Tokio - Edina Müller hatte sich durchgesetzt. Sie stillt ihren Sohn Liam noch. Sie wollte ihn auch in Tokio stillen, bei den Paralympics. Aber so was ist im Konzept dieses Sportereignisses nicht vorgesehen gewesen. Professioneller Para-Sport und Kinder? Ein Mutter-Sohn- oder Familienzimmer gab es nicht im Olympischen Dorf. Also wohnten Liams Vater und der zweieinhalbjährige Junge in einem Hotel in der Nähe. Edina Müller stillte ihn. Wie immer. Vor den Augen des Kleinen gewann die frühere Rollstuhl-Basketballerin nun im Kanusprint die Goldmedaille. Kurz darauf folgte im Olympiastadion die Fabelrunde von Lindy Ave: Weltrekord über 400 Meter, Platz eins, Freudentränen im Regen.

Zum Abschluss hinterließ die deutsche Mannschaft in Tokio einen positiven Eindruck. Doch in der Gesamtbilanz bei den 16. Paralympischen Sommerspielen waren diese Sternstunden nur Schönheitskorrekturen. Der Abwärtstrend setzt sich fort, andere Nationen ziehen davon – mit Rang zwölf gab es im Medaillenspiegel das schlechteste Ergebnis überhaupt.

14 deutsche Medaillen weniger als in Rio de Janeiro

Dennoch zog DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher vor der bunten Abschlussfeier, bei der Schützin Natascha Hiltrop die nur noch kleine deutsche Mannschaft als Fahnenträgerin anführte, ein positives Fazit. „Ich finde, wir gehen sehr erfolgreich von diesen Spielen weg“, sagte der Chef des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS). Auch Chef de Mission Karl Quade sah das Team im Soll. „Wir stehen im Medaillenspiegel ungefähr da, wo wir uns gesehen haben“, konstatierte der DBS-Vizepräsident Leistungssport.

Und das ist mit nur 43 Medaillen mittlerweile weit entfernt von den Top-Nationen, 14 Medaillen weniger als noch in Rio sammelte die deutsche Mannschaft. Die 13 Gold-, 12 Silber- und 18 Bronzemedaillen reichten nicht für die Top Ten in der Nationenwertung, deutlich kleinere Länder wie die Niederlande oder Aserbaidschan sind vorbeigezogen. Zuvor war Rang elf in Peking 2008 die schlechteste deutsche Abschlussplatzierung im Medaillenspiegel gewesen.

Nachwuchsförderung Problem Nummer eins

„Die paralympische Leistungssportbewegung ist unwahrscheinlich explodiert, die Leistungsbreite ist größer geworden“, begründete Beucher den anhaltenden Abwärtstrend, „auf einmal steht ein Land wie Aserbaidschan vor Deutschland im Medaillenspiegel. Mich stört das nicht.“ Vielmehr zeige das, so der 75-Jährige weiter, „dass die Paralympics ihren Zweck erfüllen. Behindertensport wird auch in Länder getragen, wo früher Menschen mit Behinderung am Rande der Gesellschaft versteckt waren.“

Am Konzept dieser Nationen wolle er sich aber nicht orientieren. „Weil viele Länder, die so aufgeholt haben, etwas gemacht haben, was ich vom Grundsatz her ablehne. Sie verzichten auf Vielfalt und konzentrieren sich auf einige wenige Sportarten“, sagte Beucher. Als „Problem Nummer eins“ sieht er in Deutschland die Nachwuchsfindung, -sichtung und -förderung.

Generell gäbe es Nachholbedarf in Sachen Professionalisierung, ergänzte Quade: „Es gibt bei uns nur wenige Sportler, die sich zu 100 Prozent auf den Sport konzentrieren können.“ Die Basis müsse sich „deutlich vergrößern“. Derzeit bestehe eine „sehr starke“ Abhängigkeit von der Leichtathletik und dem Radsport. Zumindest betrieb die Mannschaft nach dem schwachen Start in der zweiten Woche Schadensbegrenzung.

Einige der von Beucher als solche angepriesenen „Goldraketen“ wie Doppelsiegerin Jana Majunke, Markus Rehm, Martin Schulz, Hiltrop, Johannes Floors oder nun zum Abschluss eben Edina Müller, 38, zündeten. Die Para-Kanutin paddelte am Sonnabend in die Geschichtsbücher. Nach dem Triumph im Rollstuhlbasketball 2012 krönte sie sich wie Annika Zeyen in der zweiten Sportart zur Paralympics-Siegerin – und das nach einer Bürokratie-Odyssee wegen Liam.

Kein Corona-Fall im deutschen Team während der Spiele

„Es gab in der ganzen Zeit viele Zweifler, viele Leute, die nicht an mich geglaubt haben. Da jetzt zu stehen mit der Goldmedaille, ist der Wahnsinn“, schwärmte Edina Müller. Lindy Ave sagt, sie hätte „nie im Leben“ an einen Sieg geglaubt, geschweige denn in Weltrekordzeit. Sie war wie Schwimm-Champion Taliso Engel oder Rennrollstuhlfahrerin Merle Menje einer der Lichtblicke der nachkommenden Generation.

Generell war Beucher vor allem froh, dass die Paralympics nicht zum „Superspreader-Event“ geworden sind. Im deutschen Team gab es keinen einzigen Corona-Fall. „Die Leistung“, sagte der DBS-Präsident, „war im Mittelpunkt und nicht das Virus.“