BerlinPaul Drux ist in blendender Form. Das hat sich auch am Sonnabend beim 33:25 im EM-Testspiel gegen Island gezeigt, als der Profi der Füchse Berlin     in Abwehr und Angriff die auffälligste Figur im Spiel der deutschen Nationalmannschaft war. Vier der ersten fünf Treffer der DHB-Auswahl erzielte der 24-Jährige, er wurde danach von Bundestrainer Christian Prokop weitgehend geschont. Aus gutem Grund: Beim am Donnerstag beginnenden Turnier in Norwegen, Österreich und Schweden muss Drux in verletzungsbedingter Abwesenheit einiger Spitzenkönner noch mehr Verantwortung schultern als sonst.

Herr Drux, Sie werden bei der EM auch aufgrund der vielen Ausfälle in Offensive und Defensive gefordert sein. So dürfte im Besonderen für Sie die Belastungsverteilung für den Turnierverlauf von entscheidender Bedeutung sein. Bis zum Finale sind es neun Spiele in 18 Tagen.

Der Plan an sich ist schon irgendwo Wahnsinn. Es ist schade, dass dadurch die Leistungen hintenraus schlechter werden. Meist geht es in den Halbfinals und im Finale darum, wer die meiste Power hat. Dazu kommt, dass die Entfernungen auf den Reisen dieses Mal größer sind als sonst, auch wenn es mit dem Flugzeug für uns geht.

Soweit ich weiß, habe ich nichts Metallisches im Körper. Aber es stimmt schon, die meisten Spieler haben den einen oder anderen Eingriff hinter sich.

Paul Drux über Sicherheitskontrllen

Piept es eigentlich, wenn Sie durch die Sicherheitskontrolle gehen?

Nein, da bin ich unauffällig. Soweit ich weiß, habe ich nichts Metallisches im Körper. Das wäre bei den ganzen MRTs aufgefallen. Aber es stimmt schon, die meisten Spieler haben den einen oder anderen Eingriff hinter sich.

Wird die Dartscheibe wieder mit an Bord sein?

Ich glaube schon. Das wurde gut angenommen und ist eine nette Abwechslung. Da ist allerdings Ehrgeiz an der Tagesordnung, und es lässt keiner auf sich sitzen, wenn er verloren hat.

Ein guter Bekannter aus Berliner Tagen: Erlingur Richardson, Trainer der Niederlande, und Paul Drux haben bei den Füchsen schon zusammengearbeitet
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Die EM startet für die Deutschen in Trondheim. Wie beurteilen Sie die Vorrundengegner?

Die Niederländer haben sich in den letzten paar Jahren gut entwickelt und mit Erlingur (Trainer Richardson, d. Red.) einen Trainer, den ich aus gemeinsamen Tagen bei den Füchsen gut kenne. Sie sind nicht zu unterschätzen, aber unser Anspruch ist, zu gewinnen – genauso wie gegen Lettland. Gegen Spanien ist es dann hoffentlich das Spiel um den Gruppensieg.

Bei der WM vor einem Jahr kam das Aus in der Vorschlussrunde gegen Norwegen – eine bittere Niederlage, nachdem   man sich zuvor regelmäßig in einen Rausch gespielt hatte.

Ja, das war erschreckend zu sehen. Aber es ging letztlich um Kleinigkeiten.

Wir haben vorher eine richtig geile Abwehr gespielt und so sehr zugepackt, dass die Gegner keinen Bock hatten Sechs-gegen-Sechs gegen uns zu spielen.

Paul Drux über die WM 2018

Was waren diese Kleinigkeiten?

Wir haben vorher eine richtig geile Abwehr gespielt und so sehr zugepackt, dass die Gegner keinen Bock hatten Sechs-gegen-Sechs gegen uns zu spielen. In der Partie hat das nicht hundertprozentig funktioniert, und die Lücken waren teilweise zu groß. Das funktioniert auf dem Niveau nicht.

Die Defensive sollte dieses Mal wieder der Rückhalt sein?

Wir müssen über unsere Emotionalität kommen. Dazu haben wir zwei sehr gute Torhüter, die uns helfen werden. Wenn wir es hinkriegen, eine aggressive und starke Abwehr hinzustellen, haben wir eine Chance.

Ein anderes Problem der WM war die Effektivität, vor allem über die Außen.

Das ist oft eine Kopfsache. Wir haben super Außen und denen müssen und können wir vertrauen. Leider wird man auf der Position meist nur daran gemessen, wie die Quote ist. Wichtig wird ebenso sein, eine gute Wechselstrategie zu entwickeln. Auf dem heutigen Niveau kann fast keiner mehr 60 Minuten im Angriff und in der Abwehr durchspielen. Da hat Christian, glaube ich, schon einen genauen Plan, mit welchen Aufstellungen er agieren möchte.

EM-Halbfinale als Ziel

Welches Ziel hat sich die Mannschaft für diese EM gesetzt?

Wir wissen, wie so ein Turnier abläuft. Es ist wichtig, dass wir gut reinkommen, damit wir gleich ein gutes Gefühl haben und nicht an uns zweifeln. Dafür sind die ersten Spiele entscheidend. Wir wollen ins Halbfinale und gerne noch einen drauf setzen.

Also eine Medaille gewinnen. Wo heben Sie denn Ihre bisherigen Erinnerungsstücke auf?

In einer Kekskiste von Mutti, ich glaube mit Weihnachtsaufdruck. Die ist irgendwo im Schrank.

Für die Erinnerung an Olympia 2016, als Sie in Rio mit der deutschen Auswahl Bronze gewannen, benötigen Sie die Medaille aber vermutlich nicht, oder?

Nein, ich bin sehr stolz, sie zu haben, und würde sie gerne irgendwann meinen Kindern zeigen und davon berichten. Aber das zählt nicht. Das mit dem Team geschafft zu haben, die Momente wie beispielsweise der Auftritt danach im Sportstudio, daran erinnert man sich. Dafür brauche ich keine Medaille.

Ist die Qualifikation für Olympia in Tokio 2020 bei der EM für Deutschland möglich?

Das ist das große Ziel. Um ins Finale zu kommen, braucht man allerdings immer etwas Glück. Bei der Leistungsdichte kann es viele Überraschungen geben. Aber unmöglich ist es nicht, man muss daran glauben. Es wäre schön, sich über das Turnier qualifizieren zu können.

Wer ist Ihr Favorit für den EM-Titel?

Auf jeden Fall die Dänen als amtierender Weltmeister. Spanien ist immer eine Mannschaft, mit der man rechnen muss, genauso Frankreich und Norwegen. Doch es gibt bei so einem Turnier meistens eine Überraschung.

Die deutschen Handballer um Paul Drux (l.) feiern die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro.
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Die Skandinavier haben Heimvorteil. Wie besonders war das bei der WM in Deutschland vor einem Jahr?

Das kann schon pushen. Die Euphorie war der Wahnsinn. Die Leute haben vor dem Hotel auf uns gewartet und Spalier gestanden. Das kannte ich bisher nur vom Fußball. Das war ein großes Sportfest, hat viele begeistert, neue Fans gewonnen und ein absolut positives Licht auf unsere Sportart geworfen.

Das WM-Halbfinale hatte 2019 sogar die höchste Einschaltquote bei einem Sportereignis.

Das ist richtig gut für uns. Man muss jedoch auch sagen, dass zu der Zeit kein Fußball-Großereignis war. Es ist gut, dass die EM wieder in den Öffentlichen übertragen wird. Viel Medienpräsenz geht über den Fußball, damit sind allerdings immer mehr Menschen unzufrieden.

Was macht den Handball aus?

Wir tun viel dafür, jungen Menschen ein gutes Vorbild zu sein und Werte zu vermitteln. Man hat ein faires Miteinander, egal aus welchem Land der andere kommt, welche Hautfarbe derjenige hat, ob er eine Behinderung hat oder was auch immer. Das macht den Sport aus.

Werte, die man vom Kindesalter an vermitteln kann?

Ja. Man lernt aber genauso sich zu bewegen, hinzufallen und wieder aufzustehen. Das kann mal wehtun, aber das gehört zum Leben dazu. Man lernt sich im Mannschaftsgefüge einzuordnen, den Ball abzugeben und sich zu freuen, wenn der andere ein Tor macht. Das ist nicht alltäglich und geht vielleicht in anderen Sportarten schon mal unter.