kraft: „Er war überzeugend.“ Am Sonntag um – Achtung! – halb zwei in Hoffenheim wird trotzdem wieder Rune Jarstein zwischen den Pfosten stehen. Wird Dardai zwei bis drei weitere Rotationskräfte freisetzen. Wobei Sebastian Langkamp meinte: „Am Anfang der Saison ist jeder in der Lage, drei Spiele in einer Woche zu machen. Mal schauen, wie es im November aussieht.“

Wenn sich noch einer als Teilsieger dieses Unentschiedens fühlen durfte, dann Ondrej Duda. Der Mittelfeldspieler stand gegen Bilbao erstmals (!) in der Startelf, und man müsste das nicht so geklammert ausrufen, wenn es nicht bereits seine zweite Saison in Berlin wäre. „Wenn man so lange verletzt ist“, sagte Duda, „fehlt noch das Platzgefühl und das Gefühl für den Ball. Aber mit jeder Minute, die ich spiele, kommt beides mehr zurück.“ Schrittchen für Schrittchen.

Dardai hat das genauso beobachtet, und ein bisschen beruhigte er sich damit auch selbst, als er sagte, dass Hertha diesen Duda ja nicht umsonst verpflichtet habe. Durch ihn sei das Spiel variabler. Vorher habe etwas gefehlt. Und Manager Michael Preetz sagte: „Er hat sich gut zwischen den Zeilen bewegt. Er hat gezeigt, dass er ein feiner Fußballer ist.“ Verblüffender war, dass Duda mehrmals zeigen konnte, zu welch groben Stilmitteln er fähig ist. Zu einem aus vollem Lauf eingesprungenen Tackling etwa, mit dem er seinen Gegner um Ball und Gleichgewicht brachte und gleich mal einen Konter einleite. „Alle haben gezeigt, dass der Trainer auf einen guten Kader zurückgreifen kann“, sagte Preetz. „Das ist die Erkenntnis des Tages.“

Und um zu der zu gelangen, musste er nicht so lange auf eine seltsame Treppe starren.