Es waren sehr aufregende Zeiten im Sommer 1963 in Berlin. Die Mauer stand schon seit zwei Jahren. US-Präsident John F. Kennedy hatte Ende Juni Westberlin einen Besuch abgestattet und den legendären Satz „Ich bin ein Berliner“ vor dem Rathaus Schöneberg ins Mikrofon gerufen. Die isolierte Stadt pulsierte trotz der vielen Probleme. „Ich war 25 Jahre alt, und für mich war Berlin in jenen Tagen der Nabel der Welt“, erzählte Otto Rehhagel, bis dato Verteidiger bei Rot-Weiß Essen, in der Biografie „Rehhagel“ von Norbert Kuntze. Für den jungen Mann, geboren in Essen und gelernter Anstreicher, öffnete sich mit seiner Verpflichtung durch Hertha BSC plötzlich die große, weite Fußballwelt.

Es sollten bewegte und ereignisreiche Jahre werden. An diesem Donnerstag wird Otto Rehhagel wieder darauf zurückblicken. Dann feiert er seinen 80. Geburtstag.

Im VW am Theodor-Heuss-Platz

Sprach man mit Rehhagel – als Redakteur der Berliner Zeitung hatte ich einige Begegnungen mit ihm – erinnerte er sich immer gern an eine Szene, bevor er bei Hertha sein erstes Bundesligaspiel bestritt: „Ich sehe mich noch heute mit meinem VW am Theodor-Heuss-Platz stehen und die Straße hinunter zur Siegessäule schauen, und ich höre mich selbst zu mir sagen: Otto, jetzt geht’s los!“

Und wie! Am 24. August 1963, dem ersten Spieltag der neuen Bundesliga, stand Rehhagel felsenfest in der Abwehr von Hertha BSC beim ersten Duell im Olympiastadion gegen den 1. FC Nürnberg. Das Spiel endete 1:1 und der harte Verteidiger gehörte zu den Besten auf dem Platz.

Wie war denn dieser junge Rehhagel als Spieler? Und wie später als Trainer?

Ein Anruf bei Carl-Heinz Rühl in Köln. Der heute 78-Jährige stand 1963 gegen Nürnberg mit Rehhagel in der Berliner Startelf und agierte als Rechtsaußen. Rühl sagt: „Ich habe mir damals bei Hertha auf Auswärtsreisen immer ein Zimmer mit Otto geteilt. Wir harmonierten auf dem Platz sehr gut miteinander. Der war ein robuster Kerl, kannte selbst im Training kein Pardon und keine Freunde. Später wurde Otto der erfolgreichste Trainer von uns allen aus der alten Spielergarde in den Gründerjahren der Bundesliga.“

Nach drei Jahren in Berlin wechselte Rehhagel zum 1. FC Kaiserslautern. Bis 1971 kam er auf insgesamt 201 Bundesligaspiele. Danach begann die lange Trainer-Laufbahn. Es gab Rückschläge. 1978 erlebte Rehhagel mit Borussia Dortmund das legendäre 0:12 in Mönchengladbach. Einen Tag später wurde er entlassen.

Eine Ära bei Werder Bremen

Im April 1981 begann die Ära des Otto Rehhagel bei Werder Bremen. 14 Jahre blieb er dort. Aus Rehhagel war längst König Otto geworden – ein Kulttrainer. Zwei deutsche Meisterschaften (1988 und 1993), zwei DFB-Pokalsiege (1991 und 1994) und der Gewinn des Europacups der Pokalsieger (1992) fallen in diese Zeit.

Ich plauderte mit Mirko Votava, der in Bremen lebt. Er arbeitet als Assistenztrainer und Scout bei der U23 von Werder. Der einst aggressiv spielende Mittelfeldmann war lange Zeit auch Rehhagels Kapitän. Er sagt: „Meine Spielweise war nicht schön, aber effektiv. Ich musste mich bei Otto erst hintenanstellen und ihn überzeugen. Das gelang aber schnell. Er kam als Trainer über die menschliche Schiene, wusste genau, wann er uns an der kurzen oder langen Leine halten musste. Und er hatte immer neue Ideen im Training. Langweilig wurde es nie.“

Das bestätigt auch Werders langjähriger Torhüter Oliver Reck. Der heute 52-Jährige berichtet: „Otto hatte die große Gabe, eine Mannschaft perfekt aufzubauen. Er bestimmte die Einkaufspolitik und holte immer starke, passende Leute. Wenn ich als Keeper mal ein Tief erlebte, hat er mir aus dem Tal herausgeholfen.“

Und noch ein Protagonist des SV Werder stimmt auf Nachfrage ein Loblied auf Rehhagel an: Mittelstürmer Karl-Heinz Riedle, heute 52: „Er war der entscheidende Trainer in meiner Karriere. Ich habe ihm fast alles zu verdanken. Er holte mich vom Absteiger Blau-Weiß 90 Berlin nach Bremen – für Rudi Völler, der nach Rom ging. Er formte mich zu dem Spieler, der ich später war.“ 1990 wurde Riedle mit Deutschland Fußball-Weltmeister.

In die große Zeit der Bremer fiel auch meine erste Begegnung als Sportredakteur mit Rehhagel. 1988 kam es im Europacup der Landesmeister zum Duell zwischen dem BFC Dynamo und Werder. Ein Politikum. Rehhagel, den ich bis dahin nur aus dem Westfernsehen kannte, beobachtete vor dem Hinspiel in Berlin den BFC in einem Oberligaspiel gegen den 1. FC Union.

Über Manager Willi Lemke hatten ein Kollege und ich in Erfahrung gebracht, dass Rehhagel im Grandhotel Unter den Linden absteigen würde. Nach stundenlangem Warten tauchte er auf, und wir trugen unsere Bitte nach einem Interview vor. Als Freund der Journalisten galt Rehhagel nicht. Doch er stimmte sofort zu und wir sprachen lange im Café Bauer des Hotels miteinander. Zum Schluss gab uns der Trainer generös zwei Runden Cognac aus!

Wunder von der Weser

Nach einem überraschenden 0:3 der Bremer in Berlin gewannen sie das Rückspiel sensationell 5:0, was bis heute in Bremen als „Wunder von der Weser“ gefeiert wird.

Es dauerte einige Jahre, bis ich wieder auf Rehhagel traf. Er hatte Bremen im Juli 1995 beim FC Bayern angeheuert. Doch Rehhagel hatte es schwer in der neuen Umgebung. Im Januar 1996 kam er mit dem FC Bayern zum Hallenturnier in die Berliner Deutschlandhalle. Über die Ufa, die bei Hertha BSC als Vermarkter eingestiegen war, bekam ich ein Exklusivinterview mit Rehhagel. Er gab sich weltmännisch, sagte: „Zu den Bayern zu gehören, ist schon etwas Großes.“ Und: „Wer bei diesem Klub unterschreibt, muss wissen, auf was er sich einlässt.“ Er war sich sicher, die vielen Stars in den Griff zu bekommen. Doch im April wurde er von seinen Aufgaben entbunden.

Was folgte, ähnelte einem Fußballmärchen. Rehhagel ging drei Monate nach seinem Aus in München zum Absteiger 1. FC Kaiserslautern und führte die Pfälzer sofort zurück in die Erste Liga, übernahm am vierten Spieltag 1997/98 die Tabellenspitze und gab sie nicht mehr ab. Lautern schlug zweimal die Bayern.

Vom Betzenberg ging es für Rehhagel 2001 nach Griechenland, wo er die Nationalmannschaft übernahm und 2004 in Portugal zum EM-Titel führte. Damals habe ich den Trainer im Stadion von Faro an der Algarve getroffen. Im letzten Vorrundenspiel unterlagen die Griechen Russland 1:2, zogen aber ins Viertelfinale ein. In der Mixed-Zone drängten sich die Journalisten um Rehhagel. Der gab sich gelassen, meinte, dass Griechenland weit komme: „Ihr deutschen Journalisten habt stets gesagt, der Rehhagel kann nur in Bremen arbeiten. Ich kann aber überall arbeiten. Das habe ich gezeigt. Und in Griechenland habe ich die demokratische Diktatur eingeführt.“

Aus Rehhagel wurde Rehakles, der Held der Griechen. Im Finale besiegten die Außenseiter mit „kontrollierter Offensive“ – auch eine Rehhagel-Erfindung – Portugal 1:0 durch einen Kopfball-Treffer von Angelos Charisteas. Der Mittelstürmer erzählte mir einmal: „Otto Rehhagel hat uns vor dem Finale in der Kabine beruhigt. Er sagte, er kenne jede Situation im Fußball und könne immer reagieren.“ Charisteas schwärmte: „Rehhagel war der beste Trainer meiner Karriere! Er gab uns Freiheiten und Vertrauen. Jeder bekam das Gefühl, wichtig zu sein.“

Noch einmal hatte ich mit Rehhagel zu tun. Im Februar 2012 lotste Hertha BSC – stark abstiegsbedroht – den 73-Jährigen als Helfer in der Not nach Berlin. Sein letztes Spiel als Trainer in der Bundesliga lag da zwölf Jahre zurück. Ein Dutzend Spiele hatte er Zeit. Auf seiner ersten Pressekonferenz fragte ich, warum er sich das „Unterfangen Hertha“ antue. Rehhagel antwortete bissig, das sei kein Unterfangen, sondern eine Herausforderung. Später erkundigte er sich beim Pressechef, wer diese unsinnige Frage gestellt habe.

Dramatischer Abschied

Die Pressekonferenzen mit Rehhagel wurden zur Ein-Mann-Show. Mal antwortete er altersmilde, mal spöttisch, mal kämpferisch. Dann stand er abrupt auf und sagte: „Danke, das war’s, meine Herren!“

Beim Training wurde er von den ehemaligen Hertha-Profis René Tretschok und Ante Covic als Assistenten unterstützt. Rehhagel schaffte es, Hertha vor dem direkten Abstieg zu retten, scheiterte aber in der Relegation an Fortuna Düsseldorf.  Rehhagel ging nach unglaublichen 832 Bundesligaspielen als Trainer endgültig in den Ruhestand.

Solch einen dramatischen Abschied hatte er nicht verdient. Covic, heute Herthas Coach der U23, schwärmt über vier gemeinsame Monate: „Otto Rehhagel ist eine brutal starke Persönlichkeit. Sehr klug, sehr weise. Er hat eine unglaubliche Erfahrung. Ich habe nur positive Erinnerungen an ihn. Ich bin froh, dass ich mit ihm arbeiten konnte.“ Mit der Meinung steht Covic nicht allein.