Berlin - Welche Szenen aus dem Berliner Sport sind aus dem Jahr 2021 geblieben? Welche Ereignisse? Welche Bilder haben sich festgesetzt im Gedächtnis? Welche Momente aus dem Spannungsfeld zwischen Nachricht und Gefühl, Corona-Vorschriften und Wettkampfmöglichkeiten, Stillstand und Bewegung?
Zum Beispiel dieser: Patrick Hausding bei Olympia in Tokio auf der obersten Treppenstufe des Sprungbeckens. Sein Körper starr, sein Blick konzentriert, auf die Anzeigetafel fixiert. Gerade hat der Berliner Wasserspringer mit Lars Rüdiger den letzten Sprung des olympischen Synchron-Wettkampfs vom Dreimeterbrett absolviert, den viereinhalbfachen Salto vorwärts.
Bronzemedaille für das Duo Hausding/Rüdiger
Und jetzt? Sekunden verrinnen. Wie werten die Punktrichter? Reicht es für die Medaille? Geht es von Platz sechs auf drei? Die Fernsehkameras zoomen auf Hausding, auf den 32-Jährigen, der die Sommerspiele in Tokio als deutscher Fahnenträger begonnen, der 2008 Silber im Synchronspringen vom Turm und 2016 Bronze im Einzel vom Dreimeterbrett gewonnen hatte. Manche nennen ihm Mister Wasserspringen.
Plötzlich peitscht Hausding mit den Armen das Wasser. Er reißt den Mund auf, brüllt, springt auf, umarmt Lars Rüdiger, kurz darauf Trainer Christoph Bohm. Bronze hinter China und den USA, tatsächlich. „Es war ein extremer Gefühlsausbruch. Das war unmissverständlich sichtbar. Es gab vergleichbar noch nichts, wo ich so emotional drauf reagiert habe“, sagt Hausding. „Wir waren ja eigentlich schon weg vom Radar.“
In Dramen müssen sich Helden in Prüfungen beweisen. Dramen spitzen sich zu. „Es war so eine Last-Moment-Sache“, sagt Hausding. Und solche Last-Moment-Sachen sind für Beteiligte und Zuschauer oft tränenreich. Sogar Hausdings Professorin an der Humboldt-Uni erzählte ihm später, sie habe bei den Szenen Tränen in den Augen gehabt.
Den anderen Moment, ein paar Tage später, hält Hausding für verdrängungswürdig. Der Rekord-Europameister scheiterte nach Patzern im Einzel vom Brett schon in der Qualifikation. „Es war an dem Tag ein Schock. Es war Wehmut dabei, weil ich um meine gute körperliche Verfassung wusste, auch Scham“, sagt Hausding. Er zeigte seinen schlechtesten Wettkampf aller vier Olympischen Spiele, wo er bislang immer das Finale erreicht hatte. Vielleicht, sagt der Athlet des Berliner TSC, sei er durch die Last, die im Synchronspringen von ihm abfiel, nicht nervös genug an die Sache rangegangen.

Berlins Champions 2021
- 1. Elena Semechin (Para-Schwimmen)
- 2. Lena Hentschel (Wasserspringen)
- 3. Lisa Unruh (Bogenschießen)
- 4. Claudia Pechstein (Eisschnelllauf)
- 5. Lilly Stoephasius (Skatebord)
- 6. Johanna Schikora (Finswimming)
- 7. Felicia Laberer (Para-Kanu)
- 8. Stephanie Grebe (Para-Tischtennis)
- 9. Xiaona Shan (Tischtennis)
- 10. Lara Lessmann (BMX-Freestyle).
- 1. Patrick Hausding (Wasserspringen)
- 2. Olaf Roggensack/ Martin Sauer (Rudern)
- 3. Tim Hecker (Kanu)
- 4. Conrad-Robin Scheibner (Kanu)
- 5. Ali Lacin (Para-Leichtathletik)
- 6. Maximilian Schachmann (Radsport)
- 7. Pierre Senska (Para-Radsport)
- 8. Julian Weber (Leichtathletik)
- 9. Fabian Graf (Segeln)
- 10. Philipp Herder (Turnen).
- 1. Union Berlin
- 2. Alba
- 3. Eisbären
- 4. BR Volleys
- 5. Hausding/ Rüdiger (Wasserspr.)
- 6. ttc eastside
- 7. Kroppen/Schwarz/ Unruh (Bogensch.)
- 8. Wasserfr. Spandau 04 Frauen (Wasserb.)
- 9. Füchse
- 10. Lisa Jahn/ Sophie Koch (Kanu).
- 1. Urs Fischer (1. FC Union)
- 2. Aito Garcia Reneses (Alba)
- 3. Serge Aubin (Eisbären)
- 4. Cedric Enard (BR Volleys)
- 5. Christoph Bohm (Wasserspringen)
- 6. Jaron Siewert (Füchse)
- 7. Phillip Semechin (Para-Schwimmen)
- 8. Lars Kober (Kanu)
- 9. Pal Dardai (Hertha BSC)
- 10. Natalia Butuzova (Bogenschießen).
Hausding sieht Olympia dennoch als Ganzes: „Wenn das mein letzter Wettkampf gewesen sein sollte, dann war es ein super Wettkampf.“ Im Frühjahr will er die Entscheidung treffen, ob er 2022 noch bei der WM in Fukuoka antritt – oder die Sportkarriere beendet. Im Oktober hat Hausding die kroatische Wasserspringerin Marcela Maric geheiratet. Im Lehramtsstudium geht es Richtung Referendariat. Die Perspektiven verschieben sich. Dass er nun schon zum vierten Mal zu Berlins Sportler des Jahres gewählt wurde, empfinde er „als eine Riesenehre – wir haben so viele herausragende Sportler in Berlin“.
