Sportlegende Paul Breitner.
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MünchenPaul Breitner war seit jeher ein kritischer Geist. Als Spieler, aber auch nach seiner aktiven Karriere als Beobachter des Fußballs. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung zieht der 68-Jährige im Zusammenhang mit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der Fußball-Bundesliga ein paar erstaunliche Schlüsse.

Herr Breitner, nach 66 Tagen Pause, bedingt durch die Ausbreitung des Coronavirus, nimmt die Bundesliga am Wochenende wieder ihren Betrieb auf. Ganz prinzipiell: Gut so oder nicht?

Im Moment nicht, nein. Ich hätte es befürwortet, noch zwei oder drei Wochen zu warten. So hätten alle ein besseres Gefühl gehabt, wenn der Wiederbeginn des Fußballs mit weiteren Lockerungen des täglichen Lebens einhergeht. Und vielleicht hätten wir bei einem Abflachen der Infektionskurve nicht rund 1 000, sondern nur noch 500 Neuinfektionen täglich gehabt. Im Moment können wir nicht wissen, wie sich die Epidemie entwickelt und ob Ende des Jahres oder im nächsten Jahr die Bundesliga überhaupt noch existiert. Bei weiteren 14 Tagen Abwarten wäre die Akzeptanz für die Rückkehr des Fußballs sicher größer gewesen.

Die Profivereine entgegnen, dass sie die Saison unbedingt bis zum 30. Juni beenden wollen, um Streitigkeiten und Prozesse wegen der auslaufenden Spielerverträge zu vermeiden.

Es wird doch möglich sein, dass die Verträge bis zum 31. Juli gelten. Und was den Spielplan betrifft: Es sind nur zwei englische Wochen angesetzt – warum? Warum zieht man die Spiele nicht alle drei, vier Tage durch. Für Spieler gibt es doch nichts Schöneres – besser als Training.

Damit die Spieler nicht überlastet werden. Mediziner warnen vor erhöhter Verletzungsgefahr. Daher sollen nach Vorschlag des Weltverbandes Fifa auch fünf Auswechslungen möglich sein.

Drei reichen, basta. Da fehlt mir jegliches Verständnis, was soll das bringen? Mit einem Hinausschieben des Starts und vielen englischen Wochen am Stück wäre vielleicht sogar die Zulassung von einigen Fans in den Stadien möglich gewesen.

Wie stellen Sie sich das vor? Großveranstaltungen sind bis Ende August gänzlich untersagt.

Wenn in ein paar Wochen sukzessive die Grenzen wieder geöffnet werden und wir – natürlich unter Beachtung der Hygiene-Maßnahmen – ab nächster Woche in Bayern wieder in den Biergärten sitzen, hätte man auch eine Fußball-ähnlichere Situation in den Stadien schaffen können. Mit einigen Tausend Zuschauern, die im vorgeschriebenen Abstand zueinander sitzen. Zum Vergleich: Selbst wenn im Flugzeug der Mittelplatz frei bliebe, wäre der Abstand doch auch viel geringer, selbst zum Vorder- und Hintermann.

Aber wie soll die Anreise der Fans kontrolliert werden?

Ohne Auswärtsfans, nur mit Heimfans. Wenigstens die kämen dann in den Genuss eines Live-Spiels. Nehmen wir das Beispiel FC Bayern, der 35 000 Dauerkarten-Besitzer hat. Bei noch vier Heimspielen und dem Pokal-Halbfinale käme jeder Fan noch bei einem Spiel ins Stadion. 7 000 pro Partie, ohne Streit. Analog könnte man das, entsprechend der Größe der Stadien, bei den anderen Vereinen handhaben. Wir Deutsche sind doch Weltmeister im Reglementieren und Organisieren, wir würden auch das locker hinbekommen!

Momentan muss man sich mit Geisterspielen abfinden. Wird der Fußball ohne Fans anders?

Mit Sicherheit. Die Qualität des Spiels steigt. Einige Spieler werden befreiter auftreten, sich mehr zutrauen. Ohne die Fans, ohne die Emotionen von den Tribünen im Stadion ist der Druck geringer, die Nervosität sinkt. Viele Spieler werden sich freuen und durchschnaufen: Ach, ist das schön, mal nicht ausgepfiffen oder gar beleidigt zu werden. Öffentlich zugeben können sie das natürlich nicht.

Haben nun spielstärkere Mannschaften Vorteile gegenüber den Teams, die über die Emotion kommen und sich sonst durch die Wechselwirkung mit den Fans pushen?

Natürlich. Die Mannschaften, die ihren Angriffsfußball durchsetzen können, sind klar im Vorteil. Wir werden nicht so viele Fouls sehen, kein Gehacke. Die spielintelligenten, dominanten Mannschaften, die aktuell in der Tabelle oben stehen, sind auch am Ende der Saison dort zu finden. Der FC Bayern tritt am Sonntag bei Aufsteiger Union Berlin an. Das Stadion An der Alten Försterei wird kein Hexenkessel sein wie sonst, sondern ein gespenstischer Ort der Ruhe. Der Heimvorteil fällt weg. Normalerweise kommst du als Spieler eines Favoriten in so ein kleines, enges Stadion und willst eigentlich  nur noch weg. Manche Spieler können ihre Leistung nicht abrufen, weil sie gehemmt sind. Für die großen Teams sind Geisterspiele ein Riesenvorteil.

Also wird der FC Bayern wieder Meister?

Na sicher. Daran führt kein Weg vorbei – auch ohne Corona hätten die Bayern den Titel geholt.

Wie hoch ist das Risiko, das die Deutsche Fußball Liga geht?

Sehr hoch. Wenn die Bundesliga gestoppt werden muss, weil sich auch nur einer in den nächsten Wochen während eines Spiels ansteckt und dann ganze Mannschaften in Quarantäne geschickt werden, lösen sich die Pläne der Liga in Luft auf. Außerdem blicken alle anderen Ligen nun gespannt nach Deutschland. Vor allem Länder wie England oder Frankreich, wo Corona noch massiver aufgetreten und momentan präsenter ist.

Was auch eine große Chance bedeutet.

Es wäre eine einmalige Gelegenheit, die Bundesliga weltweit zu präsentieren, auch für die Sponsoren. Aber dann biete ich der Welt doch etwas, fange mit dem ersten Spiel um zwölf Uhr mittags an und zeige übers Wochenende ein Spiel nach dem anderen. Ein ganzes Wochenende Fußball, als Spektakel für unseren Fan und die ganze Welt. So hätte man trotz Zeitverschiebung in den verschiedenen Erdteilen attraktive Anstoßzeiten.

Freuen Sie sich schon, wenn ab dem Wochenende wieder über Dinge wie den Videobeweis diskutiert wird?

Endlich! Das brauchen wir dringend. Wir erleben eine Wiedergeburt, eine Befreiung. Corona wird uns weiter beschäftigen, aber bitte nur noch mit einer Sondersendung pro Woche – und nicht täglich. Kehrt der Fußball erfolgreich zurück, hat das auch eine Streuwirkung auf andere Sportarten.