Pal Dardais Entlassung: Außendarstellung des Trainers spielt wichtige Rolle

Es gibt keine Hoffnung. Gab es nie für Pal Dardai. Hoffnung, sagte er einmal, sei ein schlechtes Wort. Wahlweise ein negatives oder komisches. Deswegen würde er es nicht benutzen. Und deswegen reagierte er immer so gereizt, wenn ihm einer mit Hoffnung kam. Wie im April 2016.

Hertha BSC, ein Klub, der ein Jahr zuvor fast abgestiegen wäre, stand drei Spieltage vor dem Saisonende auf Platz vier und im Pokalhalbfinale gegen Borussia Dortmund. „Pal Dardai“, fragte der Reporter nach der Niederlage, „dieses Spiel hatte so viele Hoffnungen geweckt in ganz Berlin und auch bei Ihnen persönlich. Warum ist es schiefgegangen?“ Und dann passierte es. Unverständnis. Verschwörung. Wut bis Wahn. Dardaismus eben. Der Trainer fühlte sich bei jeder Frage angegriffen: „Wir müssen nicht alles kaputtreden.“

Hatte niemand getan. Aber die meisten hatten diesen öffentlich stets so beherrschten, freundlichen und lustigen Trainer erstmals von einer anderen Seite kennengelernt. Von einer dunklen Seite, die Dardai geschickt verbergen konnte. In dieser Saison ist ihm das immer seltener gelungen. Den ihm in viereinhalb Jahren meist wohlwollend gestimmten Berliner Medien warf Dardai nach der Niederlage gegen Düsseldorf „Manipulation“ und „geplanten Mord“ vor. Er hatte ein gutes Spiel seiner Mannschaft gesehen.

Gespaltenes Präsidium in der T-Frage

Diese Außendarstellung war neben sportlichen Entwicklungshemmungen ein wichtiger Grund für die Entlassung, die Hertha am Dienstagmorgen bekannt gab. In der Mitteilung heißt es: „Nach einer eingehenden Analyse der Gesamtsituation kam man gemeinsam zu dem Ergebnis, dass eine Veränderung auf der Trainerposition im Sommer (...) die richtige Entscheidung ist.“ Michael Preetz lässt ausrichten, der Klub brauche einen neuen Impuls.

Als der Manager am vergangenen Mittwoch das Klubpräsidium mit der T-Frage konfrontierte und sich für Dardais Entlassung aussprach, waren die Mitglieder – ähnlich wie die Fans – gespalten. Groß ist einerseits noch die Dankbarkeit für die Kontinuität auf dem Trainerposten, nach der sich Hertha gesehnt hatte; erfolgreich war Dardai ja auch noch. Aber einig war sich das Präsidium andererseits in der Bewertung, dass ein leitender Angestellter nicht so reden darf, als hätte er ein Rhetorikseminar bei Viktor Orban besucht. Ungarns Ministerpräsident ist Dardais Landsmann.

Dass Hertha einem Trainer, der Reporter wie Schuljungen zum Rapport bittet, sie beschimpft, beleidigt oder mit einer Zeitung nach ihnen wirft, nun verboten hat, sich wie üblich nach dem Training zu äußern, ist verständlich. Der Klub schützt den Trainer vor sich selbst – und damit auch die eigenen Interessen. Der Stadionneubau ist nun mal das große Zukunftsthema, jede Nachricht, die potenzielle Sponsoren abschrecken könnte, soll vermieden werden.

Seltsame Krtik an Jarstein

Dardai ist in den vergangenen Monaten irgendwie außer Kontrolle geraten, oder sie ist ihm nach und nach entglitten. Einen Sinn für Selbstkritik hatte er oft vermissen lassen. Doch dann wurden die lange als schrullige Eigenart interpretierten Widersprüche immer bizarrer. Und zuletzt war da immer öfter ein befremdliches Gefühl, wenn Dardai sich in einem Satz vor seine Spieler stellte und sie im zweiten kritisierte.

Etwa Torwart Rune Jarstein, der nach der Niederlage in Leipzig zu Recht beobachtet hatte, dass Hertha kein funktionierendes Team sei. Dardais Antwort: „Es gab Spiele, in denen er auch nicht gut aussah, da hat sich keiner beschwert.“ Jarstein zählt eigentlich zu den Besten in dieser Saison, er ist eine Stütze, wenn alles zusammenzubrechen droht wie zuletzt gegen Hoffenheim. Die nächste Möglichkeit, den Trainer zu befragen, bietet übrigens die Pressekonferenz an diesem Donnerstag. Am Sonntag findet das Heimspiel gegen Hannover statt. Es ist Dardais drittletzter Auftritt im Olympiastadion.

Als Pal Dardai im Februar 2015 den Trainerjob von Jos Luhukay übernahm, befand sich eine verunsicherte und fußballerisch doch arg limitierte Mannschaft im steilen Sinkanflug auf Liga zwei. Die Rettungsmission war heikel, die wenigsten glaubten an ein Gelingen. Doch für den Nachwuchstrainer Dardai, den Rekordspieler des Vereins, diese Legende, Ikone, den Fanliebling, war der Job natürlich „Ehrensache“. Bei seiner Vorstellung sagte er: „Ich bin ein Berliner. Ich bin ein Herthaner. Mein Blut ist blau-weiß.“ Pathos war von Anfang an Dardais Ding.

Exitstrategie Ungarn

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger setzte er auf gute Laune, Optimismus, mit erstaunlicher Gelassenheit gelang es ihm, Hertha am letzten Spieltag in der Liga zu halten. Zwei Jahre später führte er den Klub sensationell in die Europa League. Mit der Zeit verpuffte allerdings der Effekt. Die Ansagen, die Trainingsmethoden nutzen sich ab. Sieht Dardai natürlich anders: „Das, was wir hier gemacht haben, ist einzigartig.“

Eine spannende Frage lautet jetzt: Wird Dardai am Saisonende im Guten oder im Schlechten scheiden? Bei Abschieden tut sich Hertha ja bekanntlich schwer. Es ist jedenfalls kaum vorstellbar, dass der unbefristet angestellte Dardai wieder in den Nachwuchsbereich wechselt. Welcher Meister will schon ein zweites Mal Lehrling werden? Es gehört zu Dardais sonderbarem Wesen, dass er genau das vorhat. Angeblich. Er könnte aber auch wieder Ungarns Nationaltrainer werden. In seinem Vertrag mit Hertha ist diese Exitstrategie verankert. Zurzeit ist das Amt vergeben. Nach allem, was man weiß, macht sich Pal Dardai bestimmt keine Hoffnungen.