Der Mann, der am 05. Februar 2015 als Profitrainer von Hertha BSC vorgestellt wurde, war etwas schlanker, sein Haar wirkte dunkler, etwas verlegen saß er damals auf dem Podium. Nach vier erfolgreichen Jahren hat Pal Dardai sämtliche Zurückhaltung abgelegt. Er scheint genau zu wissen, was er kann, was er will, was er wert ist für seinen Verein. Aber lesen Sie doch selbst.

Herr Dardai, sind Sie glücklich?

Ich war schon vorher ein glücklicher Mann. Ich war ein anerkannter Nachwuchstrainer und hatte großen Erfolg mit der ungarischen Nationalmannschaft, die sich für die EM 2016 qualifizieren konnte – das hat vor mir dreißig Jahre lang keiner geschafft.

Wie haben Sie Ihren Amtsantritt in Erinnerung behalten?

Es war ein bisschen schwierig, weil ich meine Trainerausbildung noch nicht abgeschlossen hatte. Und dann, in der Halbzeit des Heimspiels gegen Leverkusen, bekomme ich die Nachricht vom Manager, dass ich mein Handy anlassen soll, es kann sein, dass ich nach dem Spiel im Stadion bleiben muss, es war ein Mittwochabend. Das geht nicht, habe ich gesagt, weil ich vor dem Abpfiff nach Hause gehen muss, die Kinder müssen schlafen, morgen ist Schule. Okay, aber du musst erreichbar sein, war die Antwort. Gut, dann bin ich nach Hause, bin fast eingeschlafen, und dann klingelt ganz spät das Telefon, ich soll ins Büro kommen. Dann habe ich mich angezogen, bin hingefahren, und dann hieß es: Morgen musst du das machen.

Haben Sie sofort zugesagt?

Nein, ich habe gesagt, es ist nicht nötig, die Mannschaft hat zwar verloren, aber sie hat gekämpft, Jos Luhukay ist ein guter Trainer. Ich habe einen guten Job im Nachwuchs, es ist alles schön. Wenn ich meine Profilizenz habe und eine ganze Vorbereitung im Sommer machen kann, dann übernehme ich gerne. An dem Abend sind wir so verblieben, dass ich das erst mal nicht mache. Die ganze Situation war für mich sehr unangenehm, weil ich ein paar Tage vorher mit Luhukay eine Art Interview geführt habe, das war Teil der Ausbildung. Wir haben über eine Stunde geredet, das habe ich für mein Trainerdiplom aufgeschrieben.

Wie kam es zum Sinneswandel?

Am nächsten Morgen habe ich die Kinder in die Schule gebracht, und dann komme ich nach Hause und der Manager saß schon da. Es gab Kaffee mit Monika, und dann hat er gesagt, du machst das jetzt, Schluss, basta. Also habe ich es doch gemacht. Seitdem funktionieren viele Dinge sehr gut bei Hertha BSC.

Welche Dinge?

Wir haben uns stabilisiert, die Spieler haben eine andere Mentalität, sie können besser mit Stress umgehen. Wir haben als Klub eine Philosophie, und die treuen Fans sind zufrieden. Ich weiß, es gibt Träumer oder Schön-Wetter-Fans, aber die meisten wissen, wie Hertha immer gewackelt hat in den letzten Jahren.

Haben auch Sie gelernt, mit Stress umzugehen?

Stress spüre ich nicht. Bei mir ist das anders. Ich bin eher jeden Abend mental ausgepowert. Mich kann man vielleicht damit stressen, wenn einer erzählt, dass Hertha Meister werden soll. Das ist so weit weg von der Realität. Aber ob ihr jetzt was Schlechtes schreibt über mich oder die Mannschaft schlecht spielt, ich bleibe immer ruhig. Ich kenne das alles: gewinnen, verlieren, einer schimpft, einer lacht. Das ist für mich normal.

Was ist mit Druck?

Wenn wir verlieren, gehe ich genauso in die Kabine, wie wenn wir gewinnen. Natürlich gibt es Momente wie damals, als Änis Ben-Hatira …

… der ein paar Wochen nach Ihrer Beförderung ein Tor gegen Schalke als Spiderman feierte …

… Gelb bekommt wegen dieser Maske und ständig ausrutscht, weil er die falschen Schuhe angezogen hat und deswegen fast vom Platz gestellt wird. Dann habe ich in der Pause die Tafel kaputtgetreten und den Stollenkoffer in die Ecke geschmissen. Wir waren im Abstiegskampf! Das war eine pädagogische Maßnahme, aber das kannst du nicht immer machen. Dass ich nach dem Spiel geschimpft habe in der Kabine, das gab es noch nie und das wird es auch nicht geben. Das ist unnötig – was kannst du da noch ändern? Ich bin normal und vernünftig. Ich habe genug Trainer gehabt, die nach Niederlagen drei, vier Tage nicht mit uns geredet haben. Ich weiß nicht, was das soll. So verliert der Trainer sein Gesicht. Wenn einer nicht richtig mitmacht, dann spielt er nicht mehr. Das ist Strafe genug. So einfach ist das.

Ist Hertha nach vier Jahren eine Pal-Dardai-Mannschaft?

In zwei Jahren kann man das vielleicht sagen, wenn ich dann noch da bin. Wenn Palko Dardai ein paar Kilo drauflegt, Dilrosun mehr Spielrhythmus oder Jastrzebski mehr Erfahrung bekommen, wird es spannend. Das sind drei sehr schnelle Spieler, von der Topgeschwindigkeit wie Spieler von Bayern. Wir haben eine ordentliche Mannschaft, aber sie ist noch jung. Wenn sie so zusammenbleibt, kann sie eine sehr gute werden.

Kann es reichen, um am Mittwoch im Pokal gegen die Bayern zu gewinnen?

Als wir die Bayern in der Hinrunde geschlagen haben, waren sie noch nicht so fit, jetzt sind sie besser. Aber seit ich hier bin, haben wir zu Hause immer ein gutes Spiel gegen sie gemacht, auch auswärts war es immer knapp. Wenn du rein nach der Statistik gehst, dann gibt es Verlängerung und Elfmeterschießen. Aber vor einem Spiel gegen die Bayern große Töne zu spucken oder die Nase hoch zu tragen, das wäre großer Quatsch.

Was hat Bayern, was Hertha nicht hat?

Spieler wie Serge Gnabry, der drei oder vier Gegner ausdribbelt und dann Tore schießt, der nicht nachdenkt, was er machen soll, der vorher schon weiß, was er will. Wie viele Tore hat Duda geschossen?

Neun.

Und wie viele Tore hat er geschossen, nachdem er zwei Spieler ausgedribbelt hat?

Ähm, Moment …

Keins. Alle waren herausgespielt, gute Spielzüge. Er hat getroffen, weil er einen guten Schuss hat und eine Ruhe vor dem Tor. Wir haben andere Spielertypen als die Bayern, das müssen wir akzeptieren. Deswegen müssen wir noch mehr arbeiten, auch sportwissenschaftlich und im mentalen Bereich. Und wenn meine Spieler einen guten Tag haben, dann können wir jeden Gegner schlagen. Wenn zwei oder drei einen schlechten Tag erwischen, dann können Düsseldorf oder Stuttgart gegen uns gewinnen.

Würden Sie auch gerne mal ein Starensemble trainieren?

Ich habe schon oft gesagt, ihr Journalisten, ihr kennt doch auch viele Leute, holt mal bitte jemanden, der 120 Millionen gibt, mehr brauche ich nicht. Dann macht mir Druck, dass ich in zwei Jahren die Champions League erreichen soll. Ein richtig guter Spieler, der dir garantiert, was du dir von ihm versprichst, der fängt bei 30 Millionen an. Was war unser teuerster Transfer bislang? Ich glaube, acht Millionen. Aber bitte nicht falsch verstehen: Ich bin trotzdem sehr zufrieden mit meiner Mannschaft, ich komme jeden Tag sehr gerne zur Arbeit und ich schätze das alles.

Würden Sie also …

.. oder holt mal einen Sponsor und einen Trainerstab wie bei Paris St. Germain nach Berlin, dazu die ganzen Stars, dann hast du das Olympiastadion immer voll. Ich trete dann gerne zurück, werde wieder in den Nachwuchs gehen. Dann bekomme ich als Rekordspieler bestimmt einen schönen Platz auf der Tribüne, gucke zu und drücke Hertha BSC die Daumen. Und wenn die Spieler ein paar Pokale gewinnen, kannst du in ein paar Jahren ein Museum eröffnen.

Kann Hertha auch ohne Großsponsor einen Titel gewinnen?

Im Pokal darfst du träumen. Mit einem Titel kannst du sagen: Wir sind Gewinnertypen. Jetzt fragt man uns: Du bist Herthaner, aber was hast du eigentlich gewonnen? Du brauchst dieses Gefühl. Warum haben die Bayern so viele Fans? Weil sie immer wieder gewinnen. Wenn wir mal den Pokal gewinnen, glaubt mir, dann wird der Klub interessanter, dann kommen sofort ein paar Tausend Leute mehr ins Stadion.

Ihr Vertrag wurde vor Weihnachten um ein weiteres Jahr verlängert. Wie lange haben Sie mit dem Manager Michael Preetz verhandelt?

So wie jedes Jahr, etwa eine Minute. Unterschrift, Handschlag. Länger dauert ein solches Gespräch nicht. Wir haben uns nicht geküsst, haben wir früher auch nicht gemacht.

Gab es eine Gehaltserhöhung?

Nein, es ist nicht mehr geworden.

Wie wichtig ist Ihnen Geld?

Schon mit sechszehn war ich Profi und habe mein eigenes Geld verdient, ich hatte immer genug in meiner Tasche. Ob ihr das glaubt oder nicht, erst als ich mit dem Fußball aufgehört habe, war ich das erste Mal in der Bank, um zu checken, wie viel ich habe. Der Typ hat gesagt: Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Dann habe ich ein paar Dinge wie Versicherungen neu eingeordnet und ein neues Leben angefangen. Als ich in der Jugendakademie bei Hertha angefangen habe, ist mein fester Monatslohn von einhundert auf fünf Prozent zurückgegangen, im Verhältnis zu vorher. Für dieses Geld habe ich auch das erste halbe Jahr bei den Profis gearbeitet, erst nach dem Nichtabstieg wurde es angepasst. Wichtiger als Geld ist der Spaß an der Arbeit. Ohne Spaß, nur für Geld, so kann ich nicht arbeiten.

Haben Sie Spaß am Geldausgeben?

Ich brauche nicht viel. Ich komme klar mit einem Trainingsanzug. Wenn ich mir mal eine neue Jeans oder einen neuen Pulli kaufe, lacht meine Frau und sagt: Wozu brauchst du das? Wenn ich Mittagspause mache, gehe ich nicht in ein Fünf-Sterne-Restaurant, sondern hier in die Schulmensa, wo die Kinder sind. Gutes Essen. Und für vier Euro werde ich auch satt.

Wie hat sich Ihr Verhältnis zum Manager entwickelt?

Wir sind keine Freunde im klassischen Sinn. Freunde hat man aus Kindheitstagen. Es ist selten, dass man als erwachsener Mensch neue Freundschaften schließt. Früher, als wir noch Kollegen waren, sind wir uns schon mit großem gegenseitigem Respekt begegnet, haben uns geschätzt. Aber er hat einen anderen Spielerkreis gehabt als ich. Wir gehen nicht ständig zusammen essen oder feiern, wir grillen nicht jedes Wochenende bei mir oder bei ihm. Es gibt eine gute Atmosphäre zwischen uns, eine ehrliche Moral, es funktioniert gut. Wenn ich mir etwas wünsche, dann versucht er, etwas zu machen, so wie jeder Manager für seinen Trainer.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wenn ich einen Zehner suche, kommt er mit drei, vier Spielern, die wir bezahlen können, dann darf ich wählen. Es gibt aber auch Momente, da sage ich: Das musst du jetzt entscheiden, weil vielleicht schmeißt du mich ja nächste Woche raus und dann musst du mit dem Spieler klarkommen.

Hat sich Ihr Sohn Palko gefreut, dass Sie länger sein Trainer bleiben?

Wir reden gar nicht darüber, ehrlich. Im letzten Sommer war ich mit Palko und seinem Freund Arne Maier zehn Tage bei uns am Plattensee: drei Männer, ein Haus, wir sind mit dem Boot rausgefahren – und wir haben nie einen Satz über Hertha BSC gesprochen, Nullkommanull.

Das ist erstaunlich.

Ich habe auch nicht gewusst, dass Palko seinen Vertrag verlängert hat. Er kommt abends zu mir und sagt: Papa, morgen muss ich unterschreiben, guckst du kurz über meinen Vertrag drüber. Sage ich: Du hast einen Berater, wenn du zufrieden bist mit ihm, musst du mir nichts zeigen. Er dann: Doch, Papa, mach mal. Dann habe ich es getan. Ich rede ihm aber nicht rein. Ihr versteht das vielleicht nicht, aber ich bin ein Profi, ich kann das sehr gut trennen.

Das Gespräch führten Patrick Berger und Paul Linke.