Beim DFB-Bundestag 2019: Präsident Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius.
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Frankfurt am MainDer Verweis auf recht lange Arbeitstage in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat bei Fritz Keller und Friedrich Curtius nicht gefehlt, als Präsident und Generalsekretär kürzlich Einblicke in den Krisenalltag gewährten. „Minimum zwölf Stunden“, teilte Curtius mit, kämen schnell zusammen, was vor den historischen Ausmaßen nicht verwundert, mit dem das Corona-Virus auch den größten Einzelsportverband der Welt infiziert hat. Am Montag findet nun von 13 Uhr an der erste Außerordentliche Bundestag statt, bei dem 262 Delegierte erstmals in digitaler Form ihr Stimmrecht ausüben. 

Es geht neben Haftungsbeschränkungen für die Entscheidungsträger vor allem um Beschlussfassungen für die DFB-Spielklassen. Die Paragrafen hatten eine Pandemie nicht vorgesehen, die von Mecklenburg-Vorpommern bis Bayern den Spielbetrieb unterbricht. Zum Spaltpilz für die Vertreter aus Regional- und Landesverbänden wird dabei die Saisonfortsetzung der Dritten Liga.

Während die Frauen-Bundesliga bis auf den Sonderfall des Tabellenletzten FF USV Jena weitgehend klaglos am 29. Mai weiterspielen will, stellt sich die höchste Männer-Spielklasse unter DFB-Obhut bei der Saisonfortsetzung am 30. Mai teilweise quer. Ob zu Pfingsten hier wirklich der Ball rollt, erscheint angesichts der Verweigerungshaltung und Klageandrohung einzelner Klubs wie dem 1. FC Magdeburg zweifelhaft.

Die Landesverbände Sachsen und Sachsen-Anhalt wollen beim Bundestag einen Saisonabbruch ohne Absteiger erwirken. Der saarländische Verband will eine zweigleisige Dritte Liga mit einer Nord- und einer Süd-Staffel, die jeweils 18 Vereine umfassen. Beide Anträge dürften keine Mehrheit finden, aber die Kampfabstimmungen kommen zur Unzeit.

Viele vermissen Führungsstärke vor allem bei der Person Keller. Der Verbandspräsident hat teils eigenartige Prioritäten gesetzt. Dem DFB wird gar panikartiges Krisenmanagement vorgeworfen, weil erst kürzlich beschlossen wurde, die Drittliga-Saison in einem engen Zeitfenster bis zum 4. Juli durchzupeitschen. Nun steht der Antrag zur Abstimmung, dass der DFB-Vorstand bei einem späteren Saisonabbruch mit den Fragen zur Auf- und Abstiegsregelung betraut werden sollte. Einer Aufstockung auf 24 oder 25 Mannschaften wird eine klare Absage erteilt. Dann müsste die Saison 2020/21 fast ununterbrochen in Englischen Wochen gespielt werden – und ein Großteil ja wohl mit Geisterspielen ohne Zuschauereinnahmen.

Eigentlich ist die Liga mit ihren vielen Traditionsvereinen spannend und attraktiv, was 8 674 Zuschauer im Durchschnitt belegen. Aber 25 Millionen Euro generierte Einnahmen aus der Vermarktung von DFB-Seite reicht vielen Klubs nicht, die auf Gedeih und Verderb an die von der Deutschen Fußball-Liga verwalteten Fleischtöpfe der Lizenzligen gelangen wollen. „Das heterogene Erscheinungsbild der Dritten Liga belastet uns alle“, klagt Curtius, der die Gemengelage „als Ausfluss jener Pluralität“ in den Bundesländern ansieht, die sich auch der DFB einst sehr bewusst gegeben hat. Selten war in jüngerer Vergangenheit eine Thematik so brisant und das Streitpotenzial so immens wie die Zukunftsfrage der Dritten Liga, für deren strukturelle Problematik die Corona-Krise „wie ein Brandbeschleuniger“ (Curtius) gewirkt hat.

Speziell im Osten sind die Probleme vielschichtig

Die DFB-Spitze hat nicht verhindern können, dass sich der lange schwelende Streit zu einem Flächenbrand ausgeweitet hat. Streitlustige Klubvertreter wie Manager Markus Kompp vom Tabellenzweiten Waldhof Mannheim – der Aufsteiger hat eine Rechnung im fünfstelligen Bereich für Desinfektionsmaterial, Masken und Arbeitszeit demonstrativ an den DFB geschickt – gießen weiter Öl ins Feuer. Weitere Mitstreiter sind ebenfalls nicht gewillt, das für die DFB-Spielklassen mit konzipierte Hygiene- und Sicherheitskonzept umzusetzen.  

Speziell im Osten sind die Probleme vielschichtig: Die einen können aufgrund der behördlichen Verfügungslagen derzeit nicht mal trainieren, die anderen dürfen kein Stadion nutzen. Beispiel Jena: Sowohl der Drittligist Carl Zeiss Jena als auch der Frauen-Bundesliga FF USV Jena bekommen keine Ausnahmegenehmigung zur Wiederaufnahme des Trainings- und Spielbetriebs vor dem 5. Juni. Ansage aus dem Krisenstab der Stadt: „Die Regeln während einer Pandemie stellen Regierungen und Gesundheitsbehörden auf, nicht der DFB.“ Und so sind aus doppeltem Grund die Zeiten vorbei, dass bei einem Bundestag im großen Kongresssaal auf dem Frankfurter Messegelände lauter grüne Stimmkärtchen in die Höhe gehen.