Auf den ersten Blick wirkt die Kulisse wie in einem Hochsicherheitsgefängnis. Die grauen Mauern scheinen schier unüberwindlich hoch, oben drauf wölbt sich in acht Metern Höhe noch ein Drahtzaun nach innen. Die Wachtürme sehen bedrohlich aus. Es entsteht der Eindruck, als habe da einer den Schrecken der innerdeutschen Mauer noch einmal perfektioniert.

Die Menschen haben ihr bestes gegeben, die Tristesse des architektonischen Stumpfsinns zu lindern: Spätestens die Grafitti zeigen, dass es sich zumindest um kein gewöhnliches Gefängnis handelt, in dem gestern mehr als 4371 Läufer antraten, von denen 290 die Marathon-Strecke absolvierten und der größte Teil zumindest einen Zehn-Kilometer-Lauf machte. Seit drei Jahren wird in den Straßen von Bethlehem gelaufen. Dass nirgendwo der Eindruck entsteht, die Geburtsstadt Jesu sei in Palästina aus kommerziellen Gründen auf den Erfolgszug der Städte-Marathons von Boston über New York, London, Tokio oder Berlin aufgesprungen, ist gesichert.

In Bethlehem haben die dänischen Laufbegründerinnen Lærke Hein and Signe Fischer dafür gesorgt, mit ihrem Lauf einen sportlichen Protest anzuschieben, weil der Staat Palästina nicht einmal die volle Entfernung eines olympischen Marathons von 42,195 Kilometern kontrolliere. Durch die Straßen Bethlehems in der West Bank wird der „Recht auf Bewegung Marathon“ gelaufen. Es ist ein Protest gegen die Lebensbedingungen der Palästinenser, die auf der Fahrt durch zersiedeltes israelisches und palästinensisches Gebiet unzählige Kontrollposten zu passieren haben, so dass ein Palästinenser aus Bethlehem, der in einem israelischen Krankenhaus einen Termin hat, zuweilen zwei Stunden und mehr an einem Checkpoint ausharren muss. Nicht zufällig führt die Laufstrecke daher nicht nur an der Mauer entlang sondern auch durch Flüchtlingscamps. Auch der Sport und sein Spielbetrieb sind massiv betroffen, weil Mannschaften für wenige Kilometer Fahrt unkalkulierbar lange unterwegs sind, so dass ein ordentlicher Ligabetrieb nur schwer zu organisieren ist.

Der verhinderte Frieden

Der Palästina-Marathon beruft sich in seiner Selbsterklärung auf den Artikel 13 der UN-Menschenrechtskonvention: „Jeder hat das Recht auf freie Bewegung.“ Zu den Veranstaltern gehört auch Palästinas Olympisches Komitee, das 1995 vom Internationalen Olympischen Komitee anerkannt wurde, obwohl Palästina Autonomiegebiete nur im Gazastreifen und in knapp der Hälfte des Westjordanlands hat. Friedensgespräche mit Israel über ein existenzfähiges eigenes Palästina scheiterten bisher stets an den radikalen Kräften auf beiden Seiten.

Der Marathon dient allerdings auch dem Kampf für die Rechte von Frauen in Palästina. Weil die herrschende Hamas etwa Frauen das Recht absprach, an der Seite von Männern zu laufen, musste der Gaza-Marathon bereits abgesagt werden. Im Palästina-Lauf hingegen starten Frauen und Männer. Die Organisatoren von Recht auf Bewegung beschreiben sich als nicht-profitorientierte, nicht-religiöse, unpolitische Gruppe.

„In einer Welt der großen Politik ist es wichtig, einen Raum zu haben, der sehr einfach ist und in dem du fühlst, dass du die Kontrolle über deinen eigenen Körper hast und dich von einem Ort zu einem anderen bewegen kannst“, sagt die dänische Laufbegründerin Lærke Hein, „besonders wenn du in einer Welt lebst, in der Dinge wie wen du heiraten willst, wohin du gehen willst und was du studieren willst außerhalb deiner Kontrolle liegen.“