Wegen seines wuchtigen Körpers ist PC Labrie ein gefürchteter Gegenspieler.
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BerlinBei den Eisbären nennen sie ihn nur PC. Im Laufe seiner Karriere betitelten Fans und Kollegen Pierre-Cédric Labrie, 33, mal als Mauer, sie riefen ihn Elch oder fürchteten das Eismonster. Schmeichelhaft klingt anders, aber wer rund 106 Kilogramm bei 1,91 Meter Körpergröße als Gardemaß aufweist, dazu stolz Vollbart trägt, weckt gewisse Befürchtungen bei seinen Gegenspielern und Erwartungen bei den eigenen Anhängern.

Dem Kanadier gefällt diese Rolle, auf dem Eis versteht er sich als eine Art Bodyguard für seine Kollegen. „Ich versuche meine Kumpels zu verteidigen, sie sollen sich auf dem Eis wohlfühlen“, definiert er seine Rolle. Tore und Vorlagen, die häufig zurate gezogen, um die Leistungen eines Stürmers zu bewerten, sind für ihn zweitrangig. „Jeder Treffer ist für mich ein Bonus“, sagt er. Checks, Zweikämpfe, geblockte Schüsse – diese Kategorien zählen. „Man darf von ihm keine Kunststücke erwarten, aber er ist ein großartiger Führungsspieler“, lobt Headcoach Serge Aubin seine Nummer 23.

Labrie offenbart Torjägerqualitäten

Zuletzt offenbarte Labrie seine Qualitäten im Abschluss. Beim 2:1 gegen die Schwenninger Wild Wings am Sonntag erzielte er bereits seinen vierten Treffer in diesem Jahr, acht Tore zählt seine Gesamtausbeute. Es war eine für ihn typische Szene. Mit seinem wuchtigen Körper stand er vor dem Tor und irritierte den gegnerischen Torwart, dann fälschte er den Puck mit dem Anfangsverdacht auf hohen Stock   ab. „Bei vielen meiner Tore ist es ja so, dass der Puck von meinem Körper irgendwie ins Tor fällt“, sagt Labrie. Verändert habe er sein Offensivspiel eigentlich nicht. „In den Wochen, als wir wegen der vielen Verletzungen mehr Eiszeit bekamen, haben sich die Rollen etwas verändert. So haben sich mehr Torgelegenheiten ergeben.“

Die EHC-Verantwortlichen wussten anfangs nicht so genau über Labries Leistungsstand Bescheid, als sie ihn zunächst mit einem Try-out-Vertrag ausstatteten und ihm zum Trainingscamp im Sommer einluden. Nachdem er die vergangene Saison in der drittklassigen East Coast Hockey League begonnen hatte, dachte er selbst, dass sich seine Karriere dem Ende nähert. Zumal der 46-fache NHL-Profi   eher die Rolle eines Assistenzcoaches auf dem Eis eingenommen hatte. Doch dann kam das Angebot aus Deutschland. „Ich habe mir das lange überlegt, weil ich ja nicht mehr der Jüngste bin, aber diese Herausforderung hat mich noch mal gereizt.“

Eishockeykarriere vor dem Aus

Unterschätzt zu werden, und deshalb umso härter kämpfen zu müssen, um   Ziele zu erreichen, ist ein Gefühl, das Labrie durch seine gesamte Karriere begleitet. Mit nicht einmal 18 Jahren hegte er massive Zweifel, ob er jemals in der Lage sein wird, mit Eishockey seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Neben den Trainingseinheiten mit einem Nachwuchsteam jobbte er im Supermarkt, oft von Mitternacht bis 8 Uhr morgens. „Ich hatte damals überlegt, zu meiner Mutter zu ziehen und das College zu besuchen, auch konnte ich mir vorstellen, als Feuerwehrmann zu arbeiten“, erzählt er.

Er ist ein supernetter Kerl, und es ist schön, dass er auf dem Eis auch seine andere Seite zeigen kann. Ich bin sehr froh, ihn an meiner Seite zu haben.

Florian Kettemer

Bei Freizeitspielen mit Kumpels fand Labrie den Spaß wieder. Er biss sich in verschiedenen Nachwuchsligen durch und erhielt für die Saison 2007/2008 seinen ersten Profivertrag in der American Hockey League (AHL), bei Manitoba Moose. Bei der Franchise aus Winnipeg, die dem Namen entsprechend den Elch im Vereinswappen trägt, kam er gut an. „Ich war der Elch auf dem Eis bei den Elchen“, erinnert er sich. Und obwohl Labrie niemals gedraftet wurde, folgte vier Jahre später die Krönung mit dem Debüt für Tampa Bay Lightning in der NHL. Das stete Pendeln zwischen verschiedenen Ligen und Städten zog sich aber auch weiterhin durch die Karriere. Vor seinem Wechsel nach Berlin stand er bei über 15 Klubs unter Vertrag. „Richtig anzukommen war schwierig für mich“, sagt Labrie.

Heimatgefühle in Berlin

Ausgerechnet in Berlin hat er dann schnell Heimatgefühle entwickelt, die er andernorts oft vermisst hat. Als beinharter Eishockeykämpfer, der außerhalb des Eises eine herzliche Wärme und Lebensfreude ausstrahlt, hat er nicht nur die schnell die Sympathien der Kollegen gewonnen. Verteidiger Florian Kettemer sagt: „Er ist ein supernetter Kerl, und es ist schön, dass er auf dem Eis auch seine andere Seite zeigen kann. Ich bin sehr froh, ihn an meiner Seite zu haben.“ Auch die Fans wissen Labries Art immer mehr zu schätzen, weil er eben nahbarer ist als viele andere Kollegen, sich voll mit dem EHC identifiziert. „Ich merke, dass mich viele Fans mögen“, sagt er, „ich muss aber noch besser Deutsch lernen, um die Sprachbarriere abzubauen.“

Sein Vertrag läuft bis zum Saisonende, er hofft aber, dass er mit seiner Frau, Tochter des ehemaligen NHL-Torwarts Patrick Roy, und seinem Sohn noch lange in Berlin bleiben darf. Um auch das eine oder andere Mal seiner neuen Leidenschaft Fußball frönen zu können. Beim Heimspiel des 1. FC Union gegen den SC Freiburg am 19. Oktober besuchte er zum ersten Mal ein deutsches Fußballstadion, und ist seitdem Union-Anhänger. Große Sympathien hegt er für kampfbetonte Spieler im Team wie Marius Bülter oder Robert Andrich. Weil sie einen ähnlichen Stil wie er pflegen. Selten spektakulär, aber stets mannschaftsdienlich.