Strammes Bäuchlein, strammer Schuss: Pal Dardai beim Traditionsmasters in der Berliner Max-Schmeling-Halle
Foto: Patrick Skrzipek

BerlinPal Dardai schwitzte heftig und nahm einen tiefen Schluck aus einer Wasserflasche. Sein Trikot mit der Rückennummer 8 war vom Kampf gezeichnet. Dann ballte er die Hände zu Fäusten, umarmte seinen Teamkameraden Zecke Neuendorf. Gerade hatte Sejad Salihovic im heiß umkämpften Stadtderby gegen den 1. FC Union mit einem schönen Treffer das 5:2 erzielt. Dabei blieb es, und die Hertha-Fans unter den 8 000 Zuschauern in der ausverkauften Max-Schmeling-Halle jubelten über die zumindest symbolische Rückeroberung der Vorherrschaft. Die Partie der Legenden von Hertha und Union war der emotionale Höhepunkt des sogenannten Derby-Tages bei Europas größtem Hallenturnier.

Die ehrgeizigen ehemaligen Hertha-Profis, die meisten noch recht schlank, nahmen wie die Unioner das Derby auf dem neuen, klimafreundlichen Kunstrasen ernst. „Die Gier zu gewinnen, ist immer noch bei allen da“, sagte Dardai. Da die Bundesligamannschaft im November das Prestigeduell an der Alten Försterei gegen den Aufsteiger 0:1 verloren hatte und danach in eine heftige Krise geraten war, wollten die Oldies von Trainer Heikko Glöde Wiedergutmachung leisten. Das gelang nach je zwei Treffern von Salihovic und Malik Fathi sowie einem Tor durch Marcel Ndjeng. Für Union schoss der dynamische Karim Benyamina beide Tore. Der 38-Jährige besitzt noch immer einen explosiven Antritt und einen satten Schuss.

Dardai und der Vertrag mit Hertha

Doch viele Augen waren vor allem auf Pal Dardai gerichtet. Der 43-jährige Ungar zeigte sich zum ersten Mal nach dem Aus als Cheftrainer im Mai vorigen Jahres einem größeren Publikum wieder als Spieler. Die Halle empfing ihn mit tosendem Beifall, der Hertha-Fanblock skandierte: „Dardai! Dardai!“

Seinen ersten Sommer ohne Aufgabe als Profi oder Trainer nach mehr als zwanzig Jahren hatte Herthas Rekordspieler (286 Erstligaspiele) vor allem entspannt in seinem Haus am Balaton verbracht, „aber danach habe ich natürlich viel Fußball gesehen“, sagte Dardai dieser Zeitung.

Bekannt wurde lediglich, dass er einige Tage bei Thomas Tuchel bei Paris St. Germain hospitiert und Anfang Dezember ein Angebot des 1. FC Köln, als Cheftrainer an den Rhein zu wechseln, abgelehnt hatte. Fakt ist, dass Dardai von Juli dieses Jahres an einen Anschlussvertrag bei Hertha BSC besitzt und wieder einen Job im Nachwuchsbereich des Klubs antreten kann. Dort hatte er einst die U15 erfolgreich betreut. Zudem sind alle seine drei talentierten Söhne – Palko (U23), Marton (U19) und Bence (U15) noch bei Hertha am Ball.

In seiner Zeit als Cheftrainer bei Hertha stand er in 150 Spielen an der Seitenlinie, in dieser Zeit ließ Dardai die Auftritte beim Masters ruhen. „Ich war 2014 und 2015 dabei, und wir haben immer das Turnier gewonnen“, sagte Dardai, „dieses Jahr ist das schon eine sportliche Herausforderung für mich.“

Erst im Herbst vorigen Jahres ist er wieder aktiv gewesen, mit Übergewicht lief Dardai einige Male bei der Ü40 von Hertha in der Altliga-Verbandsliga auf. „Ich habe ihn als Sechser gebracht“, berichtete der ehrgeizige Coach Michael Meier, „meist hat er eine Halbzeit gespielt.“ Meier hofft nun auf weitere Einsätze von Dardai in der Rückrunde. Der aber schluckte beim Masters auch Tabletten, weil er wieder Schmerzen am rechten Sprunggelenk verspürte – Spätfolgen seiner langen Karriere.

Über Weihnachten spielte die gesamte Dardai-Familie in Ungarn beim traditionellen Gedenkturnier für Dardais Vater, der im Dezember 2017 verstorben war. Pal Senior war einst der Rekordspieler von MSC Pecs in der höchsten ungarischen Liga und sehr beliebt.  „Das war ein großes Fest, 120 Leute haben nach dem Fußball gegessen, getrunken und getanzt“, erzählte Dardai nun, „hier in Berlin geht es da sportlich viel heftiger zur Sache.“

Ich kann mich wunderbar um meine Söhne kümmern und sogar im Haushalt helfen. Keine Ahnung, wie meine Frau Monika das alles immer allein geschafft hat.

Pal Dardai

Die Auszeit vom Trainer-Dasein in der Bundesliga scheint Dardai sehr gut zu bekommen. „Ich kann mich wunderbar um meine Söhne kümmern und sogar im Haushalt helfen. Keine Ahnung, wie meine Frau Monika das alles immer allein geschafft hat.“ Wie es mit ihm weitergehen wird? Dardai hält sich bedeckt, gibt aber Folgendes zu: „Alle drei, vier Wochen bekomme ich Angebote von anderen Klubs.“ Im Moment, so scheint es, zieht es ihn aber nicht weg aus Berlin.

Im ersten Stadtderby zwischen Hertha und dem Masters-Neuling Tennis Borussia wäre Dardai beinahe ein Treffer gelungen, doch sein straffer Schuss landete knapp neben dem Tor. Bei TeBe wurde die Legende Benny Wendt gefeiert. Der „alte Schwede“ aus Norrköping stand 1976/77 in beiden Bundesliga-Derbys gegen Hertha (2:0, 0:2) im Olympiastadion auf dem Rasen und schaffte damals 20 Saisontore. Mit 69 Jahren war er der älteste Spieler beim Masters. Nach dem Abstieg von TeBe in den Siebzigerjahren ging er zum 1. FC Kaiserslautern. „Damals hätte ich zu Hertha wechseln sollen“, erzählte er jetzt, „aber das habe ich mich wegen der Rivalität zwischen den beiden Vereinen nicht getraut.“

Foto: Imago Images
Ehre, wem Ehre gebührt

Hertha BSC hat das Masters durch ein 5:2 im Finale über Dinamo Tiflis gewonnen. Torsten Mattuschka im Team des 1. FC Union wurde als Publikumsliebling gekürt. Benny Wendt, 69, für Tennis Borussia am Ball, gewann den Ehrenpreis. Bester Torschütze war Aleksandre Iaschwili (Tiflis, acht Treffer). Als beste Torhüter wurden Roman Weidenfeller (Dortmund) und Georgi Lomaia (Tiflis) ausgezeichnet. Dinamo Tiflis bot Polit-Prominenz beim Masters auf. Khaka Kaladse (Foto) ist seit 2017 Bürgermeister der Stadt, war zuvor Vizepremier Georgiens und Energieminister. Als Fußballprofi kam der heute 41-jährige Verteidiger Kaladse auf 83 Länderspiele und spielte u.a. für den AC Mailand.

Beim 6:0-Sieg gegen Tennis Borussia trafen Marcel Ndjeng (2), Sejad Salihovic, Malik Fathi, Maik Franz, genannt Iron-Maik, und der einstige Mittelstürmer Christian Giménez. Der Argentinier, 45, war zum ersten Mal in Berlin dabei und beeindruckte mit Einsatz und einem Waschbrettbauch. Giménez bildete in der Saison 2006/07 bei Hertha ein kongeniales Stürmerduo mit Marko Pantelic. Der dreimalige Torschützenkönig der Schweizer Liga für den FC Basel lebt heute in Barcelona und arbeitet als Spielerberater. „Das ist eine großartige Atmosphäre in Berlin“, lobte „Jimmy“ Giménez, der ab und an bei den Legenden des FC Barcelona mittrainieren darf.

Im ersten Derby des Tages, dem Revier-Duell zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04, siegte Dortmund 3:1. Im Tor der Borussia stand Masters-Neuling Roman Weidenfeller. Der 39-Jährige hatte im September 2018 nach 349 Bundesligaspielen seine Karriere beendet und arbeitet als Internationaler Botschafter der Dortmunder. In der Schmelinghalle zeigte er viele starke Paraden und war bei den Fans sehr gefragt.

Zuletzt hatte sich der Keeper in einem fremden Metier versucht und nach Anfrage des neuen Traumschiff-Kapitäns Florian Silbereisen eine Gastrolle in der ZDF-Serie übernommen. Am Neujahrstag spielte der Torwart einen Torwart. Einschaltquote: 7,8 Millionen! „Es war mir eine große Ehre mit Barbara Wussow, Harald Schmidt und vielen anderen großen Schauspielern zusammen zu drehen.“ Weidenfeller lachte: „Meine Zukunft sehe ich allerdings weiter im Fußball.“ Das ist sicher auch besser so.