Berlin - Sandro Schwarz sprach viel von Ordnung, von Disziplin und Fleiß. Diese Tugenden möchte der neue Hertha-Trainer beim jüngst eher mit anderen Schlagwörtern in Verbindung gebrachten Berliner Fußball-Bundesligisten vorleben. Einmal platzte es aus Schwarz bei seiner Vorstellung als Berliner Chefcoach am Montag aber doch heraus. Bei der Frage nach dem Saisonauftakt ausgerechnet beim zuletzt übermächtigen Lokalrivalen 1. FC Union fiel er dem Fragesteller rücksichtslos ins Wort. „Geiles Spiel, geiles Spiel. Leute, geiles Spiel“, entfuhr es dem 43-Jährigen. Geschäftsführer Fredi Bobic neben ihm nahm den Gefühlsausbruch mit einem Grinsen zur Kenntnis.

Schwarz ist schon der dritte Hertha-Trainer, den Bobic in zwölf Monaten in Berlin ausgesucht hat. Nach dem Altbestand Pal Dardai, mit dem er immer über Kreuz lag und den Notlösungen Tayfun Korkut und Felix Magath besteht aber zum ersten Mal der Eindruck, dass da zwischen Coach und Geschäftsführer eine profunde persönliche Bindung besteht, die sportlich funktionieren kann. Zu Corona-Zeiten habe man sich kennengelernt, erzählte Bobic. Schnell habe er gemerkt, dass „man ähnlich tickt, auch bei anderen Themen“, fügte er an und meinte wohl andere Themen als Fußball.

Ein Trainer-Paradies kann Bobic Schwarz sicher nicht versprechen. „Eine schwere Aufgabe“ warte auf den neuen Coach. Das dürfe man nicht vergessen, und eine Mahnung an die kritische Berliner Öffentlichkeit schob Bobic noch hinterher. Wenn es mit dem versprochenen Offensivfußball nicht gleich im August klappe, dürfe bitte schön niemand meckern. „Das ist ein Prozess, den man angeht. Wenn man ihn nicht angeht, wird man ihn nicht bewältigen“, sagte Bobic.

Für Schwarz begann der Prozess am Samstag mit der Ankunft in Berlin. „Freundlicherweise“ habe man ihn „am Flughafen abgeholt“. Zuvor war der neue Trainer schon einmal in der Hauptstadt eingeschwebt, um einen Personalie zu klären. Das Ergebnis: Kevin-Prince Boateng wird seine Karriere bei Hertha BSC fortsetzen. „Es sind gefühlt nur ein paar Kleinigkeiten im Vertrag. Es sollte in den nächsten Tagen Vollzug sein“, sagte Bobic.

„Wir haben offen und klar gesprochen. Es gibt von beiden Seiten eine gute Basis, um weiterzuarbeiten“, sagte Schwarz. Wie er konkret mit Boateng angesichts dessen offener Fitnessfragen plane, sagte Schwarz nicht. Aber er weiß sicher genau, welche Hausmacht der „einzige Führungsspieler“, wie ihn Vorgänger Felix Magath bezeichnet hatte, in Herthas Personalsammelsurium besitzt.

Der Kader wird noch mächtig neu sortiert werden. Keine leichte Situation für einen Trainer, wie Bobic gestand. Dabei muss vor allem er als Kaderplaner in einem heißen Transfersommer ran. Schwarz wählte zu dem Thema Bobic-Worte: „Es wird ein Prozess“. Insgesamt müsse die Hertha im Transferfenster bis zum 1. September wieder „mehr einnehmen als ausgeben“, sagte der Geschäftsführer. Diverse Leihspieler wie die Stürmer Krzysztof Piatek und Dodi Lukebakio gelten als Verkaufsoptionen, um Geld für Einkäufe zu generieren.

Eduard Löwen war beim Auftakt am Montag nicht anwesend, da er in Verhandlungen mit einem anderen Verein sei. Santiago Ascacibar wird am Samstag in Berlin erwartet, kann die Hertha aber bei einem entsprechenden Angebot auch verlassen. Auf der Torhüter-Position plane man nach der Ausleihe von Alexander Schwolow an Schalke 04 mit dessen Ersatzmann Oliver Christensen als Nummer eins, sagte Bobic.