Dabei in Dubai: Ali Lacin (l.) hat nach der Silbermedaille bei der EM im vorigen Jahr in den Vereinigten Arabischen Emiraten nun Bronze gewonnen.
imago-images/Axel Kohring

BerlinAli Lacin wirkt entspannt, lächelt bei nahezu jedem Satz. Der Para-Leichtathlet aus Berlin ist ohnehin ein fröhlicher Mensch, aber gerade wirkt er besonders glücklich. Auch wenn das Bild beim Videotelefonat hin und wieder wackelt und der Ton manchmal verzerrt oder gar nicht zu hören ist, verrät sein Lächeln vor allem eins: endlich Urlaub. Nach einer langen Saison mit dem Höhepunkt der Weltmeisterschaft in Dubai, wo er eine Bronzemedaille über 200 Meter gewann, ging es für ihn am Dienstag in die Türkei. „Das ist gerade so ein Cool-Down-Prozess nach einer wirklich langen Saison. Ich versuche runterzukommen, um wieder Kraft für die neue, die paralympische Saison zu sammeln“, erzählte er am Donnerstag.

Da hatte sich sein Trainer ebenfalls gerade auf den Weg in den Urlaub gemacht. Wettertechnisch hat es Ralf Otto bei sechs Grad Celsius und leichtem Regen nicht unbedingt ideal erwischt, dennoch hat auch er den räumlichen Abstand zur Heimat vergrößert und versucht, Kraft zu schöpfen. Noch bis zum Wochenende war das Erfolgsduo für zehn Tage in Dubai vereint und konnte dort diesmal Bronze bei einer WM gewinnen. Einen Moment lang bekamen Ali Lacin und Ralf Otto die Aufmerksamkeit, die sie für ihre Arbeit verdient haben. Denn: „Im Behindertensport ist es so, dass man kurz vor und kurz nach dem Wettkampf im Rampenlicht steht, aber dann ist man wieder für ein Jahr vergessen“, sagt Lacin.

Das hat der 31-Jährige besonders deutlich im vergangenen Jahr zu spüren bekommen. Rund um die Europameisterschaft in Berlin, wo er eine Silbermedaille gewann, hatte der beidseitig oberschenkelamputierte Sprinter plötzlich zahlreiche Interview-Anfragen, wurde sogar für die Wahl zu Berlins Sportler des Jahres nominiert und dort Dritter. Doch nachhaltig war das nicht. Weder für ihn, noch für den Behindertensport. Schnell verschwanden Athlet und Trainer wieder aus dem Fokus der Öffentlichkeit, um vor wenigen Tagen wieder in diesen zu rücken. Auch auf den Stimmzettel der diesjährigen Sportlerwahl haben es Lacin und Otto diesmal geschafft, wissen aber, dass sie eigentlich nur Außenseiterchancen haben. Doch auch intern, im eigenen Verband, musste das Duo um Anerkennung kämpfen. „Der Bundestrainer hatte ihn mal zur EM eingeladen, aber dann gesagt, dass das Freizeitsport ist“, erinnert sich Ralf Otto.

Wahl zu Berlins Champions des Jahres

Wahl: Die Wahl zu Berlins Champions 2019 läuft noch bis zum 1. Dezember. Zur Wahl stehen je zehn Sportlerinnen und Sportler, Mannschaften und Trainer/Manager. Auch Sie können hier abstimmen.

Jury: Neben den Berlinern wählt wie in den Vorjahren eine Expertenjury die Sportler des Jahres. Die Ergebnisse aus Publikumswahl und Expertenjury fließen zu je 50 Prozent ein. 

Erfolge: Berlins Athleten räumten allein in den ersten neun Monaten des Jahres 2019 mehr als 40 Medaillen, darunter 18 goldene, bei Welt- und Europameisterschaften ab. Zudem triumphierten weitere Sportler und Teams aus der Hauptstadt bei Wettbewerben rund um den Globus und in nationalen Meisterschaften.

Gala: Die Sieger werden am 14. Dezember im Rahmen einer Abendgala vor mehr als 2 000 Gästen geehrt.

Teams: Erstmals nominierten Berlins Sportjournalisten  ein Frauen- und ein Männerteam gemeinsam. So gehen die Wasserballerinnen von Spandau 04, die ihr erstes Jahr in der Bundesliga spielten, zusammen mit ihren Vereinskollegen ins Rennen. Beide Teams wurden Meister.

Trainer: In dieser Kategorie werden traditionell nicht nur Aufstiegs-, Meister- oder Medaillentrainer nominiert, sondern auch Sportmanager erfolgreicher Berliner Klubs.

Dieser Moment weckte damals den Ehrgeiz des Trainers. Auch Ali Lacin hatte das mitbekommen, war allerdings noch mit anderen Dingen beschäftigt. „Bei ihm war es die Umstellung des Lebens. Er hat versucht, den Spagat zwischen der Selbstständigkeit in seinem Süßigkeitenladen und dem Sport hinzukriegen“, so der Trainer. Die Folge: Ali Lacin war immer zu spät oder sagte immer wieder Trainingseinheiten komplett ab. „Eigentlich hat er nicht so trainiert, wie wir Trainer das wollten“, so Otto.

Also suchte er, der Trainer, mit externer Unterstützung nach einer Lösung des Problems. Im vergangenen Jahr war diese Suche erfolgreich – Lacin wird von seinem neuen Arbeitgeber sogar für Trainingslager und Wettkämpfe freigestellt. Auch wenn noch längst nicht alles so läuft, wie sich der Trainer das vorstellt, sprechen die vergangenen zwei Saisons und gerade die aktuelle, in der Ali Lacin endlich auch zwei Sportprothesen zur Verfügung hat, für die gemeinsame Arbeit.

Ein Spätzünder

Dabei ist Ali Lacin ein Spätzünder. Nach einer Reportage über Behindertensport im Fernsehen hatte er die Entscheidung gefällt, Sport treiben zu wollen. 2012 war das. Also griff er zum Telefon, sprach mit Ralf Otto und machte sich in Kienbaum ein Bild von den Bedingungen und Möglichkeiten. Noch heute ist Lacin dankbar: „Der Trainer ist der, der für mich alles organisiert hat. Meine ersten Prothesen, aber auch meine Sprintprothesen, die ich jetzt habe.“ Der Trainer war es auch, der ihm den ersten Spitznamen verpasste. Candyman, Süßigkeitenmann nannte ihn Otto, wegen seiner Tätigkeit im familiären Süßigkeitenunternehmen. „Die Kinder nennen mich Ironman oder Robocop oder Terminator“, erzählt Ali Lacin lächelnd. Das war nicht immer so. „Bis ich mit dem Sport angefangen habe, bin ich mit der Behinderung gar nicht rausgegangen, sondern habe mich geschämt und war häufig zuhause. Ich hatte immer nur lange Hosen an und meine Prothesen gar nicht gezeigt, weil ich die bemitleidenden Blicke in den Menschen gesehen habe. Das hat mich sehr verletzt. Mittlerweile bekomme ich Blicke der Anerkennung und des Respekts, was mich stärkt.“ Sein Auftreten sei viel sicherer geworden. Er schämt sich nicht mehr, sondern ist stolz. „Man merkt, dass die Leute durch den Sport selbstsicherer sind“, erzählt Ralf Otto über seine Beobachtungen in der Arbeit mit Behindertsportlern.

Für Lacin ist „der Sport nicht nur Sport. „Ich fordere die Behinderung heraus und möchte das machen, was die normalen Menschen machen können“, sagt er, „ich hole das nach, was ich vorher nicht machen konnte.“ Bis zu seinem 25. Lebensjahr konnte er gar nicht rennen oder springen. Dinge, die die meisten Menschen seit ihrer Kindheit als selbstverständlich ansehen, verbindet er mit ganz anderen Gefühlen. „Für mich ist das Leidenschaft. Wenn ich in meinen Sportprothesen bin, spiele ich verrückt, springe rum und fühle mich einfach frei darin“, erzählt er und hat dabei wieder dieses ansteckende Lächeln im Gesicht. Wohlwissend, dass es gleich wieder in den Pool zum Schwimmen geht und er am Abend wieder bei einem Film entspannen kann. So schön der Sport für ihn ist, so sehr freut er sich auch mal über zwei freie Wochen.