Paderborn - In schwarzen Shorts, rotem Paderborn-Pulli mit der Nummer 72 (sein Geburtsjahr) und schwarzem Käppi erscheint Steffen Baumgart vor unserem Wohnmobil. „Moin Männer!“ Fester Händedruck, ein zunächst abwartendes Lächeln macht sich im Zehn-Tage-Bart breit. Ganz so genau weiß der 47 Jahre alte Fußballlehrer nämlich nicht, was ihn hier erwartet.

Für unsere Serie "Abenteuer Bundesliga - eine Rundreise im Wohnmobil durch Unions neue Fußballwelt" fahren wir in acht Tagen alle 18 Bundesligavereine ab, legen mehr als 3000 Kilometer zurück und durchqueren zwölf Bundesländer.

Halt in Nordrhein-Westfalen. Paderborn. Die idyllische und beschauliche 150.000-Einwohner-Stadt im Ostwestfälischen. Manch ein Paderborner soll ja in der Vergangenheit ganz gerne mal den Besuch des Schützenfests dem eines Bundesliga-Heimspiels des SC Paderborn vorgezogen haben. Direkt neben dem offiziellen Ortsschild wird eifrig für das diesjährige Schützenfest, das zwischen dem 12. und 15. Juli stattfand, geworben. Das Plakat könnte das Provinzielle der kleinen Universitätsstadt besser kaum wiederspiegeln. 

Dass hier nach 2014 zum zweiten Mal Erstligafußball gespielt wird, ist umso erstaunlicher. Große Klubs wie der FC Bayern oder Borussia Dortmund geben sich in der Benteler-Arena ab August ein Stelldichein. Großen Anteil am zweiten Paderborner Märchen hat eben jener Steffen Baumgart, ein ehemaliger Unioner. 

„Cooles Teil“, sagt er und schaut interessiert in das Wohnmobil. „Baume“ hat mal mit seiner Frau Katja einen Kurzurlaub „in so einem Ding“ gemacht. Ist aber irgendwie nicht so seins. „Gar nicht mal wegen des fehlenden Luxus“, sagt Baumgart. „Das Auto ist mir einfach viel zu langsam, zu behäbig.“ Baumgart, ein gelernter Kfz-Mechaniker, mag es eben schnell.

Rasant ging es in den vergangenen 22 Monaten auch für ihn und den SC Paderborn zu. Der gebürtige Rostocker hat den taumelnden Klub im Frühjahr 2017 übernommen und in Windeseile auf Vordermann gebracht. Sechs verrückte Turbo-Jahre mit drei Ab- und zwei Aufstiegen haben sie in Paderborn erlebt, wobei der Abstieg 2017 in die vierte Liga dank des Lizenzentzugs von 1860 München erspart blieb.

„Hier kannst du in Ruhe arbeiten“, sagt der ehemalige Stürmer (224 Erstligaspiele und 29 Tore für Rostock, Wolfsburg und Cottbus), atmet tief durch und lässt seine wuchtigen 1,78 Meter in einen der beiden Campingstühle fallen. Als wäre die ostwestfälische Idylle die einzige plausible Erklärung für den sportlichen Erfolg. Ganz so leicht ist es dann natürlich nicht. Wie aber hat Baumgart, der 2015 noch in den Niederungen des Berliner Amateurfußballs den SSV Köpenick-Oberspree trainierte und im gleichen Jahr zusammen mit Marco Rose (Gladbach) und Florian Kohfeldt (Bremen) den Fußballlehrerschein erwarb, den Erfolg zurück nach Paderborn gebracht?

Ein Gespräch über ...

... die Bedingungen beim SC Paderborn: „Zunächst muss man sagen, dass die Infrastruktur schon vor meinem Antritt super war, weil der Klub nach dem ersten Aufstieg 2014 auch in Steine statt nur in Beine investiert hat. Als ich 2017 kam, hatten wir also mit die besten Bedingungen aller Drittliga-Vereine. Damit konnten wir den einen oder anderen Spieler locken. Dass wir in diesem Jahr tatsächlich aufgestiegen sind, ist schon irgendwie verrückt. Uns hatte doch wirklich niemand auf der Rechnung. Wir haben damals mit Markus Krösche (jetzt Sportdirektor in Leipzig; Anm. d. Red.) eine klare Idee ausgearbeitet: hungrige Spieler holen, die sich bei uns noch entwickeln möchten und die zu unserem offensiv ausgerichtetem Fußball passen. Dieser Philosophie werden wir jetzt auch in der Bundesliga treu bleiben.“

... den Fußball in Paderborn: „Nach Paderborn kommt sicher niemand nur wegen der Finanzen. Hier verdienst du eben nicht so viel Geld wie vielleicht woanders. Die Spieler wissen aber, dass sie bei uns den nächsten Entwicklungsschritt gehen können. Wenn sie uns dann wieder verlassen, ist es zwar schade, stellt für uns aber kein Problem dar. Wir sehen das als Gewinn für beide Seiten. Potenzielle Neuzugänge müssen vor allem heiß auf unseren Fußball sein. Ein Beispiel dafür ist Kai Pröger, der damals beim BFC Dynamo gekickt hat. Den haben wir aus der Regionalliga von Rot-Weiß Essen geholt und der hat eine überragende Rückserie in der 2. Liga gespielt. Wir suchen Spieler, die eben nicht jeder sofort auf dem Radar hat.“

... die Ambitionen für die Saison 2019/2020: „Wir wollen immer den größtmöglichen Erfolg. Das wäre in diesem Fall natürlich der Klassenerhalt. Den wollen wir mit unserer eigenen Art und Weise erreichen.“

... seine Art als Trainer: „Schon zu meiner Zeit beim Berliner AK wollte ich, dass die Null steht. Die Arbeit gegen den Ball ist wichtig. Da ich selbst lange genug Stürmer war, lasse ich meine Teams gerne offensiv spielen. Das ist meins, das mag ich. Die Leidenschaft hat meinen Fußball früher ausgemacht. Ich war immer mit 100 Prozent bei der Sache. Ich fordere von den Jungs, dass sie ihren Job lieben. Fußball ist nämlich die geilste Sportart der Welt.“

„Laptoptrainer? Was ist das für ein Begriff?“

... den Begriff Laptoptrainer: „Was ist das für ein Begriff? Den nutzen doch meist nur die Trainer abfällig, die mittlerweile raus sind aus dem Geschäft. Wenn ihr es so wollt, bin auch ich ein Laptoptrainer. Auch wir haben auf der Bank mittlerweile ein iPad dabei, über das Daten erfasst werden. Klar ist für mich aber auch, dass der Trainerjob keine Doktorarbeit ist. Mit Leidenschaft, Mentalität und einem klaren Plan kannst du viel erreichen.“

... den Aufstieg von Union Berlin: „Union hat, wie auch Paderborn, eine wilde Achterbahnfahrt hinter sich. Ich erinnere mich noch an Gespräche zu Oberliga-Zeiten, in denen Dirk Zingler meinte, dass er in absehbarer Zeit in die Bundesliga will. Die Leute haben darüber nur gelacht. Jetzt hat er es geschafft. Das freut mich vor allem auch für ihn.“

„Die Leute haben darüber doch nur gelacht“

... seinen Ruf als Publikumsliebling: „Wenn Leute Fotos von mir machen wollen oder mich etwas zum letzten Spiel fragen wollen, dann sag ich natürlich nicht nein. Sonst hätte ich meinen Job verfehlt. Der direkte Austausch mit den Leuten ist doch wunderbar. Ich glaube, mein Vorteil war immer die Offenheit gegenüber den Menschen und die Leidenschaft, die ich auch auf dem Platz verkörpert habe. Ich habe mich nie verstellt. So bin ich einfach. Fußball ist für mich, nach meiner Familie natürlich, das Wichtigste.“

... seine Liebe zu Union Berlin: „Union ist ein ganz besonderer Verein für mich. Ich bin Mitglied, mit der Nummer 72 übrigens, meine Frau arbeitet nach wie vor dort im Fanshop. Ich war bei vielen tollen Vereinen, habe in Rostock in der Heimat gespielt, war bei Energie Cottbus und bin jetzt in Paderborn. Aber Union hat für mich einfach den größten Stellenwert. Der Verein wird immer etwas Besonderes für mich sein. Unser Familienwohnsitz ist nach wie vor in Köpenick, da meine Frau ja auch dort arbeitet. Ich bin jede Woche mindestens einmal da, sofern es die Zeit zulässt.“

... das Ost-West-Denken: „Die Einheit gibt es leider noch nicht. Es gibt einfach zu viele Unterschiede, auch in der Gedankenwelt. Das wird sich wohl noch eine Weile hinziehen. Mir persönlich hat das geeinte Deutschland allerdings sehr viel gegeben, viele Möglichkeiten gebracht. Ich bin froh, dass wir das haben. Ich hoffe, dass das Ost-West-Gerede irgendwann weniger wird. Ganz verschwinden wird es aber wohl nicht. Ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem wir alle viel erreicht haben. Deutschland ist wirtschaftlich total stabil. Wir sollten vielmehr das Positive hervorheben, anstatt immer nur zu meckern.“

Nach 40 Minuten ist unser Gespräch mit Steffen Baumgart beendet. Der Trainer verschwindet in die Kabine, um die Nachmittagseinheit vorzubereiten. Wir bauen unsere Zelte ab und fahren nach Paderborn rein. In einem Restaurant auf dem Marktplatz im Schatten des Doms nehmen wir noch eine Kleinigkeit zu uns. Nach einem Tankstopp geht es anschließend weiter nach Dortmund. 103 Kilometer zeigt das Navi an.