Prägen mit ihrer Arbeit den Spitzenfußball: Tuchel und Nagelsmann.
Foto: dpa/Michael/Woitas

Berlin/LissabonDass vor dem Champions-League-Halbfinale zwischen RB Leipzig und Paris St. Germain (Dienstag, 21 Uhr) einmal die bayerische Landesliga Süd Thema sein würde, war vor zwölfeinhalb Jahren nicht im entferntesten abzusehen. Im Januar 2008 beorderte Thomas Tuchel, heute Chefcoach von PSG, seinen oft verletzten Spieler Julian Nagelsmann in das 22.000-Einwohner-Städtchen Gersthofen nördlich von Augsburg, um den nächsten Gegner zu beobachten: Nagelsmanns erster Job in einem Trainerstab. Tuchel trainierte damals die zweite Mannschaft des FC Augsburg und betraute Nagelsmann mit dem Scouting. 

„Ich sagte ihm damals, er kann nicht immer nur verletzt sein. Er muss für uns arbeiten und Gegner beobachten. Er hat das sehr detailliert, sehr aufmerksam gemacht“, erzählte Tuchel in Lissabon ausführlich und geradezu beseelt vom Moment. Es machte ihm sichtlich Spaß, über die alten Zeiten zu sprechen. „Es ist ein riesiges Geschenk für mich, ich bin demütig und glücklich, dass ich erleben darf, dass wir jetzt im Halbfinale stehen und Julian und ich gegeneinander spielen“, schwärmte der 46-Jährige.

Tuchel war damals angetan von Nagelsmanns ersten Gegner-Präsentationen. Bereits nach einigen Vorträgen erkannte er das Trainertalent des damaligen Abwehrspielers. „Thomas sagte zu mir, ich solle doch Trainer werden, wenn ich nicht mehr spielen könne. Er glaube, dass ich talentiert sei dafür durch die Art und Weise, wie ich ticke und wie ich spreche“, berichtet Nagelsmann in der jüngst erschienenen Tuchel-Biografie des Werkstatt-Verlages.

Und auch ganz konkret half Tuchel seinem Musterschüler beim Einstieg in den ersten Trainerjob. So gab er dem 14 Jahre jüngeren Kollegen 2008 den Tipp, dass bei 1860 München ein U17-Co-Trainer gesucht werde. Der damals erst 20-Jährige bekam den Posten und avancierte in nur acht Jahren zum Bundesligatrainer und ist nun – ebenso detail- und erfolgsbesessen sowie taktisch außergewöhnlich begabt – Tuchels Konkurrent im Kräftemessen um den Einzug ins Endspiel um den Henkelpott.

Damals hatte Tuchel ein durchaus enges Verhältnis zu Nagelsmann und dessen Umfeld. Vor dem Aufeinandertreffen bezeichnet der RB-Trainer das Verhältnis nun als nicht „extrem innig“. Ab und zu schreibe man sich eine SMS und tausche sich über mögliche Spielertransfers aus. Wie etwa den von Christopher Nkunku, der PSG 2019 in Richtung RB verließ.

Doch es ist zu spüren, dass Nagelsmanns Wertschätzung für seinen Förderer groß ist. Tuchel verfolge einen „ganzheitlichen“ Spielansatz: „Er konzentriert sich auf alle Phasen des Spiels“, sagte Nagelsmann. Der 46-Jährige habe Paris zu einer Mannschaft geformt, „die viel über die individuelle Klasse kommt und trotzdem immer einen Plan verfolgt, weil Thomas eine gute Idee vom Fußball hat“.

Der betrachtet das Spiel gegen Leipzig als „große Herausforderung, weil wir wissen, dass Julian gern die Taktik ändert, dass sie Details im Anlaufverhalten, im Spielaufbau, in ihrer Grundordnung verändern“. Es sei schwerer, ein Spiel gegen RB vorzubereiten als etwa gegen Atlético Madrid. „Doch wenn so viele Variablen und so viel Qualität drinstecken wie bei Leipzig, ist der Schlüssel, bei sich selbst zu bleiben und seine Stärken durchzudrücken“, kündigte Favorit Tuchel an. Dominanter Ballbesitz-Fußball also mit dem Superstar-Duo Kylian Mbappé und Neymar als Fixsternen im Sturm.

Bei RB werden mehr noch als gegen Atlético die alten Tugenden gefordert sein – Pressing, Gegenpressing, Konter –, um die Ausnahme-Equipe ärgern zu können. Ein Spiel, bei dem man hätte Timo Werner gut gebrauchen können. Doch Rasenballsport hat beim zweiten Tor gegen Atlético gezeigt, dass das Team auch ohne Werner erfolgreich kontern kann.

Ralf Rangnick, der beide Talente prägte und seinen einstigen Spieler Tuchel zum U15-Trainer des VfB Stuttgart machte, als der noch nebenbei als Barkeeper jobbte, sagt: „Man kann beide Trainer und ihre aktuelle Arbeit nicht vergleichen, weil die Anforderungsprofile bei den Klubs völlig andere sind.“ Tuchel hatte in Paris die Aufgabe, „aus einer Ansammlung von internationalen Superstars eine Einheit zu formen“. Das sei ihm über die vergangenen zwei Jahre „außergewöhnlich gut“ gelungen. Nach den Pariser Siegen gegen den BVB und Bergamo beobachtete Rangnick echte Freude und inzwischen auch Hingabe bei Einzelkönnern wie Neymar. „Das ist jetzt eine Gruppe, die beweisen will, dass sie Titel gewinnen kann, und das ist das Verdienst des Trainers“, sagt der langjährige Leipziger Sportdirektor und Trainer. Nagelsmann hingegen habe bei RB vor einem Jahr von ihm eine intakte Mannschaft ohne einen einzigen echten Superstar übernommen und weiterentwickelt, erörtert Rangnick. „Völlig unterschiedliche Aufgaben, die jeder für sich herausragend löst.“

Auch Rangnick hält Paris für den Favoriten in diesem Spiel, „weil die Qualität der Weltklasse-Individualisten in vorderster Linie wie Ángel di Maria, Kylian Mbappé und eben Neymar noch einmal etwas besser ist als bei RB und das Team jetzt auch geschlossen auftritt“. Rangnick betont aber: „Ich sehe sie in der Defensive, insbesondere über die Außenverteidiger-Positionen, verwundbar.“

Tuchel selbst zeichnete in seiner fast halbstündigen, sehr empathischen und detaillierten Pressekonferenz das Bild eines Teams, das jetzt in der Verfassung sei, die Früchte eines Jahres zu ernten: „Wir sind da, unsere gesamte Arbeit in Erfolg umzumünzen.“ Tuchel hatte dabei auch die Arbeit einer gesamten Karriere im Hinterkopf, die für die beiden deutschen Ausnahmetrainer 2008 gemeinsam bei Augsburg II in der bayerischen Landesliga Süd begann.