Per Mertesacker lebt seit etwas mehr als einem Jahr in London. Seit Montag weilt der Nationalspieler mit dem DFB-Team in einem Frankfurter Nobelhotel. Am Samstag, beim 3:1-Sieg seines Premier-League-Klubs FC Arsenal im Derby bei West Ham United, hätte er fast ein Tor aus der Drehung erzielt. Der 28-Jährige und sein neuer Teamkollege Lukas Podolski haben sich in der Metropole und im Klub bestens eingelebt.

Herr Mertesacker, Sie sind Fußball-Nationalspieler, Ihre Freundin war Handball-Nationalspielerin. Kann Ihr 17 Monate alter Sohn Paul schon schießen oder werfen?
Er wird auf keinen Fall irgendwo reingedrängt. Wir sind eine sportliche Familie, er wird sicher sportlich aufwachsen, aber vielleicht macht er auch etwas ganz anderes.

Soll er zweisprachig groß werden?
Das auf jeden Fall. Es ist doch ein Segen, wenn man schon im Kindergarten eine zweite Sprache lernen kann.

Wie sieht es mit Ihrem Englisch aus?
Ich war wegen meiner Verletzung im Frühjahr sehr viel in Deutschland in der Reha. Das hat mich auch beim Englischlernen etwas aufgehalten. Aber ich bin auf einem guten Weg. Man muss sich halt auch trauen, alle zwei, drei Wochen ein Interview auf Arsenal-TV zu geben. Das lief dort immer schon recht gut. Jetzt müssen Lukas und ich nur aufpassen, dass wir nicht allzu oft ins Deutsche fallen.

Lukas Podolski hat nach seinem ersten Tor beim Sieg in Liverpool Anfang September schon ein Fernseh-Interview auf Englisch gegeben.
Ja, da kann er wirklich stolz sein. Um in England anzukommen und gemocht zu werden, muss man von Anfang an versuchen, sich anzupassen. Ich habe das auch getan, und ich muss sagen: Von den Vokabeln, die ich jetzt schon kann, hätte ich vor einem Jahr nur geträumt.

Als Deutscher hat man in England nicht so einen leichten Stand. Werden Sie oft ein wenig auf den Arm genommen von den Teamkollegen?
Wir sind nicht der Erzfeind der Engländer, wie ja oft kolportiert wird. Aber man muss natürlich eine Prise Humor abkönnen. Es ist vielleicht so eine Art Hassliebe, wobei ich deutlich mehr Sympathien spüre.

Sie sind als Fußballprofi ja auch ein moderner Wanderarbeiter. Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Wanderarbeiter ist mir zu hart formuliert. Ich bin in Hannover aus der Jugend gekommen, habe nach der WM 2006 den nächsten Schritt gemacht bei Werder Bremen, wo ich fünf sehr gute Jahre hatte, und jetzt bin ich seit einem guten Jahr in London.

Haben Sie schon ein Heimatgefühl entwickelt, wenn Sie in London die Haustür aufschließen?
Auf alle Fälle freue ich mich jedes Mal sehr auf Freundin und Kind, denn ich bin ja viel unterwegs. Es ist noch mal ein ganz anderes Gefühl, wenn man sich eine kleine Familie aufgebaut hat.

Wie gefällt Ihnen das Leben in London?
Wir leben in Hampstead mit relativ viel Grün um uns herum. Man kann sich in den Park legen, überall sind tolle Spielplätze. Wirklich vom Allerfeinsten. Wir fühlen uns dort sauwohl.

Den Linksverkehr haben Sie auch drin?
Den hatte ich nach einer Woche drin. Es ist eher ein Problem, wenn man dann wieder nach Deutschland kommt.

Sie gehörten in Bremen zu denjenigen Profis, die nach dem Training ausgiebig Autogramme gegeben haben. In London trainieren sie abgeschottet.
Auf dem Arsenal-Gelände wird man völlig in Ruhe gelassen, man kann ganz entspannt ins Auto steigen, keine Fans, keine Presse. In Deutschland ist es so: Wenn es schlecht läuft, spürst du potenziert, dass es schlecht läuft, weil jeder dich drauf anspricht. Und dann geht es dir noch viel schlechter. Du musst ständig auf negative Anfragen reagieren, darauf hast du natürlich keine Lust. Als ich zu Arsenal gekommen bin, hatte die Mannschaft gerade 2:8 in Manchester verloren. In Deutschland hätte es nach einer solchen Niederlage eine Woche lang gebrannt. Da hast du nichts gemerkt.

In Deutschland haben Sie auch viele schöne Momente erlebt, die Menschen haben Ihnen ausgiebig auf die Schultern geklopft. Vermissen Sie das in England?
Es ist nicht so, dass die Fans einen ganz in Ruhe lassen. Die sind ein bisschen verrückt und stehen an den Ampeln auf den Straßen, die vom Trainingsgelände wegführen, manchmal 50 bis hundert Kinder. Da dreht man dann das Fenster runter, und dann bilden sich oft große Pulks.

In Deutschland ist die Gewalt in den Stadien und drum herum ein großes Thema. Wie erleben Sie das in England?
Die Rivalität ist überall groß. Da wird nichts hergeschenkt, das spürt man als Spieler. Es herrscht eine Grundstimmung, die die gegnerische Mannschaft beeindrucken soll. Aber wenn man dann ein Auswärtsspiel gewonnen hat, wie wir Anfang September in Liverpool, dann ist der Respekt zu spüren. Wir waren nach Liverpool mit dem Zug unterwegs. Als wir angekommen sind, haben die Liverpool-Fans noch versucht, uns einzuschüchtern, nach dem Spiel sind sie am Bahnhof zu uns gekommen und haben uns zu unserer Leistung beglückwünscht.

Sie haben das Training unter Arsène Wenger als völlig anders als das zuvor in der Bundesliga beschrieben. Was ist so anders?
Es wird sehr, sehr viel Wert auf das Kurzpassspiel gelegt. Man hat absolute Ruhe und Gelassenheit, da bricht niemand in Hektik aus. Aber es wird auch erwartet, dass man immer hochkonzentriert bei der Sache ist.

Haben Sie sich in England weiterentwickelt?
Hmm, ich will das so noch nicht sagen, ich war lange verletzt. Aber der Wechsel war für mich absolut richtig. Es ist ein Schritt, der mich zukünftig weiter bringen wird: diese Härte, dieser Kombinationsfußball. Ich habe das Gefühl, die Premier League ist noch einmal stärker geworden, noch ausgeglichener.

Es fällt auf, dass Arsenal in der Einkaufspolitik etwas zurückhaltender ist als andere Klubs?
Stimmt. Wir sind eher ein ruhiger Verein. Bei uns werden sogar Transferüberschüsse erwirtschaftet. Dafür steht dieser Verein. Jeder Spieler bei uns identifiziert sich damit total.

Sie bilden gemeinsam mit dem Belgier Thomas Vermalen die Innenverteidigung. Wie ist da die Arbeitsteilung?
Er ist ein dynamischer Spieler, der gerne auch mal vorne reinstößt, ich bin ein Spieler, der gerne absichert und gerne auch mal richtig steht. Das passt derzeit gut. Aber wir haben zwei komplette Mannschaften mit wirklich hoher Qualität im Kader, dessen bin ich mir bewusst. Ich bin froh, dass mein Name vor dem ersten Spiel auf der Tafel stand. Bis dahin hatte ich keine Tendenz gespürt.

Interview: Jan Christian Müller