Partie gegen München: Denn sie wissen, was sie tun

Jens Keller ist noch nicht einmal eine Saison im Amt als Trainer des  1. FC Union. Und doch ist er schon jetzt als Mediator einer besonderen Stimmungslage gefragt.  Die Aufstiegseuphorie geht nämlich um in Köpenick. „Die Euphorie ist gut“, sagt Keller, „solange wir wissen, was wir tun.“ Die Eisernen sind vor diesem 22. Spieltag, den am Freitag (18.30 Uhr) mit der Partie gegen 1860 München eröffnen, Tabellendritte. Zu diesem späten Saisonzeitpunkt  ist das das beste vereinsinterne Zwischenergebnis. Union  ist – Stand jetzt –  tatsächlich auf dem Sprung in die Bundesliga.  Auch, weil Fußballlehrer Keller Euphorie und Aufbruchsstimmung in die richtigen Bahnen lenkt.

„Wir wissen seit Anfang der Saison, dass wir einen guten Kader haben. Jetzt weiß es jeder. Wer  13 Spieltage vor dem Ende auf dem Relegationsplatz steht, will sich dort nicht mehr vertreiben lassen“, sagt der Chefcoach. Er gibt der  kleinen Euphoriewelle, die rund um den und ganz langsam auch im Verein hochschwappt, einen weiteren Schub. Seine Spieler reden plötzlich offensiv vom Aufstieg. Und werden dabei auch nicht ausgebremst. „Wir wollen auch Hannover noch ärgern. Schließlich kann man als Dritter am Ende der Saison auch noch alles verlieren“, sagt Abwehrboss Toni Leistner.  Heißt: Union sieht sich in seinem neuen Selbstverständnis nicht einmal als Tabellendritter als neuen Gejagten der Liga an. Nicht, so lange es noch Plätze nach oben gutzumachen gibt. Angst vor Stuttgart (sechs Zähler mehr) oder Hannover (drei Punkte Vorsprung)? Nein, allenfalls Respekt.

„Urlaub im Oberhaus“

Es mag überheblich klingen, den  wirtschaftlich stärkeren Bundesliga-Absteigern den Kampf anzusagen. Das ist es bei den Eisernen aber nicht. Hinter jedem Satz folgt ein leises „Aber“. Aber kein Zweifel. Eher ein mahnender Zeigefinger, nicht locker zulassen. Der Trainer etwa spricht über das neue Selbstbewusstsein der Spieler, die nun lernen sollen, wie es ist,  eine  Spitzenmannschaft zu sein.   Er sagt es so: „Wir müssen uns nicht kleiner machen, als wir sind. Aber wir dürfen jetzt auch nicht denken, wir müssen nichts mehr tun.“ Dass  jeder konzentriert weiterarbeitet,  seine individuellen Sonderschichten schiebt, daran hat der Coach keinen Zweifel.

Er spüre die große Lust auf die Bundesliga im Verein durchaus. „Das ist gut so“, sagt Keller.  Positive Stimmung sei ihm immer lieber als negative. „Aber das Drumherum ist mir und meinen Spielern erst mal egal.“ Mit Drumherum meint er diejenigen, die plötzlich aufgeregt nach links und rechts schauen, auf die anderen Plätze der Liga. Die gucken, wie sich Stuttgart, Hannover und Braunschweig in ihren Spielen schlagen. Und für die der Traum  von diesem „Urlaub im Oberhaus“, wie es Präsident Dirk Zingler einst nannte, mit jedem Sieg der Eisernen greifbarer zu werden scheint.

Immer tiefenentspannt

Abseits des Platzes hat der Verein in den vergangenen Jahren die Grundlage für die aktuell überaus gute Stimmung gelegt.  Nun läuft es auch auf dem Rasen gut. Das Umfeld scheint ohnehin längst bereit zu sein. In großem Tempo wurde in den vergangenen zehn Jahren – angefangen beim Stadion 2008 bis hin zur Übernahme und dem Ausbau des eigenen Merchandisings –  die Infrastruktur vorbereitet  für das, was jetzt wahr werden könnte: Erstligafußball in Berlin Köpenick.

„Die Bedingungen“, sagte Keller dem Magazin  11 Freunde, „sind optimal.“ Natürlich merke er, dass es auch diejenigen gibt, die sich mit der Befürchtung herumschleppen, Union könnte im Profitwahn der Ersten Liga seine Identität verlieren. Sich mit dem zufrieden geben, was man hat, ist in seinen Augen aber auch nicht der richtige Weg. „Es wurde  als selbstverständlich hingenommen, dass man schlecht startet und im Pokal rausfliegt“, meint Keller und signalisiert sein Unverständnis.

Die Einstellung in den Köpfen der Spieler hat der Trainer schon geändert. Aus Angst wird Euphorie, die es heute auch sportlich zu legitimeren gilt. Mit einem Sieg  gegen 1860 München bliebe der 1. FC Union auch nach dem 22. Spieltag mindestens Dritter, würde für wenigstens eine Nacht sogar auf Platz zwei vorrücken. Ein Gedanke, bei dem Keller – wie immer – ganz tiefenentspannt bleibt.