Per Mertesackers Rücktritt aus Nationalelf: Abschied mit Halbwahrheiten

Als Weltmeister darf man das so formulieren, allerdings schrammt dieser Satz von Per Mertesacker doch ein bisschen an der Wahrheit vorbei. Der Abwehrspieler hat jedenfalls Folgendes gesagt: „Es kommen viele junge, frische Spieler nach, und es ist jetzt einfach der Zeitpunkt gekommen, diesen Jungen den nächsten Schritt zu ermöglichen.“ Korrekterweise müsste es wie folgt lauten: „Die vielen jungen, frischen Spieler, die da kommen, haben mich zu meinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft bewogen.“

Ja, nach Philipp Lahm und Miroslav Klose hat nun auch Per Mertesacker seinen Abschied aus dem DFB-Team erklärt. Nach 104 Länderspielen, was in der Länderspielsammlertabelle für den Moment Platz acht zur Folge hat. Hinter Jürgen Kohler (105), vor Franz Beckenbauer (103). In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärte der 29-jährige Mertesacker, dass er sich nun vollends auf seinen Job in der englischen Premier League konzentrieren wolle: „Ich will mit dem FC Arsenal Meister werden, eventuell auch in der Champions League angreifen.“

Das Ende selbst bestimmen

Die Weltmeisterschaft mit Titelgewinn im Finale gegen Argentinien, als er in der Verlängerung der Nachspielzeit als Schutzschild gegen einen möglichen Ausgleich zum Einsatz kam, sei ein „goldener Abschluss“ gewesen, sagte er. Und: „In erster Linie ging es für mich darum, nach zehn Jahren in der Nationalmannschaft das Ende dieses Kapitels selbst zu bestimmen.“

Womit wir wieder bei einer Halbwahrheit angekommen wären. Denn schon im Verlauf der WM zeichnete sich ab, dass der Bundestrainer Joachim Löw in letzter Konsequenz nicht mehr in die Fähigkeiten des oft etwas ungelenk wirkenden Innenverteidigers vertraut. Nach dem Achtelfinale gegen Algerien, in dem die deutsche Elf größte Probleme hatte, verlor er seinen Stammplatz, den er sich in den letzten Monaten vor dem Turnier in Südamerika wider Erwarten gesichert hatte. Löw stellte um, zog für das Viertelfinale gegen Frankreich Lahm aus dem Mittelfeld auf die rechte Verteidigerposition zurück und ließ Jérôme Boateng an der Seite von Mats Hummels im Zentrum verteidigen.

„Was wollen Sie?"

Mertesacker musste auf die Bank, murrte dabei nicht, was ihm später von allen hoch angerechnet wurde. So rettete er seinen Ruf als Musterprofi, der nach einem mittlerweile schon fast legendären Fernsehduell mit dem ZDF-Reporter Boris Büchler („Was wollen Sie? Wollen Sie eine erfolgreiche WM oder wollen Sie ausscheiden?“) aus gutem Grund in Zweifel gezogen wurde.

Die sportliche Degradierung durch den Bundestrainer muss jedenfalls einen Prozess in Gang gesetzt haben. Denn nach seinem 100. Länderspiel, das er gegen Ghana in der Gruppenphase bestritt, klang das alles doch ein bisschen anders. „Es macht einfach riesigen Spaß. Auch hier bei der WM. Ich möchte mich weiter voll einbringen und noch ein paar Highlights genießen.“

Wir schließen mit einer Wahrheit. „Junge Spieler werden nachkommen. Uns muss jetzt nicht angst und bange sein. Wir sind so gut besetzt wie noch nie.“ Klingt nach Joachim Löws Reaktion auf Mertesackers Abschied, ist es aber nicht. Die Worte stammen von Per Mertesacker, dem „Langen“, der eine längere Nationalmannschaftskarriere hingelegt hat, als viele bei seinem Debüt am 9. Oktober 2004 in Teheran dachten. (mit Agenturen)