Zumindest den Feueralarm im Hotel nahm Pep Guardiola scheinbar gelassen hin. In eine Decke gehüllt und mit einem Smartphone ausgestattet knipste der Trainer des FC Bayern − wie auf einigen Bildern zu sehen ist − amüsiert den außerplanmäßigen Ausflug ins Moskauer Nachtleben, zunächst auf der Straße, später in einer nahen Bar. Rund 90 Minuten vergingen in der Nacht auf Montag, ehe die Mannschaft ins Ritz Carlton zurückkehren durfte. Argwöhnische Beobachter vermuteten gar einen gezielten Fehlalarm, der überdies zeitlich ungünstig platziert war. Nicht allein wegen der gestörten Vorbereitung auf das zweite Gruppenspiel in der Champions League an diesem Dienstag bei ZSKA (18 Uhr MESZ), sondern auch, weil sogar Moskaus Nachtleben an einem Sonntagabend eher unspektakulär daherkommt.

Die ungewollte Exkursion kurz vor der Geisterstunde fügte sich ins Bild, das auch die Begegnung in der Khimki-Arena begleiten wird. Wegen wiederholter rassistischer Vorfälle der Anhänger ist ZSKA von der Uefa mit einem Zuschauerausschluss belegt worden. „Das ist sicherlich eine komische Konstellation, aber es ändert ja nichts an der Tatsache, dass wir da gewinnen wollen, ich würde fast sagen: gewinnen müssen“, gab Sportvorstand Matthias Sammer gegenüber dem Bayerischen Fernsehen in Auftrag. Thomas Müller hat von der Atmosphäre im nahezu leeren Stadion so seine eigenen Vorstellungen. „Es ist natürlich eine komische Situation, wobei: Die Journalisten sind ja zugelassen, dann erwarten wir uns von denen schon die ein oder anderen Gesänge“, witzelte er.

Unterschiedliche Auffassungen

So gut gelaunt und sportlich optimistisch die Münchner die außergewöhnlichen Begleitumstände auch hinzunehmen scheinen, so deutlich wurde ebenso, dass es intern durchaus weniger vergnügt zugeht. Wieder einmal hatte Guardiola ja nach dem souveränen 2:0 beim 1. FC Köln erkennen lassen, dass ihn mit Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt vor allem unterschiedliche Auffassungen verbinden. Weil Innenverteidiger Jérôme Boateng in Köln zum zweiten Mal hintereinander vorzeitig den Dienst quittieren musste, klagte Guardiola: „Er muss immer vorzeitig raus. Wir können nicht in jedem Spiel einen Abwehrspieler wechseln. Abwehrspieler spielen normalerweise von der ersten bis zur letzten Minute.“ Und weiter: „Wir müssen noch mal mit den Ärzten sprechen.“ In Klammern ließ sich hinzudenken: ein ernstes Wörtchen.

Seit Monaten schwelt dieser Disput zwischen Guardiola und Müller-Wohlfahrt, und dem Trainer missfällt auch, dass der Verein den langjährigen Arzt zuletzt noch einmal gestärkt hat. Als Guardiola Thiago Alcántara nach dessen Innenbandanriss im Knie im April zur Behandlung nach Barcelona entsandte, dieser nach einer umstrittenen Kortison-Therapie erneut einen Innenbandanriss erlitt, operiert werden musste und bis auf weiteres ausfällt, soll es zum offenen Streit zwischen Arzt und Trainer gekommen sein. Müller-Wohlfahrt soll vorab vor den Kortison-Risiken gewarnt haben. Der Klub entzog Guardiola daraufhin jegliche Befugnisse für medizinische Entscheidungen, heißt es.

Der Trainer arbeitet also mit einem Arzt seines Misstrauens, der ebenfalls für die deutsche Nationalmannschaft tätig ist. Müller-Wohlfahrt genießt in Teilen der internationalen Sportwelt einen herausragenden Ruf, es gibt aber auch Kollegen, die durchaus mit Befremden auf seine Methoden blicken, genauso wie der fortgeschrittene Laie Guardiola. Der Argwohn gilt beiderseits, Müller-Wohlfahrt hat seine Vorbehalte dem Vernehmen nach im Verein deutlich zum Ausdruck gebracht.